Stolberg. Auf dem Kriegerdenkmal im Stolberger Ortsteil Zweifall steht keine SS-Parole mehr. Wie mehrfach berichtet [1] hatte dort unterhalb eines „Friedenskreuzes“ auf einem Gedenkstein für die im Zweiten Weltkrieg „Gefallenen Helden der Gemeinde“ auch die SS-Losung „Unsere Ehre heißt Treue“ gestanden. Hierzu hatte es kontroverse Diskussionen und strafrechtliche Ermittlungen gegeben. Zudem hatten mutmaßlich Linksextremisten das Mahnmal vor Monaten mit Farbe beschmiert, um die Parole eigenhändig zu „entfernen“.

Unlängst hat die örtliche, private „Interessensgemeinschaft Friedenskreuz“ das Kriegerdenkmal säubern und Anfang März zudem die SS-Losung entfernen lassen. An der Stelle, wo bisher „Unsere Ehre heißt Treue“ zu lesen war, wurde nun mittels Kleber eine zirka zwei Zentimeter dicke Steintafel angebracht, auf der das Wort „Mahnmal“ steht. Die IG hat heute an Karfreitag bei Einbruch der Dunkelheit das Kreuz wie in den Jahren zuvor zum Gedenken an die Gefallenen mit Grablichtern, Flammschalen und einem Leuchtstrahler „illuminiert“. (Mehr zu alldem später an dieser Stelle.) [© Klarmann]
[1] KRITIK AN GEPLANTES FLAMMENRITUALGEDENKEN AM FRIEDENSKREUZ (Siehe fürs erste weitere Links ebenda.)
Aus Sicht Ellen Rüttens, die den Stein „Friedenskreuz“ ins Rollen brachte:
GewinnerInnen und ein nachdenklicher Beigeschmack
56 Jahre unterstrich die SS-Losung, „Unsere Ehre heißt Treue“, vielleicht sogar bei manchem „ungewollt“, das frühere (Ge)-denken am Karfreitag auf dem Kahlenberg. Am 26. März 1952 berichtete die Stolberger Volkszeitung Nr. 71: „Laienspielschar, Kirchenchor und Instrumentalverein hatten sich am letzten Sonntag zusammen gefunden, um durch eine Wohltätigkeitsveranstaltung im Saale Metzenrath die letzten Kosten für die Kriegergedächtnisstätte auf dem Kahlenberg – (…) zu decken.“
Für die Kriegsgeneration assoziierte sich seit dem Karfreitag des Jahres 1947 vermutlich ihr persönliches „Golgatha“. Es gab kaum eine Familie im Dorf, in der es keine für den Faschismus gestorbenen Soldaten gab. 1952 fügte man nun u. a. den heutigen „Stein des Anstoßes“ in dieses zweite und private Kriegerdenkmal des Dorfes ein.
Eine Tradition, die auf eine 12 jährige Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus zurück blicken konnte. Mehrmals jährlich zelebrierte man zwischen 1933 und 1944, diverse „Heldengedenken“ am Kriegerdenkmal in der Ortsmitte. Heute ist diese Zeremonie vermutlich überwiegend sinnentleert, damals jedoch verband man damit vermutlich ein Stück erst kurz vergangene „Gegenwartskultur“. Soviel zum Rückblick in die Zeit, als man die SS-Losung in die Anlage „schummelte“.
Auch in diesem Jahr hat man sich, wie jedes Jahr, zu einer Karfreitagszeremonie zusammen gefunden. Dunkelheit, viele flackernde Öllampen, ein Strahler beleuchten die Szenerie, etwas abseits ein Kasten Bier. Diesmal, man schreibt den 21. März des Jahres 2008, gibt es eine Neuerung.
Der Diskussionsprozess innerhalb und außerhalb der Interessengemeinschaft hat nämlich inzwischen zu ganz handfesten und sichtbaren Entscheidungen geführt. „MAHNMAL“ liest nun, wer den Kahlenberg hinauf wandert und vor dem privaten Kriegerdenkmal, gegenüber der Fernsicht, eine Verschnaufpause einlegt. Der Begriff zieht die Blicke auf sich. Denn darüber heißt es zwar immer noch: „DEN GEFALLENEN HELDEN DER GEMEINDE ZWEIFALL“, aber „die Helden“ müssen nun neuerdings mit einer „Umwidmung“ zurecht kommen.
