Mitte: Karlskult, Kanzlerin und Karat

Angela Merkel erhält am 1. Mai den Karlspreis. Als Laudator tritt Nicolas Sarkozy auf. Eine „propagandistische Veranstaltung [eines] imperiale[n] Europakonzepte[s]“, finden Kritiker.

Aachen. Anfang Dezember 2007 ging ein Ruck durch Aachen: Das Karlspreisdirektorium teilte mit, dass der französische Staatspräsident Sarkozy, der „liebe Nicolas“ (Merkel), bei der feierlichen Verleihung des Karlspreises an Angela Merkel die Laudatio halten wird. Sarkozy empfinde es als Ehre, für „seine gute Partnerin“ vorzusprechen, so die „Aachener Nachrichten“ (AN). Fast roch es nach einer Neuauflage aus dem Jahre 1988, als Frankreichs Präsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl gemeinsam in Aachen geehrt wurden. Indes wird nun nur Merkel geadelt und Sarkozy darf im Rahmen der deutsch-französischen Freundschaft nur aufsagen, warum.

Dabei hätten „Kohls Mädchen“ und unterdessen Carla Brunis Gatte so ein schönes „europäisches Dreamteam“ (AN) abgegeben, hätte man sie – ungeachtet aktueller Misstöne – gemeinsam geehrt. Doch das Karlspreisdirektorium sah das anders, als es am 13. November mitgeteilt hatte, „im Jahr 2008 die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Frau Dr. Angela Merkel, mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen auszuzeichnen.“ Denn die studierte Physikerin sei „eine große Europäerin, die mit Mut und Tatkraft, Zielstrebigkeit und Verhandlungsgeschick einen herausragenden Beitrag zum Fortschreiten der Integration und zur Überwindung der Krise der EU geleistet hat.“

Konkret gelobt wurde Merkels Geschick, nach der gescheiterten EU-Verfassung „das historische Projekt der Europäischen Union“ und die „Vertrauenslücke zwischen den europäischen Institutionen und den Bürgerinnen und Bürgern“ wieder ins Lot gebracht zu haben. Meint treffender: Merkel machte aus der abgelehnten Verfassung einen EU-„Reformvertrag“ ohne Bürgerbeteiligung. Das Karlspreisdirektorium indes lobte: „Die Weichenstellungen hin zu einem neuen Aufbruch der Union sind entscheidend verbunden mit der ebenso tatkräftigen wie umsichtigen und integrierenden Politik des EU-Ratsvorsitzes“ unter Merkel. Man werde die Frau traditionell an Christi Himmelfahrt ehren. Doch der Feiertag fällt in diesem Jahr ausgerechnet auf den 1. Mai, weswegen der DGB-Umzug zum Tag der Arbeit dank der Sicherheitsstufe 1 nicht wie gewohnt auf dem Marktplatz vor dem Rathaus als traditionelle Kundgebung nebst Familienfest enden kann.

Nahm der DGB das gelassen, mobilisierte die linke Szene zu Protesten. Ein Bündnis linker Gruppen und Parteien kritisierte, die Preisverleihung werde immer mehr zu einer „propagandistischen Veranstaltung für die Absegnung und Glorifizierung antidemokratischer, neoliberaler, militaristischer und imperialer Europakonzepte“. Als noch niemand ahnen konnte, dass Carla Brunis Gatte den von rund 800 geladenen Gästen besuchten Festakt im Krönungssaal des historischen Rathauses mit Glamour überschatten würde, wetterte die Gegner schon, dessen Einladung sei „ein Schlag ins Gesicht der Migrantenjugendlichen, die der damalige Innenminister Sarkozy in Frankreich ‚mit dem Hochdruckreiniger’ bekämpfen wollte.“

Dieselben Karlspreis-Kritiker hatten schon 2007 gegen den Preisträger und EU-Chefdiplomaten Javier Solana demonstriert. Von rund 80 Personen war Solana beim „Bad in der Menge“ – die Bürger stehen hinter Sperrgittern und sollen dem Preisträger zujubeln, während der ein paar Hände schüttelt – als „Kriegstreiber“ beschimpft worden. Solana habe als Nato-Generalsekretär den „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ auf Jugoslawien mitzuverantworten. Zugleich sei er in seinem neuen Amt verantwortlich dafür, dass die „Militarisierung der EU“ voranschreite, so die Kriegsgegner damals.

Merkel ist nach Simone Veil, Gro Harlem Brundtland und Königin Beatrix der Niederlande erst die vierte Frau, die den Karlspreis erhält. Und sie wird sich ab dem 1. Mai 2008 in eine honorige Riege einreihen: Bill Clinton, Kohl, Henry Kissinger, Sir Winston Churchill, Walter Scheel, Roman Herzog, Tony Blair und Konrad Adenauer wurden schon geadelt. Das auch mal ein Kämpfer für Frieden und soziale Gerechtigkeit geehrt wurde, etwa der Armenpriester Frere Roger, dürften Ausrutscher sein, die die Galerie des sozialen Gewissens indes aufhübschen. Denn das seit 1950 abgehaltene Spektakel hat blutige Wurzeln.

