(K)eine SS-Losung sorgt(e) auf einem „Friedenskreuz“ für Unruhe. Doch die Staatsanwaltschaft Aachen fand, alles sei eine freie Schöpfungsgeschichte.
Bemerkenswert, wer mit einem Leserbrief nach monatelanger Diskussion das vorerst letzte Wort hatte und der Kritikerin an einer SS-Losung auf einem Kriegerdenkmal ideologische „Mätzchen“ vorwarf. „Ich hoffe, dass die Dame Rütten jetzt endlich Ruhe gibt,“ polterte da Hans Rantz in der Lokalausgabe der „Stolberger Nachrichten“. Ruhe gegeben hat der Rentner selbst nie. Er war Freiwilliger der Waffen-SS und gehörte Mitte der 1980er Jahre dem NRW-Landesvorstand der „HIAG“, der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ der „Soldaten der ehemaligen Waffen-SS“ an.
Jene ideologischen „Mätzchen“ nahmen ihren Anfang im Herbst 2007. Damals verweilte Ellen Rütten, umtriebig in linken Gruppen und Parteien, der Flüchtlingshilfe und Friedensbewegung, im Stolberger Ortsteil Zweifall. Sie stammt aus dem Dorf in der Voreifel, gelegen in einem Talkessel am südlichen Rand des Kreises Aachen. Doch sie verließ vor vielen Jahren jene Enge, in der jeder jeden kennt und irgendwie alle alles über jeden wissen. Doch dann begann die Wahl-Bremerin, zur Rolle ihres Großvaters im Nationalsozialismus zu forschen. Bei ihren Recherchen entdeckte sie auch das „Friedenskreuz“ in Zweifall, dass auf einer Anhöhe am Ortsrand, dem Kahlenberg, steht. Was sie dort vorfand, 63 Jahre nach Ende der Nazidiktatur, verblüffte sie – und das auch, weil an der Außenwand der Kirche im Ortskern ein Monument an die Toten des Ersten Weltkriegs und ein wuchtiges „Ehrenmal“ in der Ortsmitte an jene des Zweiten Weltkriegs erinnert. Zweifall hat rund 2.000 Einwohner, zwei Kirchen, zwei Friedhöfe, ein Kloster, drei Gaststätten, einen Imbiss, eine Eisdiele, einen Bistro, ein Hotel, eine Grundschule – und drei Kriegerdenkmäler.
Auf dem Kahlenberg blickt eine schwarze Jesusfigur von dem gut fünf Meter hohen Kreuz auf die Spaziergänger herab. Der Anblick erinnert durchaus an Klein-Golgatha und so war denn das „Friedenskreuz“ auch an Karfreitag 1947 errichtet worden. „Wir liebten unsere Heimat wie ihr, darum vergeßt uns nicht – 1939 [bis] 1945“ steht auf dem Kreuz geschrieben, als seien es Worte Jesu. Unterhalb des Kreuzes stehen auf zwei Gedenksteinen die Namen der Gefallenen aus dem Dorf. Ein großes Eisernes Kreuz davor wirkt auf den Betrachter wie eine Grabplatte mit der Aufschrift: „Für Frieden in der Welt“. Auf dem Stein mitten unter dem Kreuz steht groß der Satz „Den gefallenen Helden der Gemeinde Zweifall“. Darunter prangt die frühere SS-Losung „Unsere Ehre heißt Treue“. Als Rütten das zum ersten Mal sah, waren nicht nur die Blumenbeete neben dem Arrangement akkurat gepflegt, sondern auch die Losungen frisch mit goldener oder roter Farbe nachgezogen worden.
Rückblick: In Zweifall schaffte man zwei Jahre nach Kriegsende an einem Karfreitag mit einem Pferdefuhrwerk das „Friedenskreuz“ auf den Kahlenberg, wo es dann auf Privatgrund an einem Aussichtspunkt „aufgerichtet“ (Chronik) wurde. Im Ort selbst – vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs rund 1.300 Einwohner – hatte fast jede Familie einen Toten oder Vermissten zu beklagen. Fast vergessen war 1947 indes schon wieder, dass ein Teil der Hauptstraße kurz zuvor noch Adolf-Hitler-Straße hieß, es neben der Kirche ein „Braunes Haus“ mit NSDAP-Verwaltung und Kinderhort gab sowie 1936 bei der Beerdigung eines durch einen Verkehrsunfall verstorbenen NSDAP-Ortsgruppenleiters und SA-Sturmführers eine Hundertschaft „Junker“ der NS-„Ordensburg Vogelsang“ aus der Eifel aufmarschierte. Man erwies dem ehemaligen „Kameraden“ die letzte Ehre, einschließlich Ehrensalut durch fünfundzwanzig SS-Männer und Hakenkreuzflaggen auf Halbmast. Nun, 1947 und gut elf Jahre nach jenem denkwürdigen Begräbnis, wollen örtliche Geschäftsleute und Honoratioren ihren Toten wieder gedenken, diesmal mit einem Kreuz ohne Haken. Bis 1963 wird das Kriegerdenkmal zudem mehrmals um- und ausgebaut.
