Soziales: Vom Überleben in einer anderen Welt…

Düren. Das Neugeborene auf dem Foto schaut blinzelnd in die Kamera. Die Großmutter, sie ist rund 35 Jahre jung, hält das in eine Decke eingewickelte Baby in ihren Armen. Ramona B. sagt, die Geburt des Kindes sei der Anlass ihres ersten „Hausbesuchs“ im Rahmen eines Praktikums gewesen. Und dann erzählt die 26-jährige Dürenerin die Geschichte zum Bild. Die Mutter des Kindes, eine 13-Jährige, sei gar nicht mehr in der Hütte gewesen. Die Drogensüchtig habe schon wenige Stunden nach der Geburt ihres zweiten Kindes wieder anschaffen müssen, um sich Crack kaufen zu können.

„Gott, ist das eine andere Welt als hier,“ sagt die Studentin der Sozialarbeit, wenige Wochen nach ihrer Heimkehr. Sie schaut auf zahlreiche Fotos. Im Rahmen ihres Studiums hat sie freiwillig ein Praktikum in Curitiba, einer Stadt an der Pazifikküste Brasiliens, absolviert. Zwei Millionen Einwohner leben in der Metropole, eine der fortschrittlichsten und modernsten Städte Brasiliens. Doch zugleich gibt es die Favelas, jene Elendsviertel, in denen Menschen in bitterer Armut hausen, zwischen Müll und dem Krieg der Drogenbanden. Weil Klebstoff billiger als Nahrung ist und das Hungergefühl mindert, schnüffeln schon Kleinkinder auf offener Straße. Morde gehören zur Tagesordnung.

Ramona B. lebte zeitweise zwar in einem der reichen Viertel bei Verwandten, doch sie arbeitete in einer Sozialstation in der Favela. In „ihrem“ Elendsviertel leben rund 8.000 Menschen, 3.000 seien nicht registriert gewesen. „Sie existieren eigentlich gar nicht und fallen aus jeglicher Statistik raus“, sagt die junge Frau und ergänzt, dass diese Menschen weder regulär Arbeit fänden, noch deren Kinder Schulen besuchen könnten. Das Viertel selbst haben zwei Drogenbanden unter sich aufgeteilt, ein verdreckter Fluss in der Mitte gilt als Grenze zwischen den Revieren. Rettungsdienste und Polizei trauen sich nur selten hier hin – und falls doch, dann meist nur in Panzerwagen, schwer bewaffnet und mit paramilitärischer Ausrüstung. Ramona B. trug zum Schutz nur eine Weste, die sie als Mitarbeiterin der Sozialstation kennzeichnete.

„Nach meinen ersten Hausbesuch habe ich mir gedacht, ich muss ziemlich stark sein,“ sagt die junge Frau heute. „Ich hielt dieses Kind in meinen Armen und wusste, es hat keine Chance.“ Die Mutter des Babys – die 13-Jährige hatte schon im Alter von 11 Jahren ein Kind bekommen –, habe sie erst später kennen gelernt. Denn ganze sechs Monate lang absolvierte die Dürenerin das Praktikum in jener Armut, zwischen Prostitution und Menschen, die Müll sammeln, ihn sortieren und die so gesammelten Wertstoffe über Zwischenhändler wieder verkaufen. Nach drei Monaten konnte B. sich erstmals ohne Begleitpersonen der Sozialstation durch das Viertel bewegen, ohne als Fremde Gefahr zu laufen, ermordet zu werden. Fotos konnte sie nur unter Lebensgefahr und meist heimlich machen.

