Rechts: Geschäftsleute finanzieren rechtspopulistischen Hetzer

Stolberg. Was ein Aufschrei ging denn da durch Deutschland, als ein Kardinal unlängst befürchtete, dass die Kultur wieder „entartet“ – und in welche Untiefen des Web muss man hinab steigen, um dem Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit noch offen ins Auge blicken zu dürfen? In Stolberg – drei rechtsextreme Ratsherren, lange Jahre Sitz der Wiking Jugend und Ex-HIAG-Hochburg – ticken die Uhren indes noch anders. Seit geraumer Zeit gibt es in Stolberg ein Werbeblatt, das weitestgehend aus Anzeigen besteht und kaum redaktionelle Inhalte vorzuweisen hat. Doch das ficht das Blättchen „Os Ziedung“ – ins Stolberg-völkische Hochdeutsch übertragen: „Unsere Zeitung“ – nicht an, denn regelmäßig werden Leserzuschriften zu allerlei Themen abgedruckt und in einer Nennauflage von 26.500 Exemplaren an die Haushalte verteilt.

Aber das, wovor selbst der Zeitungsverlag Aachen und dessen Lokalausgaben oft zurück schrecken, kann „Os Ziedung“ nicht im Geringsten schocken. Der rührige Leserbrief-Hassprediger und Diplom-Ingenieur Edmund Immendorf aus der Kupferstadt, brütet hierfür oft genug Leserbriefe aus. In der aktuellen Ausgabe (Nr. 7) des Faltblättchens fragt sich Immendorf laut redaktioneller Überschrift in seinem Brief, der natürlich wieder solide auf rhetorische Fragen aufgebaut ist: „Ist Deutschland ein souveränes Land?“ Und dann antwortet sich Immendorf selbst. Anlass für seine Hasspredigt ist dabei der Disput über den Wohnhausbrand in Ludwigshafen mit mehreren türkischen Todesopfern und dem Anliegen der türkischen Behörden, Ermittler zur Überprüfung der deutschen Ermittler zu entsenden.

Immenhof findet indes zu Morden und Brandanschlägen in der Türkei gegen Christen und Lehrer: „Angeblich soll hier die türkische Polizei mitgehandelt haben. Also mit den Mördern, nicht mit der Aufklärung.“ Dann sinniert Immendorf weiter, um sich über Aussagen zu mokieren, dass Türken im Ausland behauptet hätten, früher hätten die Deutschen Juden verbrannt, heute indes Türken. „Kein Protestschrei der entarteten, linksgedrehten deutschen Gutmenschengesellschaft erhebt sich,“ jammert das kleine Immendörfchen im ansonsten akribischen und politisch saukorrekten Altnazijargon, obschon er doch ansonsten so schön seine Tarnsprache des völkisch-konservativen Unsinnstifters beibehalten kann – aber vielleicht hat ihm da gerade auch einer den Stock aus dem Arschloch gezogen, das er beileibe nicht sein wird.

Seit Monaten finanziert Stolbergs Geschäftswelt „Os Ziedung“ mit Anzeigen. Sind zu wenig davon vorrätig, füllt man offenbar das Blättchen mit Leserbriefen auf. Fraglich, ob das alles jemand liest – aber wenn, ist Immendorf oft im Gesamtpaket enthalten. In der Nummer 6 des Jahres 2007 polterte der rührige Nationalkonservative über fast einer halben Blattseite schon gegen „vermeintliche Asylanten“. Sie seien „in Wirklichkeit Wirtschaftsflüchtlinge, die ihr Land deshalb verließen, um im Wunderland Deutschland Sozialhilfe und andere kostenlose Wohltaten auf Kosten aller hier zu kassieren. Niemand hat sie eingeladen […]. Verantwortungslose Politiker mit roten und grünen Parteibüchern, die um den Preis der Macht willen mit Migranten paktieren und das eigene Volk an sie ausliefern […],“ witterte Immendorf da am Werk, als verwechsele er da gerade nur die Sozialdemokraten aus der Weimarer Republik mit Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft, die beide angeblich ja damals mal paktierten, um das Reich an den Abgrund zu bringen. Dumm nur, dass dies später dann erst die Nazis schafften…

