Rechts: Gewalt als Brauner Kitt

Aachen. „Schmuddel“ hinterließ eine Frau und drei Kinder. Der Punk war mit Freunden an Ostermontag 2005 in einer U-Bahnhaltestelle in Dortmund unterwegs, als die Gruppe auf einer Rolltreppe auf einen Neonazi und dessen 16-jährige Freundin traf. Es kam zu einem Wortgefecht. Thomas Schulz alias „Schmuddel“ war 32 Jahre alt, als er dabei auf den 17-jährigen Neonazi-Skinhead Sven K. zuging und dieser sich, wie er später sagen wird, von dem Punk bedroht fühlte. Es folgten weitere Wortgefechte. Dann stach K. plötzlich mehrmals mit seinem Messer zu – und traf das Herz seines Gegenübers. „Schmuddel“, im Weltbild des Täters eine „Zecke“ und damit unwertes Leben, verstarb kurz darauf im Krankenhaus.

Weder Polizei, noch später die Richter am Landgericht Dortmund, sahen einen politischen Hintergrund für die Tat. Zwar gehöre der Täter der rechten Szene an, jedoch sei er nur ein Mitläufer gewesen, hieß es. Die gerade im Ruhrgebiet und dem Rheinland zu dieser Zeit sehr aktiv werdende Neonaziszene sah dies anders und sprach vom Täter als „Kameraden“. Die Neonazis hatten sogar kurz nach der Tat in Dortmund Plakate mit der Aufschrift „Antifaschismus ist ein Ritt auf Messersschneide“ (sic!) verbreitet – daneben war ein blutiges Messer abgebildet. Zudem hieß es auf Flugblättern: „Wer der Bewegung im Weg steht, muss mit den Konsequenzen leben.“ Im Internet kursierte nach dem Mord eine Stellungnahme, in der es hieß: „Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!“

Schon im Jahre 2001 stellte der Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen, Klaus Farin, fest: „Die Welt des Rechtsrock ist eine Welt des ewigen Kampfes.“ Diese Aussage lässt sich heute generell auf Neonazis übertragen, die sich nahezu immer im Kampf gegen ihre Gegner, gegen das „Undeutsche“ und gegen den Staat wähnen. Und in diesem „Kampf“ wachsen Gewaltbereitschaft, Brutalität und Radikalität. „Nie wieder Krieg!“ skandieren Neonazis auf ihren Aufmärschen, und ergänzen: „Nach unsrem Sieg!“ Der „Kampf“ der Braunszene, ihre offene oder verbale Gewalt gegen „Undeutsches“ sind daher weder Einzelphänomene, noch Ausrutscher. Gewalt, die Bereitschaft dazu und deren Verherrlichung bilden den Kitt für den Zusammenhalt innerhalb der rechtsextremen „Erlebniswelt“. So tauschen sich in Szeneforen Neonazis darüber aus, welche Arten von Kampfsport sie betreiben und welche Art der Bewaffnung sie bevorzugen. Vor Hakenkreuzfahnen posieren sie vermummt und mit Schusswaffen. Bei Hausdurchsuchungen findet die Polizei oft genug Knüppel, Baseballschläger, Stich- und Schusswaffen – bei weitem also nicht nur das, was man zur Selbstverteidigung bereithalten würde, sondern auch Angriffswaffen.

Bei einem Neonaziaufmarsch am 1. Mai 2007 mit bis zu 1.500 Teilnehmern – meist junge Leute – forderte als Gastredner der Chef der niederländischen Neonazi-Partei NVU, Constant Kusters, öffentlich in Dortmund die „Zionisten“ – meint: Juden – in Europa auf, „ihre Koffer zu packen“ und „heim zu ziehen nach Israel“, dem „Krebsgeschwür“ im Nahen Osten. „Einmal wird abgerechnet mit diesem Volk“, rief Kusters – und meinte damit wieder die Juden. Politischen Gegnern des „Großdeutschen Reiches“ drohte der NVU-Chef nicht nur Gewalt an, sondern nach der Machtübernahme „haben wir keine Gegner mehr, die sind alle verschwunden“. Seine „Kameraden“ dankten es ihm mit Zugabe-Rufen.

