Foto: Demonstration zum Antikriegstag und Verleihung des Aachener Friedenspreises

AFPdemo2010

Weitere Fotos siehe HIER; Informationen und Redebeiträge zur Verleihung des Aachener Friedenspreises 2010 im Blog unter folgender BEGRIFFSUCHE abrufbar (ggf. scrollen)…

Rechts: Neonazi-Hetze im virtuellen Raum

Das weltweite Netz wächst – auch seine braunen Seiten. Neonazis verbreiten ihre Hetze heute weltweit via Internet und haben längst auch das Web 2.0 für sich entdeckt. Blogs und Communitys dienen ihnen zur Vernetzung.

Aachen. Die Bluttat ereignet sich gegen 23 Uhr. Als die Ermittler ihre Arbeit aufnehmen, machen unter Neonazis schon erste Meldungen die Runde. „Nationalist von vier Türken ermordet“ meldet ein wichtiges Neonazi-Infoportal gegen 2 Uhr. Man ruft zu einer „Mahnwache in Stolberg“ am Nachmittag auf. Kurz darauf streut ein NPD-Führer über Rundmails, ein „Kamerad“ sei „abgestochen“ worden. Unzählige Neonazi-Seiten und -Foren verbreiten die „Nachricht“ binnen Stunden. Neonazis posten Einträge in den Kommentarspalten von Onlinemedien. Rund 15 Stunden nach der Tat marschieren 170 ultra-agressive Neonazis in Stolberg auf, acht Tage später reisen rund 800 aus ganz Deutschland an.

Größtenteils emotionalisiert und mobilisiert wurden die Neonazis und NPD-Leute im Frühjahr 2008 überwiegend über das Internet. Während sie schon in der Nacht ihre Propagandalügen verbreiteten, dauerte es rund 10 Stunden, bevor die Polizei offiziell per Presseinformation mitteilte: „Junger Mann bei Messersteicherei in Stolberg getötet.“ Die Mär, dass einem „Kameraden“ in der „Stolberger Blutnacht“ kaltblütig von Migranten aufgelauert wurde und er von diesen erstochen worden sei, geisterte jedoch via Web noch über Monate durch die Braunszene, obschon das Opfer der tragischen Bluttat gar kein Mitglied der Neonazi-Szene war.

Rechtsextremisten sind heute mit ihren Hassparolen immer stärker im Internet aktiv und versuchen dort Jugendliche für ihre Propaganda zu gewinnen. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den die gemeinsame Stelle der Bundesländer für den Jugendschutz, jugendschutz.net, unlängst in Berlin vorlegte. Sie registrierte im vergangenen Jahr 1.872 deutschsprachige Websites aus der Neonazi-Szene – das waren 237 mehr als im Jahr 2007 und 839 mehr als noch 2005. Die Arbeitsstelle beobachtet zudem, dass sich Neonazis immer stärker über eigene Webcommunitys vernetzen. Nach Angaben von jugendschutz.net verdreifachten sich solche deutschsprachigen, braunen Foren innerhalb eines Jahres nahezu auf mehr als 90. Auch die Zahl der registrierten NPD-Angebote stieg im Web um knapp 30 Prozent auf 242.

Neonazis und Rechtsradikale wollen indes ihre Propaganda nicht nur den eigenen Anhängern präsentieren. Schon vor fünf Jahren rief etwa ein Teilnehmer eines von Neonazis genutzten Diskussionsforums dazu auf, aus dem „Ghetto herauszutreten und andere Politikforen zu infiltrieren“. jugendschutz.net hat auch das beobachtet und aktuell abertausende rechtsextreme Beiträge in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf Videoplattformen wie YouTube erfasst. Rechtsextremen Aktivitäten verlagern sich zunehmend auch in das Web 2.0, dem so genannten Mitmachinternet.

Nicht immer treten Neonazi-Gruppen im Internet so klar erkennbar auf wie die eng mit der NPD verwobene „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL). Sie bejubelte virtuell auf ihrer „Weltnetzseite“ am 20. April 2010 neben dessen Bild einen der größten Massenmörder und Kriegsverbrecher: „Unser Führer hat Geburtstag! […] Herzlichen Glückwunsch, Adolf Hitler!“ Und schon im Januar 2009 hatte die „Anti-Antifa Herzogenrath“ (AAFAH) Steckbriefe von Nazigegnern online gestellt. Zeitgleich publizierte Daten über einen Neonazi-Aussteiger wurden von der AAFAH garniert mit dem Hinweis, der Jugendliche sei „zum Abschuß freigegeben!“

Personen aus jenem Umfeld mobilisieren derzeit mittels einer Homepage in unverfänglichem Layout zu einem Aufmarsch gegen einen Moschee-Neubau in Aachen. Allzu fremdenfeindliche Hetze findet sich auf der Aktionsseite nicht. Aber weil die Neonazis und Hitler-Verehrer von der Stadt Aachen in einem Text als „brauner Pöbel“ angegangen wurden, kritisieren die Anhänger der antidemokratischen, menschenfeindlichen Politik ihrerseits nun den „Hass-Aufruf“ ihrer Gegner. Diese seien „inländerfeindliche Demokraten“, so die Neonazis.

