Journalisten im Alltag: Nazi-Übergriffe als Berufsrisiko

Wie fühlt man sich, wenn man von Rechtsextremen bedroht wird? Michael Klarmann aus Aachen berichtet seit Jahren über die braune Szene, vorwiegend in seiner Heimatregion, und hält auch Vorträge zum Thema. Einerseits hat er sich damit eine Art Respekt bei den Rechten erworben, andererseits häufen sich seit einigen Monaten (wieder) die Drohungen gegen seine Person. Ein bewusst subjektiver Bericht.

„Nenn’ uns endlich deine ein, zwei Leute bei uns, damit wir deren Todesanzeigen in der Zeitung lesen können.“ Die Begrüßung durch den „Ordnerdienstleiter“ des NPD-Kreisverbandes Düren am Rande eines NPD-Treffens im Mai 2007 war erstaunlich ehrlich für eine Partei, die demokratisch sein will. Ich arbeite als Journalist mit Schwerpunkt regionale Braunszene und unterhalte daher Pressekontakte zur NPD. Ich habe ebenso wie der Verfassungsschutz meine Quellen (im NPD-Jargon „Schnüffler“). Und wenn der Klartext übersprudelt, ist nichts mehr normal im Alltag eines „profunden Kenners der braunen Szene“, wie mich ein Kollege bezeichnet hat.

Im Jahre 2000 habe ich mich selbstständig gemacht. Seit Mitte 2002 lebe ich in einer Quasi-Anonymität. Manche Kollegen und Pressesprecher belächeln meine Bitte um absolute Diskretion – bis ich ihnen erkläre, dass sie mich durch die Weitergabe meiner Daten in akute Gefahr bringen.

Denn vor der rechten Szene schützt mich vor allem, dass sie weder meine Telefonnummern noch meine Adresse oder mein Autokennzeichen kennt – den NPD-Pressesprechern und meinen Quellen gebe ich nur spezielle Mail-Adressen. Im Kurzwahlspeicher meines Mobiltelefons steht die 110 oben. Wenn ich zu Neonazi-Veranstaltungen oder eigenen Vorträgen anreise, parke ich oft abgelegen. Nahezu alle öffentlichen Vorträge fanden seit Herbst 2006 in Begleitung von Polizisten statt.

Hart erarbeitetes Renommee

Ortswechsel: Am 5. Januar 2007 hat die NPD in Düren zur Gründung ihres Kreisverbandes auf meine Anfrage hin zur Pressekonferenz eingeladen. Dass ich als linksgerichteter Journalist und Mitarbeiter des Informationsdienstes „Blick nach Rechts“ daran teilnehme, wäre anderswo kaum möglich. Doch offenbar habe ich mir eine Art Renommee „hart“ erarbeitet.

Die Bedingungen der NPD für Journalisten sind für Kenner normal, doch Kollegen finden sie undemokratisch. Ich bin der einzige Pressevertreter auf der PK, weil nur ich schriftlich alle Bedingungen akzeptiert habe – etwa: nur Fragen zu bestimmten Themen. Im Vorfeld habe ich von Kreischef Ingo Haller gefordert, dass er mir einen Bodyguard zur Seite stellt. Eigentlich sollte der oben erwähnte „Ordnerdienstleiter“ zu meiner Sicherheit abkommandiert werden, doch Haller hat anders entschieden und stellt mir einen anderen „Ordnerdienstleiter“ zur Seite, den der neonazistischen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), mit der die NPD eng kooperiert.