Vor Kusters hatte an jenem Tag auch NPD-Chef Udo Voigt geredet. Politiker, Wirtschaftsbosse, Polizisten und Pressevertreter hätten „Angst“. Eines Tages, prophezeite Voigt den rund 1.500 „Kameraden“ in Dortmund, würden die Politiker nicht mehr „auf ihren Abgeordnetenstühlen sitzen“. Und dann rief er: „Wir werden sie dereinst vor ein Gericht stellen, damit sie Gelegenheit haben, sich zu rechtfertigen. Und wenn sie das nicht können, werden wir ihnen Gelegenheit geben, den Schaden am deutschen Volk abzuarbeiten, den sie angerichtet haben.“ Auch die KZ waren anfangs Arbeitslager genannt worden. Und in einer an Hitler- und Goebbels-Krawallreden erinnernden Rede rief Udo Pastörs, Chef der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, am 16. Juni 2007 in Rathenow rund 200 „Kameraden“ zu: „Also, liebe herrschende Klasse, seht euch vor, denn wer Wind sät, wird Sturm ernten. Lasst uns Sturm sein!“ Schon am 3. März 2007 hatte Pastörs bei einem Aufmarsch in Halbe gewettert, die „Mafia-ähnliche“ Bundesregierung bestehe aus „Hochverrätern“. Pastörs weiter: „Lasst uns diese ganze verfaulte Republik unterwühlen!“

Anders als mit solchen Reden sollen mittels rechter Rockmusik gerade junge Menschen ideologisiert werden. Während OIDOXIE aus Dortmund sich zwar textlich im noch legalen Raum bewegen, traten sie zugleich europaweit bei Treffen des NS-Netzwerks „Blood & Honour“ und dessen terroristischen Arm „Combat 18“ (Kampfgruppe Adolf Hitler) auf. Der OIDOXIE-Sänger Marko G. war zugleich Schlagzeuger bei der Band WEISSE WÖLFE. Auf der 2002 veröffentlichten CD „Weiße Wut“ posieren die Musiker der konspirativ arbeitenden Band mit Sturmhauben vermummt und mit Schusswaffen und Knüppeln bewaffnet vor einer Fahne der wegen ihrer Nähe zu NSDAP und SA 1995 verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP). Im Text zum Lied „Wenn wir marschieren“ heißt es, „beim Marsch durch das Land […] brennt in jeder Stadt ein Asylantenheim ab.“ Die Musiker singen im Lied „Kein vergeben, kein vergessen“: „Ihr gottverdammten Bullenschweine […] am Tag der Rache wollen wir euch bluten sehn.“ In dem Lied „Unsere Antwort“ wettert die Band, „Gammler“, Kommunisten und „Kanaken“ müssten ins „Arbeitslager, damit sie spuren“. Und weiter: „[…] jetzt kommt die Rache. Juda verrecke und Deutschland erwache. […] Für unser Fest ist nichts zu teuer, 10.000 Juden für ein Freudenfeuer. Ihr tut unserer Ehre weh, unsere Antwort: Zyklon B.“

Aus jenem Dortmunder Umfeld stammte auch der 17-Jährige, der „Schmuddel“ erstach. Unterdessen haben sich gerade in Dortmund, aber auch den übrigen Teilen Deutschlands Teile der rechten Szene umorientiert. Sie wurden zu „Autonomen Nationalisten“ (AN) – siehe Ox Nr. 74 – und gingen zum gezielten Angriff über. Mehrfach griffen in Dortmund in den Jahren 2006 und 2007 Neonazis aus dem Umfeld der „ANs“ linke Kneipen oder von Migranten betriebene Gaststätten mit Pfefferspray, Knüppeln und Pflastersteinen bewaffnet an. Es kam zu Verletzten. In Dortmund wurden zudem mehrfach junge Antifaschisten und Punks angegriffen und verprügelt sowie Scheiben an Büros der Linkspartei und der Bündnisgrünen eingeworfen. Mutmaßlich rund zwanzig „ANs“ griffen im November 2007 in Leverkusen nach einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht abreisende Antifaschisten mit Flaschen und Reizgas an. Ein Angriff von bislang unbekannten, vermummten und mit Knüppeln bewaffneten Tätern auf Besucher eines antifaschistischen Punkkonzertes in Stolberg (Kreis Aachen) in der Nacht zum 1. September 2007 wird ebenso den „ANs“ zugerechnet. Die Opfer, drei Mädchen (15, 16, 18 Jahre) wurden als „Zecken“ beschimpft und verletzt. Unklar ist, ob ein alkoholisierter Punk rund eine halbe Stunde vor dem offenbar stabsmäßig geplanten Überfall ebenso von dieser Gruppe attackiert worden war. Er beteuert bis heute, auf seinem Heimweg plötzlich aus dem Dunkeln heraus mit einem Knüppel von seinem Fahrrad geprügelt worden zu sein.

