Aachen. Eines Morgens hing plötzlich eine schwarze Fahne mit einem weißen Keltenkreuz an der Wand. Gertrud Meier dachte sich zuerst nichts dabei. Ihr 16-jähriger Sohn Bernd war gerade mit dem Bus zur Schule unterwegs. Die Mutter machte das Bett, und dann wunderte sie sich doch über diese komische Fahne. Über dem Keltenkreuz stand White, darunter Power. An allen vier Ecken waren weiße, geballte Fäuste zu erkennen. Bernd, dachte die Mutter, hatte sich in letzter Zeit verändert. Zwar trug er weiter seine sportliche Kleidung, aber Freunde nannte er nun „Kameraden“.
Zwar ist das Beispiel fiktiv, jedoch deckt es sich mit Beobachtungen von Eltern, deren Kinder in die rechte Szene abrutschen. Plötzlich tauchen dann im Jugendzimmer unbekannte Symbole auf. Längst erkennt man Neonazis nicht mehr an Hakenkreuzfahnen oder Bildern von Wehrmacht-Soldaten. Die rechtsextreme Szene tarnt sich heute hinter Ersatzsymbolen, Zifferncodes und schwammigen Parolen, deren Sinn „intern“ zwar verstanden wird. Doch Außenstehende, Lehrer und Eltern erkennen nicht immer die Bedeutung dahinter. So steht das weiße Keltenkreuz auf schwarzem Grund etwa für die Vorherrschaft der „Weißen Rasse“ gegenüber allen anderen „minderwertigen Rassen“. Die geballte weiße Faust steht für die „Weiße Macht“ (White Power).
Den Nazigruß „Heil Hitler!“ zu äußern ist verboten. Längst spielt die Braunszene daher mit Zifferncodes. So steht die Ziffer 88 im Szenekontext, etwa in Frakturschrift oder im Lorbeerkranz eingefasst auf T-Shirts oder Jacken, für die Doppelung des achten Buchstaben im Alphabet. Dies steht wiederum für HH alias „Heil Hitler“. „Combat 18“ steht in diesem Sinne frei übersetzt für „Kampfgruppe Adolf Hitler“. Die gleichnamige rechte Terrorgruppe hat in Großbritannien schon Briefbomben an Antifaschisten und Journalisten verschickt.
Neonazis wollen heute auch keine Nationalsozialisten sein. Zwar glorifizieren sie das Hitler-Regime, und dennoch treten sie nach außen hin strafrechtlich unangreifbar als „Nationale Sozialisten“, „Nationalisten“ oder „nationale und soziale Aktivisten“ auf. Bei ihren Demonstrationen skandieren sie etwa die Parole „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ Und selbst die „Nationaldemokraten“ der NPD nutzen heute fast inflationär Umschreibungen, „national und sozial“ eingestellt zu sein, wenn sie von der „nationalen Opposition“ und dem „nationalen Widerstand“ gegen das „BRD-Kartell“ sprechen. Untereinander spricht man sich als „Kameraden“ an und bei Aufmärschen gibt man sich teilweise vermeintlich pazifistisch, indem man skandiert: „Nie wieder Krieg – nach unsrem Sieg!“
Seit Jahren dient der Braunszene auch die Reichskriegs- und alte Reichsflagge als Symbol – die „Reichsfarben (Schwarz-Weiß-Rot) finden sich oft genug in Variationen innerhalb der rechten Szene. Unterdessen dient aber auch das Motiv der „Schwarzen Sonne“ als Symbol. Das auch als zwölfarmiges, rundes Hakenkreuz umschriebene Zeichen verklären Szenekreise als ein historisches Symbol aus der Ära der altgermanischen Naturreligionen. Fachleute erinnern indes daran, dass die „Schwarze Sonne“ in Nazideutschland eine Schöpfung der SS war, die das Symbol als riesiges Bodenmosaik in der SS-Kultstätte Wewelsburg (bei Paderborn) „verewigte“. Für die rechte Szene hat es eben diese Bedeutung.
Einst waren Kleidungsstücke der Firma „Lonsdale“ beliebt bei rechten Skinheads und Neonazis. Es hieß dazu: bei einer leicht geöffneten Jacke sei etwa auf der Brust eines T-Shirt-Trägers in Anlehnung an die NSDAP zu lesen: NSDA (LoNSDAle). Doch die Modefirma distanzierte sich von derlei Gedankengut und ist heute beliebt bei vielen Jugendlichen. Die rechte Szene schuf sich indes eigene Marken und Logos. Ähnlich des „Lonsdale“-Schriftzugs aufgemacht sind Marken wie „CoNSDAPle“ oder „Masterrace“ (Herrenrasse). Beliebt sind aber auch „T-Hemden“, wie die Neonazis ihre T-Shirts nennen, mit Aufdrucken von Musikgruppen wie „Skrewdriver“, „Division Germania“, „Landser“ und „Freikorps“. Beliebt sind heute ebenso Kleidungsstücke, darunter gerade Kapuzenjacken, der umstrittenen, „nordischen“ Sportmarke „Thor Steinar“. Sie wird oft nur von Neonazis und rechten Fußballfans getragen.
Doch das Erscheinungsbild verändert sich. Neuerdings treten verstärkt „Autonome Nationalisten“ (AN) auf, die sich ähnlich dunkel kleiden wie Linksautonome. In Turnschuhen, Bundeswehr- und Baggyhosen, mit Rücksäcken, Mützen und Kapuzen-, Wind- und Sportjacken treten sie innerhalb rechter Aufmärsche als „Schwarzer Block“ auf. Diese Neonazis sind als solche nicht mehr zu erkennen, indes sehr radikal und militant. Anders als die traditionellen „Kameraden“, die Anglizismen als Undeutsch ablehnen und statt vom Internet vom „Weltnetz“ sprechen, nutzen die ANs längst auch englische Begriffe und Parolen. ANs tragen teilweise aus Solidarität zum Kampf der Palästinenser gegen Israel (gemeint ist: gegen Juden) Palästinensertücher und nutzen längst auch Elemente der Linken, Pop- und Comickultur zur Gestaltung ihrer Transparente.
