Rechts: Zwischen Antidemokraten und Antidemokraten – besinnliches im Vorfeld zum Landesverfassungschutzbericht…

Aachen. Udo Pastörs spricht an Pfingstsamstag zu rund hundert Rechtsextremisten. „Demokratiefaschisten“ nennt er CDU-Politiker. SPD-Mitglieder tituliert er als „Sozialdemokröten“. Sie alle, sagt der NPD-Politiker, seien Teil des „verfaulten Parteiensystems“. Berlin nennt er die „Reichshauptstadt“. Den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern, wo Pastörs Chef der NPD-Fraktion ist, sei eine „Palaverbude“. Gelegentlich applaudieren ihm die „Kameraden“. Organisiert hat die Veranstaltung im Frühjahr 2007 der NPD-Kreisverband Heinsberg – und das im Lokal eines Migranten in Erkelenz.

Pastörs (55) lebt zwar nun in Ostdeutschland, jedoch stammt er aus dem Kreis Heinsberg. Geboren in Wegberg, lebte er lange in Wassenberg. Als Uhrmacher und Schmuckhändler war er in Hückelhoven in den 1990er Jahren hoch angesehen – zugleich hielt Pastörs schon Kontakte zur rechten Szene. An Pfingstsamstag 2007 sagt er denn auch, er freue sich wieder in seiner Heimat zu sein. Und dann wettert er gegen die „Parteiendiktatur“ und das „verfluchte System“ der Bundesrepublik, das der „Nationale Widerstand“ bald „wirklich radikal ausschalten“ müsse.

Seit Jahren hat sich die rechte Szene in der Region zu einer der aktivsten in NRW entwickelt. War es schon früher zu vereinzelten Aktionen von Neonazi-„Kameradschaften“ und der NPD gekommen, kam es seit Mitte 2006 zu einer Häufung rechter Treffen. Im Jahre 2007 fanden im Monatstakt ein oder zwei größere, oft konspirativ organisierte Treffen wie jenes mit Pastörs statt. Rechte Sänger traten auf oder die NPD marschierte auf, wie am 22. September in Düren, als die rund 170 Neonazis angeblich „gegen Ausländerkriminalität und Inländerfeindlichkeit“ demonstrierten.

Rund 1.300 Menschen protestierten im September in Düren gegen den braunen Spuk. Am 8. Februar revanchierte sich die NPD dafür. Rund 60 Neonazis marschierten gegen die Vollversammlung des Dürener „Bündnisses gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“ (BgR) auf. Den rund 500 Menschen in der Christuskirche drohte man auf einem Transparent unmissverständlich: „Möge Euer Gott Euch vergeben. Wir tun’s nicht.“

Wenn am Freitag (28.3.) der Landesverfassungsschutz seinen Jahresbericht 2007 veröffentlicht, dürfte darin auch von einer Steigerung rechtsextremer Aktivitäten in Gesamt-NRW zu lesen sein. Dazu beigetragen haben auch Neonazis aus der Region und das neue Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ (AN). Die Rechtsautonomen – Motto: „jung – rebellisch – revolutionär“ – kleiden sich nicht mehr wie klassische Neonazis oder rechte Skinheads, sondern ähnlich wie Linksautonome. Schon Ende 2007 warnte der Landesverfassungsschutz, oftmals seien diese Neonazis kaum mehr als solche zu erkennen, agierten aber weitaus radikaler.

ANs aus der Region sind zwischen 15 und 22 Jahre alt. Zahlreiche Aufkleber-, Farbsprüh- und Flugblattaktionen seit Mitte 2007 gehen auf das Konto der ANs, die sich auch als „Anti-Antifa“ definieren, Daten politischer Gegner sammeln, diese bedrohen und attackieren. Die wachsenden Aktivitäten und die rechte regionale braune „Erlebniswelt“ – Konzerte, Treffen – haben das Selbstbewusstsein gerade der jungen Neonazis in der Region gestärkt. Strafverfahren und Hausdurchsuchungen durch die Polizei haben sie kaum beeindruckt und scheinen ihren „Kampf“ nur weiter anzuspornen.

Im August 2007 vereinigten sich die „Autonomen Nationalisten“ der Region zur „Aktionsgruppe Rheinland“. Doch modern wirken diese Neonazis nur auf den ersten Blick. Sich selbst nennen sie strafrechtlich unangreifbar „Nationale Sozialisten“. In ihrer damaligen Selbstdarstellung hieß es, „über 60 Jahre nach dem Sturz der letzten rechtmäßigen Regierung“ würden Jugendliche wieder „für ein Deutschland […] kämpfen, welches an die besseren Zeiten anknüpft.“ Vor 63 Jahren hatte das mörderische Hitler-Regime kapituliert. [© Michael Klarmann; für AN (Politik)]

[Zusatzkasten] Unmissverständlich stellen die Herausgeber fest: „Auch Neonazis in Nadelstreifen bleiben Neonazis.“ In ihrem Buch skizzieren sie, wie die NPD neue Strategien verfolgt. Nach außen hin gibt sich diese „neue“ NPD bürgerlich, bewegt sich auf die Mitte der Gesellschaft zu und ist in einzelnen Regionen Ostdeutschlands schon etabliert. Zu den NPD-Vertretern gehören auch angesehene Geschäftsleute und Menschen aus dem örtlichen Vereinsleben. Zugleich aber paktieren die bürgerlichen „Kameraden“ stark mit gewaltbereiten und vorbestraften Neonazis militanter „Kameradschaften“ und blasen unter ihresgleichen zum „Sturm“ auf die Bundesrepublik.

Jener Imagewandel hat in der öffentlichen Wahrnehmung in manchen Regionen Deutschlands aus der „alten“ völkisch-nationalistischen Partei eine vermeintlich sozial engagierte, rotbraune „Kümmerer“-Partei werden lassen. NPD-Leute engagieren sich vermeintlich uneigennützig in Elternbeiräten und sozialen Initiativen. Anhand der „Wortergreifungsstrategie“ werden die Mitglieder geschult, meiden allzu radikale Parolen und bringen sich mit (schein)bürgerlichen Argumenten in gesellschaftliche Diskussionsprozesse ein. Dass sich dennoch hinter der Fassade immer noch Neonazis verstecken, die die Bundesrepublik „abwickeln“ wollen, zeigt dieses Buch. (mik)

Andrea Röpke, Andreas Speit (Hg.): Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft (Ch. Links; ISBN 978-3-86153-467-9; 16,90 Euro)


0 Antworten auf “Rechts: Zwischen Antidemokraten und Antidemokraten – besinnliches im Vorfeld zum Landesverfassungschutzbericht…”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>