In den 1980er Jahren jedoch ist die Anlage verwittert und verfällt, niemand pflegt sie. Eine 1983 gegründete und bis heute aktive „Interessengruppe Zweifaller Friedenskreuz“ restauriert die Anlage. Glaubt man Aussagen von noch lebenden IG-Gründungsmitgliedern, erfuhren sie erst 2007 durch Rütten von der Brisanz der SS-Parole. Doch schon nach der Restauration hatte sich der damalige Dorfpfarrer geweigert, das Kreuz bei einer Einweihungsfeier am 25. Januar 1984 einzusegnen – wegen der SS-Losung. Und heute – quasi im ersten Halbjahr nach Rütten – erinnern sich manche sogar doch wieder daran, dass der Gedenkstein mit der SS-Parole 1952 vom Sohn eben jenes Dorflehrers entworfen wurde, der als einer der aktivsten „Nazzziiiisss“ im Ort bekannt war. Manche sagen heute hinter vorgehaltener Hand, auch der Sohn habe braune Ansichten gehegt – heute, erst 52 Jahre nach dem Errichten jenes umstrittenen Gedenksteines unter dem „Friedenskreuz“, sagt man das.
Doch 1984, heißt es heute ebenso, da habe der Pfarrer seine Kritik nicht öffentlich gemacht. Angeblich soll er seine Vorbehalte nur ein oder zwei längst verstorbenen IG-Leuten geschildert haben – und sie hätten dass dann unter den Tisch gekehrt. Doch Ellen Rütten ist nicht der Pfarrer. Nachdem sie die IG im Herbst 2007 vergeblich angesprochen hat, wendet sie sich an die Lokalzeitung, an den WDR, an die Stadt Stolberg. Sie erstattet zudem Strafanzeige wegen Verbreitung von Parolen verfassungsfeindlicher Organisationen bei der Staatanwaltschaft Aachen. Rasch wird Rütten danach in Zweifall zur Unperson. In trauter Runde fällt schon mal das Wort vom „Volkszorn“, der sie treffen werde, sollte sie sich „noch mal blicken lassen“. In der Lokalpresse ist von der „empörte[n] Zweifaller Volksseele“ zu lesen.
Nachdem Rütten am 21. September 2007 Strafanzeige erstattet hatte, kam die Staatsanwaltschaft Aachen überraschend schnell zu einer Entscheidung. Schon am 9. Oktober stellte sie das Verfahren ein. Der offizielle SS-Leitspruch sei „Meine Ehre heißt Treue“ (zu Adolf Hitler; mik) gewesen. „Unsere Ehre heißt Treue“ sei nur eine kreative Abwandlung und falle unter die Meinungsfreiheit, stellt die Staatanwaltschaft Aachen entgegen mehrerer Urteile in Strafverfahren vor höheren Instanzen fest. Entgegen der Meinung des damaligen Pfarrers fand die Behörde zudem, stehe das christlich geprägte Denkmal im Widerspruch zur antichristlichen SS. Überdies werde zum Frieden gemahnt. Dennoch wies Stolbergs Bürgermeister Ferdi Gatzweiler (SPD) die IG darauf hin, so könne das Kriegerdenkmal nicht bleiben. Resultat: Unbekannte drohten Mitte Oktober an einer Straße von Stolberg in Richtung Zweifall auf einem Transparent: „Gatzweiler, die Ehre und Treue der Toten ist unantastbar! Das KriegerdenKmal in Zweifall bleibt!!“
Linksextreme sahen das anders. Sie beschmierten Mitte Oktober die Gedenksteine mit Farbe. In einem Bekennerschreiben einer „AG Geschichtsrevisionismus demontieren“ hieß es, man habe nun selbst die SS-Parole „entfernt“. Das Kriegerdenkmal sei „Zeichen […] einer fehlenden Auseinandersetzung mit den mörderischen Verbrechen der Wehrmacht,“ erinnere an das NS-„Heldengedenken“ und sei „zutiefst respektlos gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus“. IG-Vertreter schimpften ihrerseits, nun sehe man, wie die von Rütten angestoßene Diskussion „ausarte[t]“. Was dabei im Ort unter den Tisch gekehrt wurde: am „Friedenskreuz“ war es schon mehrfach zu Vandalismus gekommen. Die Lichtanlage, mit der das Kreuz nachts ausgeleuchtet wird, wurde 1986 zerschossen. Gedenksteine wurden 1989 und 1990 nach den Mahnwachen an Karfreitag mit Wachs aus rund hundert „Flammschalen“ (Chronik) übergossen. Es kam 1989 und 1990 zu Zerstörungen an Fahnenmast sowie Diebstählen der Landesflagge. Und 1992 war das Denkmal sogar mit Nazi-Symbolen beschmiert worden.
