Rechts: Märtyrer wider Willen (2)

Stolberg. Gespenstige Szenen: rund 170 Neonazis ziehen von einem Großaufgebot der Polizei begleitet durch den stark von Migranten bewohnten Stadtteil Mühle. Betreiber und Kunden stehe hinter den Glastüren ihrer Geschäfte. Die Neonazis ballen die Fäuste, schreien den teils ängstlich auf sie blickenden Migranten voller Hass entgegen: „Wir kriegen Euch alle!“ Und: „Türken haben Namen und Adressen. Kein Vergeben, kein Vergessen!“ Stunden zuvor soll einer der ihren von einem Migranten erstochen worden sein. Das Opfer wird seitdem zum „Kameraden“ verklärt. Doch Freunde und die Eltern des Toten finden das unerträglich.

Rückblick: am 4. April wird der 19-Jährige aus Eschweiler gegen 23 Uhr in der Stolberger Innenstadt niedergestochen und erliegt wenig später seinen Verletzungen. Die Tat ist laut Oberstaatsanwalt Robert Deller als Folge von Streitigkeiten zwischen zwei Personengruppen anzusehen. Schon am Samstag konnten die Ermittler den geständigen Tatverdächtigen, einen 18-jährigen Migranten, stellen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Auch alle anderen jungen Leute, die an der Auseinandersetzung beteiligt waren, seien bekannt, sagt Deller. Den Ermittlern dränge sich der Verdacht auf, dass Vertreter beider Gruppen schon zuvor Streitigkeiten wegen der „Anmache“ eines Mädchens hatten und die Lage bei dem zufälligen Aufeinandertreffen eskalierte. Sicher sei, sagt Deller, dass der Grund für die Tat „nicht im politischen, rassistischen oder einem ähnlich gelagerten Bereich liegt.“

Doch die rechte Szene sieht das anders. Noch in der Tatnacht begann sie, eine Spontandemonstration zu organisieren. Gut 15 Stunden nach der Tat halten rund 170 Neonazis eine „Mahnwache“ am Tatort ab. Das Opfer sei ein „Kamerad“ gewesen, heißt es in Reden. Nach Ende des offiziellen Teils ziehen sie im Polizeikordon zurück zum Haltepunkt der Regionalbahn und skandieren ausländerfeindliche Gewaltandrohungen. Unklar bleibt indes, ob das Opfer wirklich der rechten Szene angehörte. Willibert Kunkel, Stolberger Ratsmann und Vorsitzender des NPD-Kreisverbands Aachen, sagt, das Opfer habe mit der rechten Szene nichts zu tun gehabt. Er habe an dem Abend nur seinen „Kumpel“, ein 17-jähriges NPD-Mitglied, von einer NPD-Versammlung abgeholt. Die Tat sei verwerflich, aber es handele sich wohl um „einfaches Rowdytum“ und „keine politisch motivierte Tat.“ Dessen ungeachtet verbreiten Neonazis bundesweit, ihr „Kamerad“ sei für „die Bewegung“ gestorben und er sei ein „Märtyrer“. Längst geben sich auch in unzähligen Szeneforen Neonazis ihren Rachephantasien von vielen ermordeten Migranten und Antifaschisten in Deutschland hin. Entgegen Kunkels Aussagen verbreiten andere NPD-Verbände weiterhin, dass das Opfer NPD-Sympathisant oder zumindest –Interessent gewesen sei.

Doch die Freunde und Eltern des getöteten 19-Jährigen wehren sich. Sie hielten eigene Mahnwachen am Tatort ab, der zu einer kleinen Pilgerstätte wurde. Und man verwehrt sich dagegen, dass das Opfer ein Rechtsextremist gewesen sei. Ein junger Migrant schreibt da etwa auf einem Zettel, er sei mit dem Opfer gut befreundet gewesen. Ein anderer Migrant fragt, welcher Neonazi habe „schon Zigeuner als Freunde“? Im Internet schreibt ein Freund: „echt krank, dass jez die rechtsextremisten diesen mord für ihre propaganda ausnutzen“.

Selbst die Eltern des Opfers hinterließen am Tatort ein Plakat mit Bildern von ihrem Sohn und dessen Freunden, darunter auch Migranten. Gefragt wird darauf: „Sieht so ein Rassist aus?“ Zudem die Bitte: „Hört auf, über unseren Sohn zu lügen!“ Eben wegen jenes Plakates werden nun selbst die Eltern von Neonazis in Szeneforen im Internet attackiert. Ein Neonazi schreibt etwa: „Für seine debilen Eltern kann der Junge ja nichts.“ Auf einer Neonazi-Homepage schreibt man höhnisch: „Sollen wir auf solche Eltern Rücksicht nehmen?“ Polizeipräsident Klaus Oelze findet, dass jene Instrumentalisierung der Bluttat ohne Rücksicht auf die Würde des Opfers, der trauernden Eltern und der Freunde höchst „verabscheuungswürdig“ sei.