Vor Jahren hätten sie das oft nur in Hinterzimmern von Kneipen oder per Szenezeitschriften ihrer kleinen Anhängerschaft gegenüber mitteilen können. Im virtuellen Raum erreichen sie mit der Propaganda theoretisch jeden Surfer. [© Michael Klarmann; für AN/AZ (Netzseiten)]

Rechts: KAL-Eschweiler hat neben den Spritkosten auch noch Geld für Sprühlack… [24]

Dokumentation: Erneute Sachbeschädigung mit Gestank

Aachen. In der zurückliegenden Nacht zerstörten Unbekannte die Glaseingangstür eines Hotels [, welches die NPD angeblich kaufen will; mik(1)] auf der Friedlandstraße und brachten anschließend eine übel riechende Flüssigkeit in die Innenräume ein. Ein ähnliches Delikt wurde bereits vor einer Woche, in der Nacht vom 25. auf den 26. August, am nahe gelegenen Bahnhofplatz an einem Restaurant verübt. Wie bereits berichtet hatten die Täter dort eine Fensterscheibe eingeschlagen und anschließend ebenfalls eine übel riechende Flüssigkeit eingebracht. In beiden Fällen sucht die Polizei zur Aufklärung nach Zeugen. Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, werden gebeten sich bei der Aachener Polizei zu melden. [Textquelle: Polizeibericht]

[1] Siehe dazu: Buttersäureanschlag auf Aachener Hotel

ÜberRechts: Ewig Gestrige nutzen höchst effizient das Web

Aachen. Rechtsradikale werden oft als „ewig Gestrige“ tituliert – doch das moderne Internet nutzen sie höchst effizient für ihre Propaganda. Die gemeinsame Stelle der Bundesländer für den Jugendschutz, jugendschutz.net, wies kürzlich erst auf diese Gefahren hin. Bücher und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema sind bisher noch selten. Der Sammelband „Rechtsradikalismus im Internet“ bietet hier Abhilfe.

Das Buch, herausgegeben von dem Politologen Christoph Busch (Universität Siegen), enthält verschiedene Arbeiten von Wissenschaftlern, Fachautoren und Studierenden. Die Beiträge thematisieren die Nutzung des Webs durch Rechte in vielen Facetten, bewerten das weite Feld im Rahmen der Politik- und Rechtswissenschaften sowie der Sozialforschung.

Einerseits verbreiten auch deutsche Neonazis offen Hassparolen via Web – da sie jedoch dazu auch Server im Ausland nutzen, ist eine Strafverfolgung problematisch. Zudem nutzen Neonazis das Web für den Handel mit Hassmusik, eigenen Modemarken, rechter Literatur und NS-Devotionalien. Über Homepages und Blogs verbreiten Neonazi-Gruppen und Parteien Propaganda, die Bandbreite reicht dabei von mit Hakenkreuzen ausstaffierten Homepages bis hin zu unverdächtig wirkenden Infoportalen.

Rechtsradikale verfügen auch über eigene Singlebörsen, Diskussionsforen und Soziale Netzwerke. Zugleich tummeln sie sich bei Facebook, You Tube, SchülerVZ und StudiVZ. Teilweise treten sie dabei erkennbar und radikal auf, andererseits verbreiten sie unter dem Deckmantel des unverdächtig wirkenden Users in Kommentarspalten von Onlinemedien ihre Ansichten im weich gespülten Duktus.

Die wissenschaftliche Herangehensweise mag bei einigen Beiträgen im Buch für Laien nicht immer lesefreundlich sein. Insgesamt aber bietet „Rechtsradikalismus im Internet“ Interessierten und Fachleuten wichtige Informationen – besonders in jenen Beiträgen, die analysieren, wie Rechtsradikale das Web äußerst professionell nutzen und sich im Gewand von Bürgerrechtlern präsentieren, obschon hinter der Fassade der Nationalsozialismus durchschimmert. [© Michael Klarmann; für AN (Politik)]

Christoph Busch (Hrsg.), Rechtsradikalismus im Internet, Siegen 2010 (Universitätsverlag Siegen), 388 S., Euro 14,95

Rechts: Von Schlägereien und Schmierereien zu Sprengsätzen?