Anfang 2007 schrieb Immendorf noch von „sogenannten ‚Gutmenschen’“. Und anders als in seinen eingangs zitierten Passagen waren ihm zumindest in dem Fall die Christen, die Kirchenasyl gewährten, zugleich böse „Gutmenschen“, die er am liebsten alsbald mit den „Asylanten“ rauswerfen würde. „Wer Kirchenasyl gewährt, handelt illegal, denn Kirchenasyl verstößt gegen das Ausländergesetz,“ rechthaberte der Hassprediger. Asylbewerber stellt er dabei mit Hinweis auf eine „türkisch-kurdische Familie“ verallgemeinernd als Kriminelle dar: „[S]ie benutzte einen falschen Namen und kassierten 210.000 Euro. Verübte Dauerstraftaten wie Betrug, Personenstandsfälschung und mittelbare Falschbeurkundung.“ In dem Land, in dem Helmut Kohl immer noch sein Ehrenwort Immendorfs Beichtstuhl vorzieht, ließen sich die Ausländer dann auch noch bei ihren Taten erwischen. Nein, so dürfte sich Immendorf sicher keine gelungene Integration vorstellen…

Schon eine Ausgabe zuvor hatte Immendorf in 2007 herumgepöbelt, etwa gegen politische Gegner, die gegenüber seinen „Tatsachen“ und seinem „sachlich informativ gehaltenen Leserbrief“ nur „Behauptungen“ wie aus Abenteuerromanen aufstellten. Seine Gegner würden einen „inhaltslose[n] Wortschwall“ absondern, zu dem sie ihr „ideologische[s] Brett vor dem Kopf“ getrieben habe. Auch damals ging es Immendorf nicht wirklich um sich selbst, sondern auch schon um das Zusammenleben von Christen und Türken in der Türkei. Seinen Gegnern attestiert Immendorf, es gehe ihnen „um die Herabsetzung und persönliche Verunglimpfung eines unbequemen Bürgers, der zu Recht auf eine Tatsachenverdrehung aufmerksam macht“ – der Anti-Islamist und kleine Fremdenfeind meinte übrigens seinesgleichen mit den Unterdrückten.

Und längst wurden vor einem Jahr schon unfrei nach Immendorf alle Deutschen unterdrückt: „Türkische Gewerbetreibende erlangen unkomplizierter, weil auf dem ‚Kleinen Dienstweg’, eine Baugenehmigung oder eine Nutzungsänderung für ihren Laden als Deutsche, die dafür mühsam auf den ‚Knien’ von Amt zu Amt rutschen müssen und ‚Knöllchen’ werden in den von Türken bewohnten Straßen und Vierteln nicht mehr geschrieben. So spricht man auch mittlerweile ganz ungeniert von ‚Türkenbonus’. Die rigorosen Maßnahmen, die zur Sicherheit im Luftverkehr notwendig geworden sind und die Freizügigkeit der Flugreisenden spürbar einschränken, haben wir nicht terroristischen Christen zu verdanken, sondern Verbrechern islamischen Glaubens, die die gesamte westliche Welt mit Selbstmordattentaten in Atem halt.“

Das Problem ist eigentlich nicht Immendorf. Solche Stammtischhirne mit Diplom und Ingenieurstiteln muss die Gesellschaft aushalten können, wenn sie im kleinen Kreis ihre Hasspredigten abhalten oder sich zum Totlachen in den Keller zurückziehen. Das eigentliche Problem ist, dass Immendorfs Leserbriefe, deren Inhalte man aus rechtsnationalen bis offen neonazistischen Blättern nur zu gut her kennt, in einem Werbeblatt in Großauflage unters Volk gejubelt werden. Einen Pressekodex scheinen die Herausgeber von „Os Ziedung“ nicht zu kennen – vielleicht würden sie sich davon aber auch nur ebenso unterdrückt fühlen, so wie Immendorf überall auch böse Geister wittert.

Und offenbar nehmen auch Teile der Stolberger Geschäftswelt keinen Anstoß daran, dass sie mit ihren Anzeigengeldern einem Immendorf die Bühne finanzieren, auf der er sich theatralisch wie ein Gorilla aufbaut, sich zwei, drei Mal auf die nackte Brust schlägt, um dann das niederzuschreiben, was Neonazi-Musikgruppen mühselig und kostspielig von ihren Anwälten auf Rechtstaatlichkeit trimmen lassen, ehe sie es öffentlich auf ihren Tonträgern zu singen wagen. Und selbst die CDU wirbt in der aktuellen Nummer auf einer viertelseitigen Anzeige in „Os Ziedung“. [© Klarmann]