Nach Prüfung durch ihren Anwalt legte Rütten gegen den Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft Aachen Beschwerde ein. René Rohrkamp, Historiker an der RWTH Aachen, stellte begleitend in einem Kurzgutachten fest, „Ehre“ und „Treue“ seien zentrale Begriffe in Losungen, Schriften und Reden der SS gewesen. Es habe „stets auch Abwandlungen“ von „Meine Ehre heißt Treue“ gegeben. Rohrkamp verwies zudem auf ein SS-Mal auf einem Soldatenfriedhof in Griechenland mit der Inschrift „Unsere Ehre heißt Treue“. Und auch die Generalstaatsanwaltschaft Köln ging auf Konfrontationskurs zu ihren Kollegen. Die Behörde wies die Aachener Staatsanwälte Mitte Dezember an, ihre Ermittlungen wieder aufzunehmen. Das wolle man nun auch sehr gründlich tun, diktierte Oberstaatsanwalt Lutz Bernklau kurz darauf der Lokalpresse. Im Herbst 2007 hatte eben jener Bernklau, der in linksextremen Kreisen für seine Härte gegenüber Angeklagten gefürchtet ist, der IG noch innerhalb weniger Tage einen „Freispruch zweiter Klasse“ (WDR) zustellen lassen. Doch nun spielt Bernklau auf Zeit. Selbst Ende März 2008 betonte er gegenüber der Lokalpresse wieder: „Die Ermittlungen werden mit dem gebotenem Nachdruck geführt […], aber gut Ding will Weile haben.“ Ein Abschluss des Verfahrens sei noch nicht in Sicht. Wer Bernklaus Plädoyers in Strafprozessen kennt, weiß: da ist ein Mann, der von seiner Unfehlbarkeit weiß, extrem brüskiert.
Gegenwart, Karfreitag 2008: Unterdessen hat die IG trotz langen Zögerns eingelenkt und Anfang März von einem Steinmetz eine Blausteintafel über die SS-Parole anbringen lassen, auf der nur noch ein Wort steht: „Mahnmal.“ Am Abend aber leuchtet das Kreuz blutrot über den Kahlenberg, angestrahlt von einer Lampe. Rund um die und auf den Gedenksteinen stehen knapp 30 brennende Grablichter. Um die Blumenbeete des Kriegerdenkmals herum flackern die Flammen von etwa vierzig Wachsschalen. Besonders das Licht der „Flammschalen“ (Chronik) mutet an wie ein Lichtritual im Nationalsozialismus. Alljährlich findet jenes Ritual seit 1987 an Karfreitag statt. In diesem Jahr ist es eisig kalt, Hagelschauern und Schneegestöber gehen nieder. Vertreter der IG und einige Menschen aus dem Dorf haben sich in der Dunkelheit auf den Kahlenberg begeben.
Doch im Kontrast zu dem Lichtspektakel wirkt das „Gedenken“ wenig tragisch. Man steht beisammen, unterhält sich, scherzt gar. Bierflaschen und Weinflaschen werden gelehrt, aus einer Thermoskanne wird Grog gezapft, ab und zu gibt es „einen Kurzen“ aus Plastikbechern und Ostereier aus dem Karton. Nein, sagt ein IG-Vertreter, Neonazis seien hier bei dem Gedenken nie gewesen. Und selbst Hans Rantz, der rund 10 Kilometer Luftlinie von dem Kreuz entfernt in einem anderen Stadtteil lebt, dürfte sich mächtig aufgeregt haben, als er von jenem Biotop mit der innig geliebten Losung erst aus der Zeitung erfahren hatte – 63 Jahre nach Kriegsende. [© Michael Klarmann; für konkret]
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