Um den Namenspaten, Karl der Große, rankt sich in Aachen ein Karlskult, der damit legitimiert wird, dass Aachen einst dessen Kaiserpfalz war. Jedoch baute der Herrscher und „Sachsenschlächter“ zur Schaffung seines Reiches auf Gewalt. Und in „Erinnerung“ an jenen „großen Begründer“ der „abendländischen Kultur“ ehrt man in Aachen nun Persönlichkeiten und Institutionen, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben sollen. Zumindest umschreibt es Walter Eversheim, Sprecher des Karlspreisdirektoriums, so. In geheimer Runde werden die Preisträger ausbaldowert. Zurück geht das Direktorium auf eine Herrenrunde aus dem Jahre 1946.

Aachen war die erste Stadt Deutschlands, die die Alliierten einnahmen. Während anderswo im „Dritten Reich“ noch gestorben wurde, verfügte die Stadt mit den AN schon über eine freie Presse. Geboten waren also eigentlich gute Voraussetzungen für eine Demokratisierung. Doch Weihnachten 1949 wurde schließlich der Karlspreis proklamiert. Laut Urkunde war Aachen „einst Mittelpunkt der gesamten abendländischen Welt“. Hier lebten demnach schon immer „geistig überlegene und weitschauende Männer, die gegen alle nationalen Engstirnigkeiten […] versuchten, das Gemeinsame und Verbindende des abendländischen Raumes und abendländischer Kultur zu finden,“ hatte die Herrenrunde formuliert, an deren Spitze Kurt Pfeiffer stand. Der Kaufmann war „Vater des Karlspreises“ – und einst NSDAP-Mitglied gewesen.

Für den Aachener Politikwissenschaftler und Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS), Thomas Müller, vertrat Pfeiffers Gruppe einen „postfaschistischen Antinationalismus, demzufolge die Nationalstaaten in einem europäischen Großraum aufgehen müssten“. Diese Meinung mündete „in einem nationalistischen Europäismus […], der in einer europäischen Föderation die Chance des nationalen Wiederaufstiegs erkannte.“ Proklamation und Karlspreis-Zeremonie seien der „pangermanischen Inszenierung Aachens und seines Kaisers“ entnommen, an der schon in Nazideutschland „die administrativen, industriellen, akademischen und kulturellen Größen der Stadt ebenso teilgehabt hatten wie etwa die Ortsgruppen der völkischen Verbände, […] das Propagandaministerium und die örtliche Dienststelle der NSDAP.“ Bei jener Inszenierung schwinge „die vorherige Präsentation als Mittelpunkt eines weit nach Westen ausgreifenden germanischen Großreiches noch mit, dessen ‚Volkstum’ durch die künstlich gezogenen Grenzen jäh zerschnitten sei und einer Vereinigung harre.“ Die regionalen Verfechter jener Ideologie und Inszenierung seien vor und nach 1945 oft identisch gewesen, dozierte Müller ungeachtet von der Öffentlichkeit vor sechs Jahren schon vor örtlichen Antifaschisten in einem kleinen Hörsaal der RWTH.

In den 1990er Jahren erfolgte eine moderner verfasste „Erklärung“ als Ergänzung zur Ur-Proklamation des Karlspreises. In Kooperation mit dem EU-Parlament wird von einer Karlspreisstiftung nun auch der „Europäische Karlspreis für die Jugend“ ausgelobt. Im Umfeld der Verleihung finden ein Kongress mit Politikern und Vertretern aus Forschung und Wirtschaft statt. Ebenso gastieren kulturelle Veranstaltungen mit Folklore-Darbietungen aus dem Heimatland des jeweiligen Preisträgers. Als „echte[r] Knaller“ (AN) sickerte hierzu denn auch unlängst durch, dass zur Ehrung der gebürtigen Hanseatin, die nach dem Umzug ihrer Familie Eigenangaben zufolge Europa bis zu ihrem 35. Lebensjahr nur „von außen“ her kannte, die DDR-Kultband „Karat“ bei einem „Ostalgie-Abend“ auftritt. Ganz wenig Deutsche im Gegensatz zu ganz viel EU-Einheit also… [© Michael Klarmann; für konkret]


1 Antwort auf “Mitte: Karlskult, Kanzlerin und Karat”


  1. 1 wahlleiter.de 08. April 2008 um 12:35 Uhr

    die Parteien der Deutschen Leitkultur und der Identité Nationale sollen europäisch sein ????

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