Aachen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dann ist er jetzt erbracht: Die Gewaltbereitschaft der rechtsextremen Szene nimmt zu. Und mittendrin ein 19-Jähriger aus Aachen, der am Mittwoch in Richterich festgenommen und nach Berlin gebracht wurde. Dort wurde ihm verkündet, dass ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt, wegen Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens. Heute soll der junge Mann dem Haftrichter vorgeführt werden, immerhin droht eine Strafe von bis zu fünf Jahren. WEITER

GegenRechts: Rassebegriff reif für den Müllhaufen der Geschichte

Aachen. Anlässlich der Verleihung des Aachener Friedenspreises am heutigen Abend veröffentlicht „Klarmanns Welt“ die leicht redigierten Manuskripte zu den Redebeiträgen während der Preisverleihung – mit Bezug zu dem nationalen Preisträger, Austen Peter Brandt und „Phoenix e.V.“. Nachfolgend Auszüge aus der Dankesrede von Brandt:

Sehr geehrte Damen und Herren, im Namen aller Phoenix-Mitglieder bedanke ich mich für die Verleihung des Aachener Friedenspreises. Als Verein existieren wir seit 1993. Wir führen Anti-Rassismus-Trainings und Empowerment-Trainings durch. In unserer Vereinsarbeit geht es darum, den Folgen des Rassismus im persönlichen und strukturellen Bereich Alternativen und Strategien entgegenzusetzen. Phoenix – für eine Kultur der Verständigung, mit Mitgliedern aus 32 verschiedenen Nationen.

Die Verleihung des Preises ist für unseren Verein ein wichtiger Schritt in der Entwicklung; gehören wir ja nicht zu den ganz Großen mit unseren fast 300 Mitgliedern. Die Verleihung und die damit verbundene Öffentlichkeit ist auch eine Herausforderung für uns. Bisher haben wir unsere Arbeit eher nach dem Motto getan. „Tue Wichtiges, aber sprich nicht darüber.“ Die Zurückhaltung bei unserer Arbeit entspringt nicht einer zwanghaften Scheu vor zu viel Publizität, sondern ist die Folge von Erfahrungen, die einige von uns insbesondere in den 80er und frühen 90er Jahren gewonnen haben.

Damals war das Gespräch über Rassismus ein noch größeres Tabu in unserer Gesellschaft als heute und mir fiel immer wieder auf, dass sogar Menschen, die gegen die Apartheid in Südafrika kämpften oder eine tiefe Solidarität mit der Arbeit von Martin Luther King empfanden, gegenüber den Strukturen des Rassismus in der Bundesrepublik relativ unbewusst waren.

Seit 1985 gibt es die ISD, die Initiative Schwarzer Deutscher und Schwarzer in Deutschland. Damals schlossen sich zum ersten Mal Schwarze Deutsche zusammen, und wir waren erstaunt, welche analogen Erfahrungen wir gemacht hatten, unabhängig davon, ob wir auf Amrum, in Aachen, Kassel, Essen oder Kempen groß geworden waren.

Analoge Erfahrungen, dass Du mit einer dunklen Hautfarbe von Kind an diskriminiert wirst, offen oder versteckt, dass man dich „Mischling“ nennt und dass zugleich kaum einer bereit oder in der Lage ist, sich mit Dir über den rassistischen Hintergrund dieses Begriffes auseinanderzusetzen. Analoge Berichte, wie wir als Kind versuchten uns die dunkle Haut abzureiben, weil wir schon von früh an gelernt hatten, dass Du mit einer dunklen Hautfarbe als minderwertig angesehen wirst. Mir z.B. wurde der Weg zum Abitur schwer gemacht, weil einige Lehrer sich partout nicht vorstellen konnten, dass so einer wie ich dieses Bildungsziel erreichen kann.

Es macht mich heute immer noch nachdenklich, dass weder Menschen aus dem christlichen Umfeld, noch aus dem solidar-politischen Umfeld, noch aus dem Spektrum der Parteien, in denen ich mich in meiner Jugend bewegte, überhaupt einen Blick hatten für eine in der BRD bestehende, nicht gelöste, kaum bearbeitete rassistische Grundstruktur. Eine Struktur, die in den vielen Jahrhunderten des kolonialen Rassismus entstanden und nie ernsthaft bearbeitet wurde. (mehr…)



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