Eines Morgens fand Gertrud Meier im Zimmer ihres Sohnes den noch laufenden Computer vor. Ihre Neugier trieb sie. In einem geöffneten Browserfenster sah sie ein Diskussionsforum. Einige User schienen der rechten Szene anzugehören, hatten Benutzerbilder mit rechtsextremen Symbolen. Eine „Freya“ beendete ihren Beitrag „mit kameradschaftlichem GruSS“. Die Mutter wunderte sich zuerst über den Schreibfehler, bis sie erkannte, dass so die SS glorifiziert werden sollte. Der Nutzer „Hassmaschine88“ hatte seinen Kommentar nur mit der Abkürzung „mkG“ beendet. Dann sah sie einen Beitrag von Bernd, der an seinem Nutzerbild – ein Porträtfoto vor der Keltenkreuz-Fahne – zu erkennen war. Bernd schrieb über einen NPD-Infostand. Er habe mitgeholfen, Parteiwerbung zu verteilen. Seinen Text beendete ihr Sohn mit „mdG, Euer OdinSSohn“. Gertrud Meier dachte darüber nach, was das Kürzel bedeuten könnte. Treffer einer Suchmaschine führten sie dann auf eine Aufklärungsseite über rechte Parole. Das Kürzel stand für „mit deutschem Gruß“, der Grußformel der Nationalsozialisten. [© Michael Klarmann; für AZ (Seite3)]
Kasten: Hilfe für Eltern von Neonazis
Claudia Hempel: Wenn Kinder rechtsextrem werden. Mütter erzählen. Zu Klampen Verlag, Springe 2008. 208 Seiten, 12,80 Euro. (Interviews mit Müttern von Neonazis und Aussteigern über ihre Erfahrungen. Zudem Informationen über Szene-typische Kleidung, Symboliken und Liedtexte sowie Kontaktdaten von Beratungsstellen.)
Innenministerium NRW: Musik – Mode – Markenzeichen. Rechtsextremismus bei Jugendlichen. Eigenverlag, Düsseldorf 2007. 174 Seiten, gratis. (Umfangreiche Gratisbroschüre über Szene-typische Kleidung, Symboliken, Liedtexte sowie Literaturliste. Gratis anzufordern unter 0211/871-01. Im Web als .PDF-Datei: http://www.im.nrw.de/sch/doks/vs/musik_mode_markenzeichen.pdf)
Agentur für Soziale Perspektiven: Das Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen. Eigenverlag, Berlin/Oberhausen 2007. 40 Seiten, 4 Euro. (Umfangreiche Broschüre über Szene-typische Kleidung, Symboliken, Liedtexte. Mit Literaturliste und Kontaktdaten von Beratungsstellen. Es gibt eine spezielle Ausgabe für die Rhein/Ruhr-Region. Teilweise im Web: http://www.dasversteckspiel.de)
Fabian Virchow, Christian Dornbusch (Hrsg.): 88 Fragen und Antworten zur NPD. Weltanschauung, Strategie und Auftreten einer Rechtspartei – und was Demokraten dagegen tun können. Wochenschau Verlag, Schwalbach 2008. 336 Seiten, 24,80 Euro. (Entlarvt die NPD als antidemokratische und neonazistische Partei und liefert Gegenargumente.)
Markus Tiedemann: „In Auschwitz wurde niemand vergast.“ 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt. Verlag an der Ruhr, Mühlheim 1998. 186 Seiten, 18,50 Euro. (Fundierter, preisgekrönter Ratgeber gegen rechte Parolen, mehrere Neuauflagen.)
Jonas Lanig, Marion Schweizer (Hrsg.): „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt. Verlag an der Ruhr, Mühlheim 2002. 246 Seiten, 18,50 Euro. (Ergänzungen zum oben genannten Ratgeber.)
Exit-Familienhilfe, Berlin. Beratungsstelle. Im Internet unter http://www.exit-familienhilfe.de (Infos und Links zum Thema). Tel. 0173 – 973 83 86 (nach Prüfung, ob der Anrufer berechtigte Hilfe benötigt, bietet man Rückrufe an).
Michael Klarmann: Tipps für Eltern von Neonazis. Linksammlung mit Presseberichten, Beratungsstellen, Ratgebern usw.: http://klarmann.blogsport.de/tipps-fuer-eltern-von-neonazis/
Christoph Busch (Hrsg): Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen. Nordrhein-Westfalen für Toleranz und Menschlichkeit. Eigenverlag, Bonn 2008. 64 Seiten, gratis. (Ausstellungsbroschüre des Forums Jugend und Politik Bonn der Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Web als .PDF-Datei: http://www.fes.de/forumjugend/Demokratie-staerken-Rechtsextremismus-bekaempfen.pdf) [Zusammenstellung: Klarmann]
Ergänzung über die Gefahren rechter Rockmusik (AN-Bericht):
http://neu.az-web.de/sixcms/detail.php?template=an_detail&id=498607&_wo=Lokales:Dueren
Ergänzung über die Gefahren rechter Rockmusik (AZ-Bericht):
http://www.az-web.de/sixcms/detail.php?template=az_detail&id=501685&_wo=Lokales:Stolberg