Es sind Bilder wie aus einer anderen Welt. Sie zeigen Trümmerlandschaften, verfallene Schuppen oder Bretterverschläge, die kein Deutscher Bauer seinen Tieren als Stall zumuten würde. Doch zu sehen sind „Häuser“, in denen auf wenige Quadratmeter oft bis zu zehn Menschen leben, meist ohne Strom und fließendes Wasser, dafür manchmal gemeinsam mit einigen Hühnern oder zwischen Müllhaufen. Allerdings gibt es ein eigenes Fernmeldenetz in dem illegalen Viertel. „Warum ballern die hier so rum?“ hatte Ramona B. nach ihren ersten Tagen in der Favela eine Kollegin gefragt. „Jetzt sind wieder Drogen da,“ war die Antwort, warum täglich zu verschiedenen Zeiten in die Luft geschossen wurde. Denn mittels Klebstoff, Haschisch, Kokain oder Crack versuchen die Menschen, mit ihrer Armut fertig zu werden.

Die 26-Jährige zeigt ein weiteres Foto. Es zeigt sie selbst und einen dunkelhäutigen 11-Jährigen. „Den habe ich lange betreut“, sagt sie. Der Vater habe sich nicht um das Kind gekümmert, die Mutter sei schwere Alkoholikerin gewesen. Der Junge grinst ebenso wie Ramona B. in die Linse. „Er war mit acht Jahren schon drogenabhängig und hatte, als ich da war, schon einen Klinikaufenthalt mit Entzug hinter sich. Der war so liebesbedürftig. Aber ich wusste, er hat keine Chance,“ sagt die Studentin, deren Mutter gebürtige Brasilianerin ist. An das eher ungewöhnliche Praktikum sei sie nur gekommen, weil eine Tante von ihr dort ebenso arbeitet. Zur Sicherheit der Verwandtschaft will sie auch ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Rund 200 jener Favelas gibt es in Curitiba. „Ich war nicht im ärmsten, aber dafür im kriminellsten,“ sagt die junge Frau. Zur Abschreckung hätten die Banden „Drogenschulden“ recht bald geahndet – indem der Schuldner ermordet wurde. Mehrere Betreute seien in den sechs Monaten ihres Praktikums ermordet worden, sagt sie. Aber selbst jene, die sich aus dem Drogensumpf frei machen konnten, leben gefährlich. So wurde ein junger Mann mit seinem Auto gestoppt. Auf dem Beifahrersitz saß seine Frau mit dem drei Monate alten Baby auf ihrem Arm. Zwei weitere Kinder der Familie saßen auf dem Rücksitz. Drei maskierte Täter hielten dem Mann die Pistole an die Backe – und drückten mehrmals ab. Als Grund vermutet Ramona B. Rache, da der Familienvater früher in den Bandenkriegen involviert gewesen sei. „Selbst, wenn die Leute von den Drogen weg kommen, heißt das also nicht, dass sie Jahre danach auch sicher leben können,“ sagt die 26-Jährige.

Dreimal seien Menschen, bei denen sie kurz zuvor noch einen „Hausbesuch“ durchgeführt habe, ermordet worden. Wären die Täter eher erschienen, hätte auch sie eines der Opfer sein können. Und selbst vor dem Mord an einem Armenpriester, mit dem sie einen Tag zuvor noch Essen an Bedürftige verteilt hatte, schreckten die Drogenbanden nicht zurück. Der Geistliche, sagt B., sei mit seinem Auto und dem der Bandenmitglieder zusammengestoßen. Verletzt habe der Priester sich in seine Kirche retten wollen. Trotz der dort betenden Menschen sei er von den Kriminellen mit sieben Schüssen niedergestreckt worden. „Da war ich mit den Nerven fertig,“ sagt B.

Und trotzdem. Viele der Menschen seien „so herzlich und gastfreundlich“ gewesen, wie sie es in Deutschland nur selten erlebt habe. Sie lebten zwar ständig mit der Gewalt und in Armut, würden aber für ihre Verhältnisse das Leben genießen, ohne Neid auf die anderen. „Ich will auf jeden Fall noch mal dahin reisen und sie besuchen,“ sagt die Dürenerin. Ob dann aber noch alle leben… [© Michael Klarmann; für AN (Seite 3)]


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