Geschichte/Frieden: Was in der Diskussion um Eva Herman und die NS-Familienpolitik auch wieder vergessen wurde…die traumatisierte Gesellschaft

Aachen. „Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war, wenn ein Mensch zu mir ein nettes Wort gesagt hat.“ Anneliese Thie, 66, blickt, wie sie sagt, auf ein „jahrelanges Lügen“ zurück. Zwar war die Seniorin beruflich auch erfolgreich. Jedoch sagt sie: „Ich habe sechzig Jahre lang mein Leben in Stress verbracht, immer darauf aus, alles richtig zu machen.“ Heute führt sie das darauf zurück, dass sie ein Kriegskind ist, 1941 in Pommern geboren. Als vierjährige war sie Teil der ersten Vertreibungswellen 1945 und verlor ihre Mutter. Im Alter von neun Jahren starb ihr Vater. Sich während jener Zeit schon als Kind immer behaupten zu müssen und kein Lob zu erfahren, sagt die Seniorin, habe sich auf ihr ganzes Leben ausgewirkt – aber wenn jemand sie später im Beruf lobte, warf sie das aus dem Konzept.

Wie sehr haben die Erlebnisse im Nationalsozialismus, haben der Zweite Weltkrieg, Flucht und Bombardierung Kinder geprägt? Dieser Frage hat sich in Aachen seit Herbst 2007 ein „Erzählkreis“ gewidmet, der zu seiner Gründung auch die Journalistin Sabine Bode zu einem Vortrag geladen hatte. Die Fachautorin zum Thema erinnerte dabei vor Monaten in der Volkshochschule (VHS) Aachen daran, dass nicht nur die damaligen Kinder traumatisiert seien, sondern auch deren eigenen Kinder – heute Erwachsene. Bode, Jahrgang 1947, lebt in Köln und ist Autorin von Büchern zum Thema. Im Buch „Die vergessene Generation – 
Die Kriegskinder brechen 
ihr Schweigen“ schildert sie bedrückende Schicksale von Menschen, die lange über das Erlebte schwiegen und im Alter die Erinnerungen nicht mehr verdängen können. Und das auch, weil die Vergesslichkeit Lücken im Kurzzeitgedächtnis reißt und lange verdrängte Erinnerungen, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, wiederkehren.

So schilderte Bode auch Schicksale von Familien, die „blinde Kuh mit schlimmen Folgen“ spielten. Erinnerungen wurden verschwiegen, Traumatisierungen beiseite geschoben. Oft, so Bode, sei sie bei ihren Recherchen auf eine Sprachlosigkeit zwischen Eltern, die den Krieg als Kinder erleben mussten, und deren längst erwachsen gewordenen, eigenen Kindern gestoßen. Hier gebe es eine „kulturelle Fremdheit zwischen den Generationen“, die die deutsche Gesellschaft bis heute präge. Oft hätten Kinder von Kriegskindern ihre Potentiale nicht ausgeschöpft. Manche litten selbst an Ängsten, seien traumatisiert oder hätten Drogen genommen, um das „Schweigen“ und die in den Familien vorgespielte „Heile Welt“ zu ertragen.

Anneliese Thie hatte vor rund dreißig Jahren einer Freundin von ihren Erlebnissen nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen können. Dennoch schloss auch sie sich dem Erzählkreis an, organisiert von dem Aachener Familienbildungswerk ElternSchule, der VHS und dem Verein Kriegkind.de. Unter Begleitung und Moderation des Familientherapeuten Johannes Kube und der ElternSchule-Geschäftsführerin Ute Müller-Giebeler, 46, trafen sich die zehn Frauen mehrfach zu ihren Erzählrunden. Die Einrichtung der Diplom-Pädagogin arbeitet mit Eltern zusammen, die Nachkommen der Kriegsgeneration sind. Dabei, sagt die Aachenerin, habe sie – auch in ihrer eigenen Biografie – immer wieder den Eindruck gewonnen, dass „Dinge mitgeschleppt“ worden seien, die bis heute das generationsübergreifende Zusammenleben beeinträchtigen. Durch die Teilnahme am Erzählkreis wisse sie nun, dass jene „Ahnung“ berechtigt war.

Barbara W., 46, wurde 1961 im Ruhrgebiet geboren. Ihre Mutter ist Jahrgang 1938 und seit vielen Jahren wegen schwerer psychischer Erkrankung in Behandlung. W., heute selbst Mutter zweier Kinder, sagt, auch sie selbst leide unter einer Psychose, sei als Kind schon oft frustriert gewesen und habe an Panikattacken gelitten. In ihrer Familie wurde über das Erlebte im Zweiten Weltkrieg kaum gesprochen. Lediglich, wie ihre Mutter als Sechsjährige mit ihrer eigenen Mutter bei Bombenagriffen zum Bunker laufen musste, das Sirenenheulen, die Detonationen – darüber habe ihre Mutter ihr erzählt. Heute, sagt Barbara W., dass ihre Mutter nach dem Krieg nur funktioniert habe, Gefühle seien ausgeklammert worden. Wie sehr sich dass auf ihr eigenes Leben ausgewirkt habe, sei ihr aufgefallen, als ihre 14-jährige Tochter ihr einmal sagte: „Mama, du kannst mich gar nicht trösten.“

Bis heute könne ihre Mutter nicht wirklich über das Erlebte sprechen. Ihre Mutter sei eigentlich nur medikamentös behandelt worden. Immer dann, sagt Barbara W., wenn nach ersten Therapiesitzungen das Gespräch auf die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse gekommen sei, habe ihre Mutter den Facharzt gewechselt. Nach ihrer eigenen Teilnahme an dem Gesprächskreis, sagt die 46-Jährige heute, sei ihr vieles erst klar geworden. Ihre Mutter habe „keine Gefühle gehabt,“ sie selbst sei nie getröstet worden, also habe sie auch selbst nie richtig trösten gelernt. Habe sie das ihrer Mutter zuerst zum Vorwurf gemacht, habe sie durch den Erzählkreis begreifen können, warum alles so war und ist.