Tischdecken in den Reichsfarben, ein Poster von NPD-Chef Udo Voigt und ausländerfeindliche Plakate geben den Rahmen für die Pressekonferenz. Der Kreisvorstand stellt sich vor: Vom als brutal geltenden Glatzkopf bis hin zum solariumgebräunten Sportwagenfahrer und dem Betriebsleiter eines großen Veranstaltungsservices (letzterer der Dürener NPD-Kreischef Haller im Nadelstreifenanzug) sitzen sie mir gegenüber. Der KAL-Mann steht hinter mir. Es wirkt nicht so, als würde er mich verteidigen, sollten die an einem anderen Tisch lästernden „Kameraden“ der Neonazi-Feindaufklärung „Anti-Antifa“ angreifen. Es wirkt eher wie: Wenn die Oberen sprechen, habe ich mir Notizen zu machen. Würde ich aufstehen, würde der KAL-Brocken mich wieder auf die Bank drücken und sagen: „So lange der Chef spricht, ist hier noch nicht Schluss!“

Wochen später erhalte ich von dem Mann, der für meine Sicherheit zuständig war, unter seinem Spitznamen eine Mail, in der er mich als „blöde Zeckensau“ beschimpft. Solche Drohungen sind nichts Ungewöhnliches für mich, auch wenn es immer wieder Phasen ohne Pöbeleien und Drohungen gab.

Keine Aussicht auf Zeugenschutz

Rückblick: Aufmarsch in Erkelenz (Kreis Heinsberg) im November 2004. Längst bin ich als Blogger und Fachmann auch der Braunszene bekannt. Aus dem Aufmarsch heraus werde ich angepöbelt. Als es zu einem Gerangel zwischen Linksautonomen und der Polizei kommt, stürmen die Nazis los. Die Polizei ist eingekeilt zwischen den Gruppen. Ich fotografiere das aus fünf Metern Entfernung – und erhalte einen Faustschlag aufs linke Ohr. Ein Polizist reißt den Neonazi von mir weg. Er taucht unter und tauscht Kleidungsstücke mit „Kameraden“, um nicht erkannt zu werden. Ich betrachte den Übergriff als Berufsrisiko und erstatte keine Anzeige – auch, weil mir der Staatsschutz erklärt, ich sei nicht gefährdet genug, um im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms aussagen zu können.

Später klaut die NPD Bilder von dem Aufmarsch aus meinen Blog und veröffentlicht sie auf ihrer Homepage. Via Mail und der Kommentarfunktion des Blogs beschimpfen mich Neonazis, feiern den Erfolg, mich „zu Boden“ geschickt zu haben und äußern Morddrohungen. Jemand kommentiert unter dem Namen „SS“ meinen Erkelenz-Text: „Na ja so gezielt war der Faustschlag dann doch wohl nicht, sonst wäre nicht so viel geistiger Müll im Bericht gewesen.“ Bis April 2005 geht das so, dann erklärt mir der Aachener NPD-Kreischef Willibert Kunkel, er untersage den „Kameraden“ künftig Drohungen gegen mich. Tatsächlich stoppen diese kurz darauf.

Rund ein Jahr habe ich trotz wachsender Aktivitäten der Szene und eines Anstiegs kritischer Berichte Ruhe. Nach Tipps berichte ich im Februar 2006 in meinem Blog, dass ein prominenter Neonazi seit rund einem Jahr in Aachen lebt. Der Mann ist mehrfach vorbestraft, Sänger eines Rechtsrock-Projektes, „Liedermacher“ und war schon inhaftiert. Auf seiner anonym betriebenen Homepage schreibt das unter Bewährungsaufsicht stehende KAL-Mitglied: „Die letzten beiden Male im Knast waren für mich wirklich hart […]. Ich bin ein besserer Mensch geworden und bin gewaltbereiter, als je zuvor… Meine Ziele sind dieselben […].“ Dass ich ihn – wenn auch nicht namentlich – „geoutet“ habe, löst eine Mail- und Kommentarflut aus. Sowohl er als auch „Kameraden“ bedrohen mich, geben vor, mich „besuchen“ zu kommen. Die Polizei rät zwecks Abschreckung zur Anzeige – weiterhin ohne Zeugenschutz.