Doch längst hat sich der braune Mythos verselbstständigt. Neonazis stellen Sonderseiten zum Tod ihres „Kameraden“ ins Internet. Zahlreiche Spontanaktionen – „Mahnwachen“, Aufmärsche und Flugblattaktionen – gab es in deutschen Städten schon. Am Samstag nun wollen rund 500 Neonazis um den Hamburger Neonazianführer Christian Worch in Stolberg aufmarschieren. Antifaschisten haben Gegenproteste angekündigt, die Polizei bereitet sich auf einen Großeinsatz mit mehreren hundert Beamten vor. Und auch die NPD plant am 26. April einen eigenen Gedenkmarsch – für ihren „Kameraden“. [© Michael Klarmann; für AN (Euregio)]


11 Antworten auf “Rechts: Märtyrer wider Willen (2)”


  1. 1 Klaus Störtebecker 10. April 2008 um 20:35 Uhr

    Soeit ich heute beim Flugis verteilen, Feedback von Stolbergern erhalten habe, wird’s am Samstag hart für die Faschos.
    Viele der Deutschen mit Wurzeln im Bereich des Mittelmeeres sind äusserst angepisst.

  2. 2 @ Klaus 10. April 2008 um 21:41 Uhr

    Große reden schwingen kann jeder, wir werden sehen für wen hier etwas „hart“ wird!
    Ihr rechnet mit 500 Teilnehmern? Ihr werdet euch noch wundern! Kein vergeben – kein vergessen!

  3. 3 redical 10. April 2008 um 21:58 Uhr

    „Betreiber und Kunden stehe hinter den Glastüren..“ fehlt da nicht ein „n“?

    mfG^^

    haben wir nicht hecktische tage an denen es zu flüchtigkeitsfehler kommen kann ;) . mik

  4. 4 Nur ich... 10. April 2008 um 23:18 Uhr

    Nimm den Mund mal nicht so voll! Im Hürtgenwald liegen eure Opas!
    Das ist nicht weit von Stolberg…

    Im Ernst: Mir macht es Mut, dass auch Freunde und Lehrer des Opfers sich an der Demonstration gegen die Nazis beteiligen wollen. Das wird es den Nazis noch schwerer machen, ihre Märtyrer-Propaganda aufrecht zu erhalten.

  5. 5 .... 10. April 2008 um 23:36 Uhr

    es wird hart, ohne frage.
    bundesweit mobilisiert kommen sowohl antifas als auch anti-antifas.
    hart wird es, so denke ich, in erster linie für die, die sich nicht ordnungsgemäß verhalten, sei es drum, ob links oder rechts.
    es hat ja lang genug gedauert, bis die polizei aufmerksam wurde, und die haben heute mittag schon die gesamte innenstadt überwacht, wie ich gesehen habe.
    nicht, dass ich mir viel von großem polizeiaufgebot versprechen würde, aber ich denke schon, dass sie ewas organisierter vorgehen, als am 27.3.08 in aachen.
    wäre wünschenswert.

  6. 6 Wilde 11. April 2008 um 12:29 Uhr

    @ Klaus , 500 , wenn du damit hinkommst, wir haben Beschlossen, das wir auch auflaufen, da kannst jetzt schon mal ungefähr schätzen was kommen wird, gehe mal in den 4 Stelligen Bereich, überspringe einfach mal die 1 .

    @ Nur ich… , was willst den damit andeuten ?

    Zu der Sache selber sage ich mal nichts mehr, die Antworten .

    Mfg Wilde

  7. 7 Klar, Mann? 11. April 2008 um 17:54 Uhr

    Bericht in der Alsdorfer Lokalpresse mit Aussage zu Stolberg:

    http://neu.az-web.de/sixcms/detail.php?template=an_detail&id=488169&_wo=Lokales:Aachen

  8. 8 Nicky 11. April 2008 um 19:52 Uhr

    Hab noch nie solch einen Quatsch gelesen. Bist Du nicht der langhaarige Typ, dessen Bild im Netz rumgeistert? Oh, man KlarMann!
    Mut hast Du ja!
    Wie wäre es mal mit Neutralität, anstatt hier Halbwarheiten zu verfassen.
    PS: Wird bestimmt gelöscht!?! Macht ihr doch so bei der Antifa, nicht?

    „Wie wäre es mal mit Neutralität, anstatt hier Halbwarheiten zu verfassen.“ und selbst? mik

  9. 9 Klar, Mann? 11. April 2008 um 20:05 Uhr

    Aus Sicht eines früheren Freundes:



    R.I.P Kevin – MyVideo

  10. 10 Klar, Mann? 11. April 2008 um 20:11 Uhr

    Wie Freunde einem Freund – nicht „Kameraden“ – gedenken:



    Kevin +04.04.08 R.I.P – MyVideo

  11. 11 Carsten 11. April 2008 um 20:59 Uhr

    Homo Erectus Wildensis: „(…), 500 , wenn du damit hinkommst, wir haben Beschlossen, das wir auch auflaufen, da kannst jetzt schon mal ungefähr schätzen was kommen wird, gehe mal in den 4 Stelligen Bereich, überspringe einfach mal die 1 .“

    Mann! Wilde!! Wo-Houw-wow-ow!!!
    Ich bin beeindruckt!!!!
    > 2.000 Gehirnamputierte marschieren stramm und stolz in Reihe!

    Nicht dass irgendein Finsterling einfach vor euch ein Stöckchen in die Ecke wirft und ihr euch da alle – vom Herdentrieb wohlig hingerissen – gleichzeitig draufstürzt!!!
    Das würde ein unschönes Gemenge dann…

    Zu schade, dass Kevin für euch nicht zum Märtyrer taugte (nicht, dass ihr Einzeller euch davon abhalten lassen würdet…)… aber ich bin sicher: IHR werdet schon noch eure Märtyrer bekommen!!!

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