Lange Jahre wurden solche Phänomene nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Der im April 2000 gegründete Verein Kriegkind.de will das ändern. Die Vorsitzende Helga Spranger ist selbst ein Kriegskind und arbeitet in Strande bei Kiel als Ärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Sie warnte schon im Jahre 2001: „Wenn die Eltern über ihr eigenes Befinden und wie es dazu gekommen ist schweigen und deswegen eine unsichtbare, seelische Krankheit bei ihren Kindern nicht wahrnehmen,“ dann liege eine Art überliefertes Kriegstrauma vor. Und „das wird unbewusst nonverbal weitergegeben, indem gelebt wird: Ich kann und darf nicht leiden, also kannst du auch nicht leiden.“

Die Autorin Sabine Bode hat intensiv über „Kinder ohne Kindheit“ recherchiert. Dass Väter im Krieg gefallen oder verschollen seien, das sei im Zweiten Weltkrieg ein „Massenschicksal“ gewesen. Doch jene „Vaterlosigkeit“ – rund 16 Prozent der Familien verloren den Vater – habe man ignoriert, erläuterte Bode in der VHS. Obschon Krieg und Nazidiktatur nahezu in jeder Familie bis heute „Spuren“ hinterlassen hätten, habe man jene Traumatisierungen kaum aufgearbeitet. Die Gesellschaft habe zwar den Wiederaufbau gemeistert und sich ins Wirtschaftswunder gestürzt. Aber erst seit rund 15 Jahren, so Bode, gebe es für die heutigen Senioren überhaupt den Begriff Kriegskinder.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass vor rund 15 bis 20 Jahren ein Umdenken einsetzte. Der Familientherapeuten Kube, 70, moderierte mit seiner Kollegin Müller-Giebeler den Aachener Erzählreis. Der ehemalige Religionslehrer hat kürzlich seine Erinnerungen an die Kindheit in Leverkusen, an Bombenangriffe, Krieg und Hunger im Buch „Gekochte Steine essen“ niedergeschrieben. 1991, als der Irak-Krieg weltweit live über CNN zu sehen war, da seien die „alten Assoziationen wieder in mir aufgestiegen,“ sagt Kube heute. Bilder von Explosionen, den „Christbäumen“ aus Bomben und Flakgranaten, all das habe ihn wieder an seine Bunkerzeit erinnert. Erst dann, mehr als 45 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs, sei ihm bewusst geworden, warum seine Generation etwa empfindlich auf Lärm reagiere.

Victoria Sommer (Namen von der Redaktion geändert), 63, wurde im Mai 1944 geboren – während eines Bombenangriffs im Ruhrgebiet. Bewusst, sagt sie, habe sie als Neugeborene und Baby sicher vom Krieg, dem „Mord und großen Chaos“ nichts erlebt. Aber sie glaubt, dass die Erlebnisse, eine Reise der Mutter in den Kriegswirren zum in Naumburg stationierten Vater und eine chaotische Flucht zurück ins Ruhrgebiet, ihr Leben stark beeinflusst haben. Noch Anfang der 1950er Jahre sei sie zudem in der Schule von ehemaligen Nazis und Soldaten unterrichtet worden, die mit ihren „unverdauten Gefühlen“ aus dem als Niederlage empfundenen Krieg heimgekehrt seien, sagt die Seniorin. Auffällige Schüler seien zur Strafe vor der Klasse gedemütigt und verprügelt worden – die Eltern hätten das geduldet, da sie es selbst nicht anders kannten.

Wenn, dann sei in ihrer Familie nur über die Fakten des Kriegs gesprochen worden, aber nicht über die individuellen Ängste und Gefühle. Vor kurzem starb Victoria Sommers Mutter. Am Ende, sagt die Frau, die heute selbst zwei erwachsene Kinder und vier Enkel hat, sei die „Traumatisierung raus gekommen“, wie bei einem Dampfkochtopf unter hohem Druck. Ihre Mutter habe viel geschimpft, auf alles und jeden, nur nicht auf den Krieg. Nun, nach der Teilnahme an Erzählkreis für Kriegskinder, glaube sie, dass in diesen Momenten am Lebensende „der Krieg aus ihr herausgeschimpft hat.“ [© Michael Klarmann; für AN (Seite 3)]

Mehr im Web: www.elternschule-aachen.de (Neuer Erzählkreis in Planung)


1 Antwort auf “Geschichte/Frieden: Was in der Diskussion um Eva Herman und die NS-Familienpolitik auch wieder vergessen wurde…die traumatisierte Gesellschaft”


  1. 1 hase 12. Februar 2008 um 1:19 Uhr

    Netter Artikel. Meine Eltern sind auch solche Kriegskinder, mein Vater flüchtete als Kind aus Pommern, meine Mutter mußte ebenso flüchten. Niemand spricht mit einem darüber. Interssantes Detail: die meisten meiner engen Freunde haben Eltern, die ebenso flüchten mußten. Das hat sich so nach und nach herausgestellt. Immer mehr hat sich in den letzten Jahren der Verdacht verdichtet, daß dies viel mit dem Weg, ein Punk zu werden zu tun hatte, in einer Gesellschaft in der man weder keinen richtigen Platz für sich selbst noch einen Grund für sein eigenes Trauma findet. Aber immer genug Gründe um gegen das zu sein, was zu diesem Unglück geführt hat: der Nationalsozialismus.

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