Zugang zu internem KAL-Onlineforum

Wochen danach öffnet mir eine Quelle den Zugang zu einem internen Diskussionsforum im Web nur für KAL-Mitglieder. Weil besagter Neonazi schon zwei Stunden nach meinem Blog-Bericht über ihn vor seiner Haustür angeblich überfallen wurde, haben sie darüber diskutiert, mich deswegen anzuzeigen – wegen Beihilfe. „Was das jetzt bringt wenn der eh nicht verknackt wird? […] Wenn du bei der Polizei […] DARAUF BESTEHST auf weitere informierung des Verlaufes dieser Anzeige, bekommst du einen netten kleinen Brief […] in dem dich der Staatsanwalt auffordert ihn doch privat zu verklagen [und hat] Klarmanns Daten mit reingepackt. […] Wäre doch einen Versuch wert.“ Ein anderer ergänzt, dann wäre „[d]er liebe Herr Klarmann […] kein unbeschriebens Blatt (mehr; keine Ahnung was er schon so aufm Kerbholz hat).“

Ein anderer schreibt über mich: „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Kommt Zeit, Kommt Rat. Hail C18.“ C18 steht für die Terrorgruppe „Combat 18“ (Kampfgruppe Adolf Hitler), bekannt für den Versand von Briefbomben an Antifaschisten und Journalisten.

Durch Indiskretion und Beobachtung kenne ich von vielen Forenusern die Klarnamen. Der letztgenannte Schreiber gilt als brutal, hat schon auf einer Polizeiwache randaliert und eine Reihe von Verurteilungen hinter sich. Er ist an einem Vorfall beteiligt, der mir Ende Mai, Anfang Juni vor Augen führt, in welcher Gefahr ich lebe. Denn zu dieser Zeit beginnt ein Prozess gegen ihn. Er und drei weitere Neonazis – einer heute ein Aussteiger – sollen eine Geiselnahme begangen haben. Sie sollen im Herbst 2005 zwei junge Frauen vor einer Gaststätte in Stolberg (Kreis Aachen) mit einem Baseball-Schläger und einer Gaspistole bedroht und gezwungen haben, in ihr Auto einzusteigen. Die Mädchen sollten verraten, wo der Bruder der einen zu finden sei, mit dem der zitierte Neonazi zuvor eine Schlägerei hatte. Nachdem der Gesuchte gefunden war, wurde er verprügelt. Was hätten die wohl gemacht, wenn sie mich in jener „Laune“ angetroffen hätten?

Totales Hassobjekt

Seit Februar 2006 halte ich Vorträge über die Braunszene. Es folgen investigative Recherchen in der konspirativen Szene und Enthüllungsartikel in der Lokalpresse. Ich werde zum totalen Hassobjekt. Mitte 2006 werde ich – neben der BILD und taz – in einem Lied des Mönchengladbacher Rechtsrock-Projektes „Division Germania“ als „Klarmännchen“ verhöhnt. Ein Video auf YouTube zeigt dazu einen bewaffneten Vermummten vor einer Hakenkreuz-Flagge.

Vertreter von „Kameradschaften“ drohen mir auf ihren Homepages Gewalt an. Neonazis wollen mit bis zu 25 Personen einige Vorträge „besuchen“ (NPD) oder „stören“ (Veranstalter). Die NPD sorgt dafür, einzelne Leute in den Vorträgen zu platzieren, teils nehmen sie mich heimlich auf. Trotz der genauen Kenntnis darüber, was ich referiere, behauptet die NPD, ich würde zu Gewalt gegen „Kameraden“ aufrufen und deren Adressen nennen.

Im März läuten zwei Texte auf einer NPD-Homepage eine neue Qualität des Nervenkriegs ein. NPD-Kreischef Haller fragt: „Wie mag es wohl […] Klarmann gefallen, wenn eines unserer inaktiven Mitglieder sein schweigen über seine Adresse brechen würde […]?“ Zudem heißt es: „Ein Musterbeispiel für die Machenschaften der Systempresse ist […] der von uns so geliebte Journalist M.K. […]. Man wird […] nichts unversucht lassen Schnüffler und V-Männer einzubringen, wie der Dürener Fall [einer an dieser Stelle namentlich genannten 17-Jährigen] gezeigt hat. […] Wir wollen nur hoffen, daß [das Mädchen] sich [nicht] für eine Taschengelderhöhung an [Klarmann] verkauft hat, was von der Prostitution nicht weit entfernt wäre.“

Szenequellen alarmieren mich, man plane Überfälle. Kurz darauf verfolgen mich zuerst drei, dann zwei Neonazis der „Anti-Antifa“ anderthalb Stunden bei einem Stadtbummel und filmen mich ab, als ich in einem Café sitze. Ich stelle mit Rückendeckung meiner Stammredaktion Aachener Nachrichten eine Anfrage an den Polizeipräsidenten mit Bitte um Prüfung von Polizeischutz.