So sehr die Nachricht einerseits erleichtert, so nachdenklich hinterlässt sie vermutlich manch einen. Die vielschichtige, teilweise sehr leidenschaftlich und kontrovers geführte Debatte der letzten Monate, zum Umgang mit einem sicht- und greifbaren Überbleibsel der nationalsozialistischer Geschichtsschreibung hat m. E. gezeigt, wie schnell Betroffenheit, Sprachlosigkeit und Unverständnis aufkommen, an die Stelle von Dialog treten, wenn unterschiedliche Erfahrungshintergründe, politische Bewusstseins- und Erinnerungslagen, Traditionen und emotionale Befindlichkeiten den Blick und den Umgang mit der näheren Vergangenheit erschweren.
Zwar ist man jetzt inzwischen versucht zu fragen, was denn „gemeint“ sei, und ganz Kluge werden jetzt vielleicht sogar nachhaken, wenn es um die Frage einer gezielten Definition der Begriffe Mahnmal und Kriegerdenkmal geht. Denn was sich dem/der BetrachterIn zeigt ist gewiss mehrdeutig interpretierbar. Vielleicht gerät man nun sogar in Versuchung, an die Quadratur des Kreises zu denken, wenn man nicht die genaueren Umstände der aktuellen Entstehungsgeschichte mit denkt.
„Mahnmal“ und „Heldentum“ auf einem Stein vereint, scheinen sich „eigentlich“ per se auszuschließen und doch kann man meines Erachtens in Zweifall den „Zweifelsfall“ sehen – Die unterschiedlichen Seiten einer mehrdeutigen Geschichtsschreibung. Aus heutiger Sicht können sie vielleicht sogar als Schritte eines längeren demokratischen Entwicklungsprozesses interpretiert werden. Die Zeit der absoluten Gewissheiten ist vorbei.
In der Vergangenheit verbargen sich unter Umständen hinter Termini wie beispielsweise Heldentum, Ehre, Vaterland, Heimat etc. vielleicht sogar ideologische Versatzstücke. Versatzstücke, mit denen der Nationalsozialismus die Menschen emotional „abholte“, sie zu einem Teil von sich machte. Möglicherweise wurden auch im Nachkriegsdeutschland manchmal Trauer, Verzweiflung, Schmerz und politische Verwirrung/Irritation oder Unbelehrbarkeit mit Begrifflichkeiten wie diesen unterfüttert.
Aber all dies ist inzwischen vorbei und gehört dennoch zur Geschichte unserer demokratischen Entwicklung, die in manchen Orten zuerst einmal mit einer Befreiung „wider Willen“ auf den Weg gebracht wurde. Eine Geschichte, die zu uns und zu unseren Vorfahren gehört, die uns in der Enkelgeneration aber auch in eine Verantwortung stellt. Und so gibt es im Jahre 2008 keine VerliererInnen, sondern nur GewinnerInnen.
Die Interessengemeinschaft „Friedenskreuz“ hat sich bewegt ohne offiziell dazu „verdonnert“ zu sein. Man kann also durchaus von einem ermutigenden, zivilgesellschaftlichen Prozess sprechen. Ein Prozess an dem viele Menschen teilhaben konnten. Politischer Sachverstand, juristische und wissenschaftlicher Beratung, ein Gutachten, seriöse Berichterstattung und vor allem eine breit gefächerte öffentliche Diskussion. Manchmal bedarf es vielleicht sogar eines kritischen, konstruktiven (Außen)-Blicks“, um ein Stück selektiver Ausblendung ins Bewusstsein zurück zu holen.
Zweifall, ein Stadtteil mit „zwei“ Kirchen, bis 1962 sogar mit „zwei“ Schulen, „zwei“ Kriegerdenkmalen, zwei Friedhöfen und einem zweifelnden Gelehrten in seiner Geschichte. Und doch bleiben einige Fragen und Überlegungen offen, was die Entstehungsgeschichte und das private Grundstück der Gedenkstätte betrifft. Aber es bleibt vor allem ein schaler Nachgeschmack, wenn man an den Versuch der Geschichtsklitterung durch die Aachener Justiz denkt.
Diese musste erst mehrmals von ihrer vorgesetzten Behörde, der Generalstaatsanwaltschaft Köln aufgefordert werden, sich des Sachverhaltes konstruktiv anzunehmen. Es macht nachdenklich, wenn es gerade die regionale Justiz ist, die die Spuren einer faschistischen Diktatur leugnet, bzw. versucht umzudeuten und so Zivilcourage erschwert. Trotzdem kann man erleichternd festhalten: Die Erfahrung auf dem „Kahlenberg“ kann als Moment des zivilen Miteinander in die regionale Geschichtsschreibung eingehen!
Ellen Rütten
Bremen, den 26. März 2008
Aus Sicht des Lokalredakteurs:
http://www.az-web.de/sixcms/detail.php?template=az_detail&id=471620&_wo=Lokales:Stolberg