Kam es in der Vergangenheit oftmals eher spontan zu rechten Übergriffen, scheinen aktuell Angriffe der ANs geplanter stattzufinden. So warnte Anfang Februar 2008 der Berliner Verfassungsschutz, es würden sich die Angriffe von rechten Schlägern auf politische Gegner häufen. Diese würden inzwischen häufiger Opfer von Übergriffen als Migranten. Einerseits würden der Neonazi-Szene bekannte Linke laut der Behörde gezielt angegriffen, andererseits auch nur alternativ oder links aussehende Menschen attackieren. Hintergrund ist dem Bericht zufolge das Erstarken der ANs. Abzuwarten dürfte jedoch bleiben, wie die Behörden in diesem Zusammenhang die Bereitschaft zur Gewalt einordnen wird.

Obschon Gewalt ein Strategieelement von Hitlers NS-Bewegung war und seit Jahrzehnten Gewalt als Kitt auch der Neonaziszene fungiert, es Wehrsportgruppen gab, Menschen erschlagen oder zum Krüppel geschlagen wurden sowie Häuser von Asylbewerbern (Rostock, Hünxe) und Ausländern (Solingen) brannten und es wegen alldem seit 1990 zu fast 140 Todesopfern kam, hieß es immer wieder, ein vorangegangener Alkoholkonsum habe viele der Täter „enthemmt“. Aber schon 2005 hatte eine Studie des Berliner Landesverfassungsschutzes festgestellt, dass rechtsextreme Gewalttaten in Berliner Bezirken geschehen, in denen organisierte Neonazis aktiv sind, ohne selbst als Täter aufzufallen. „Man kann [deswegen] durchaus von einer Arbeitsteilung reden: Organisierte Neonazis heizen die Atmosphäre auf, während die Gewalttäter sich […] in ihrem unmittelbaren Umfeld bestätigt sehen,“ umschrieb Jan Buschbom, Mitarbeiter des Archivs der Jugendkulturen, dies seinerzeit.

Konkret: wer sich in einem politischen Umfeld bewegt, in dem „Undeutsche“ in Gesprächen unter „Kameraden“, in Rede- und Songtexten oder Szene-Foren nahezu permanent verhöhnt, bedroht und entmenschlicht werden, braucht – eigentlich – keinen Alkohol mehr, um sich – noch weiter – zu enthemmen. Hätte also Sven K. nicht Musik gehört, in denen Punks als Unmenschen dargestellt werden, die „ohne gleichen […] nach Scheiße aus allen Poren [stinken]“, die Krätze und Aids haben (Zitate aus: „Punker Maria“, GIGI & DIE BRAUNEN STADTMUSIKANTEN), würde „Schmuddel“ vielleicht heute noch leben. [© Michael Klarmann; für Ox]


2 Antworten auf “Rechts: Gewalt als Brauner Kitt”


  1. 1 Klar, Mann? 12. Juli 2008 um 9:08 Uhr

    Über den Mord an „Schmuddel“, wie die Neonazi-Szene damit umging, über den Prozess und wie die Neonazi-Szene das Opfer nun verleumdet und den Mörder als Opfer darstellt, haben Antifaschisten eine ausführliche Analyse (mit Bildern und dokumentierten Flyern) zusammen gestellt:

    http://de.indymedia.org/2008/07/221710.shtml

    [leider wegen Layout/Zeilenumbruch-Fehler teilweise etwas schwierig zu lesen.]

  2. 2 Klar, Mann? 12. Mai 2009 um 9:56 Uhr

    Ergänzend neues:

    Neonazis: „Gewalt ist ihre Lebenswelt“

    Dortmund, 12.05.2009: Was tun gegen rechtsradikale Umtriebe? Nach den Ausschreitungen der Neonazis am 1. Mai in Dortmund sprach die WAZ mit dem Politologen und Gewaltforscher Dierk Borstel. Der Bielefelder Wissenschaftler zweifelt am Nutzen eines NPD-Verbots.

    http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/dortmund/2009/5/12/news-119492175/detail.html

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