Das Prüfen der Gefahrenlage dauert drei Wochen. Derweil „outen“ an Ostern Antifaschisten einen Kopf der „Anti-Antifa Aachen-Düren“, indem sie die Nachbarschaft mit anonymen Flugblättern über dessen Aktivitäten informieren. Die Neonazi-Feindaufklärung hatte im Web Bildergalerien von Gegendemonstranten unter dem Motto „Antifa heißt Angst“ publiziert. Die Rechten machen mich für die Aktion verantwortlich und verteilen zwei Nächte darauf steckbriefartige Flugblätter mit Bildern von mir in meinem Wohnumfeld. Darin klären sie Anwohner auf über den „linksextremistische[n] antideutsche[n] Reporter“.

„Wir halten es für unsere Pflicht, unbescholtene und anständige Bürger auf linksextremistische Umtriebe […] aufmerksam zu machen! […] Klarmann gehört zu den prominentesten Journalisten im linksextremen Milieu […]. [Er hält] Referate über deutsche Personen von öffentlich nationalen Widerstandsorganisationen, welche hauptsächlich mit Falschinformationen bzw. Aussagen bestückt sind. Diese Vorträge werden stets von antideutschen Gruppierungen unterstützt, die das deutsche System stürzen wollen […]. Fotos sowie eigene Personenrecherchen übermittelt […] Klarmann an die linksfaschistischen und kriminellen Banden (Antifa), die das Material für Rufmorde, Drohungen und gewalttätige Überfälle verwenden. […] [Die Antifa] ruft offen zur Gewalt und Mord gegen Deutsche und Polizisten auf!“

„Kräftig was aufs Maul“

Am 14. April erreicht mich via Blog-Mailformular eine Mail. Unter der fiktiven Adresse „wollen_wir@das.denn“ enthält sie einen Link und den Satz „Das muss doch nicht sein“. Die URL verweist auf eine Homepage der „Fighting Crew Aix La Chapelle“. In Texten heißt es, die Gruppe bestehe „aus einigen Hardlinern“ der KAL. In vagen Anspielungen droht man mir „kräftig was aufs Maul“ an. Weiter heißt es: „Die Fighting Crew redet nicht, sie handelt.“ Die bei einem Gratisanbieter gehostete Seite ist nur wenige Tage im Netz. Im Nachhinein glaube ich, die auch wegen eines Wehrsport-Gruppen-Fotos martialisch wirkende Seite war nur eine Drohkulisse gegen mich.

Die eingangs zitierte Drohung war der NPD in Düren übrigens peinlich. Haller bestritt auf der Homepage seines Kreisverbandes, dass sie so gefallen sei. Aber: „Dass selbst ein Ordnerdienstleiter so etwas schon mal unter vier Augen dahersagt, sollte nicht immer auf die Goldwaage gelegt werden“, ergänzte er. Haller veröffentlichte im Juni einen weiteren Text auf der Webseite und behauptete, meine Berichte über „nationale Gewaltandrohungen“ gegen Nazigegner seien nur ein „linkes Märchen“. [© Michael Klarmann; für DJV-Journal 4/07 (Alle Zitate aus Mails und Webseiten: Schreibweise und Zeichensetzung original; da der Text von Mitte 2007 online nicht mehr einsehbar ist, wurde er an dieser Stelle noch einmal veröffentlicht, auch passend zum Bereich „MitRechtsLeben“; „Klarmanns Welt“ dankt der Chefredakteurin des DJV-Journal für die Einleitung, fürs redigieren und kürzen des Originalmanuskripts)]