Rechts: Klein-Sebnitz der Neonazis

Ein 19-Jähriger, der von einem Migranten erstochen wurde, wird bei den Neonazis zum „Kameraden“ und „Märtyrer“. Am Ende ist er aber nur ein „junger Deutscher“, dessen Tod „nicht umsonst“ gewesen sein darf.

Stolberg. Wenn es der NPD nutzt, muss selbst Ernst Reuters viel zitierte Rede von 1948 dran glauben: „Völker, schaut auf diese Stadt,“ rief der NPD-Ratsmann Willibert Kunkel rund 450 „Kameraden“ zu. „Schaut hinab auf Stolberg, diese verlogene Stadt,“ ergänzte der auch äußerlich braun gebrannte NPD-Mann. „Hier steht der Sturm der Empörung,“ so Kunkel an Behörden, Polizei und „Pressefritzen“ gerichtet, die die Bluttat eines 18-jährigen Migranten an einen 19-Jährigen in Stolberg herunterspielen würden. Im Rat der braunen Hochburg im Kreis Aachen sitzen zwei NPD-Männer und ein DVU-Mitglied.

Während Kunkel selbst Stunden nach der Tat beteuerte, der Tote habe mit der rechten Szene nichts zu tun gehabt, hatte schon eine Telefon- und E-Mail-Kette eingesetzt, hatten Neonazi-Websites über den Fall berichtet, der zudem in Szeneforen die Runde machte. Die Nachricht: ein „Kamerad“ sei in der „Stolberger Blutnacht“ von einem Migranten ermordet worden. Als dann 15 Stunden nach der Tat spontan 170 Neonazis von einem Großaufgebot der Polizei begleitet aufmarschierten, bedrohten sie Migranten. Betreiber und Kunden türkischer Läden standen hinter den verschlossenen Glastüren und Fenstern der Geschäfte. Die Neonazis ballten die Fäuste und brüllten den Migranten entgegen: „Wir kriegen Euch alle!“ Und: „Türken haben Namen und Adressen. Kein Vergeben, kein Vergessen!“

In der Nacht vom 4. auf den 5. April glaubte die Braunszene, in Stolberg sei ihr ein „Märtyrer“ geboren worden [1]. Nachdem ein 19-jähriger Berufsschüler aus dem benachbarten Eschweiler seinen „Kumpel“ (Kunkel), ein 17-jähriges NPD-Mitglied, von einer Versammlung des NPD-Kreisverbandes Aachen abgeholt hatte, trafen sie auf eine Gruppe von Migranten. Das spätere Todesopfer hatte laut Ermittler zuvor schon wegen eines Mädchens Streit mit Personen aus der Gruppe. Bei dem nächtlichen Aufeinandertreffen eskalierte dieser dann. Am Ende lag der 19-Jährige von mehreren Messerstichen getroffen am Boden und verstarb kurz darauf.

Kunkel war klar, dass das Todesopfer keiner der ihren war. Doch das schien andere NPD-Funktionäre und Neonazis aus dem Rheinland und Ruhrgebiet nicht zu beeindrucken. Stunden nach der Tat hatten jene schon verbreitetet, das Opfer sei ein „Kamerad“, „NPD-Mitglied“ oder „NPD-Sympathisant“ gewesen – wohl auch, um sich selbst zu profilieren und die Sogwirkung der Mär eines „Opfers der Bewegung“ zu nutzen. Selbst NPD-Parteichef Udo Voigt rief, von den NPD-Funktionären vor Ort offenbar falsch informiert, im fernen Weimar am 5. April zu einer Schweigeminute für den „Kameraden“ auf.

Europaweit hielten seitdem Neonazis „Mahnwachen“ ab und stellten Videos und Sonderseiten „zu Ehren“ des „gefallenen Kameraden“ ins Internet. Der Landesgeschäftsführer der NPD-NRW, Claus Cremer, lastete die Tat sogar dem politischen Gegnern an: „Die Hetze, welche die etablierten Versagerparteien und die regionalen [antifaschistischen] Bündnisse […] gegen die NPD verbreite[n], trägt mörderische Früchte,“ teilte Cremer Anfang April mit.

Am 12. April marschierten schon 800 Neonazis in Stolberg zum „Gedenken“ auf. Bald wurde indes von fast allen NPD-Funktionären zurück gerudert. Das Opfer selbst war nun schlicht noch ein „junger Deutscher“, der „grundlos von einem Ausländer ermordet“ worden sei, hieß es etwa in einem Flugblatt. Am 26. April marschierten mit Voigt und NPD-Generalsekretär Peter Marx noch mal 450 Neonazis auf. Es war jener Aufmarsch, bei dem Kunkel die „Völker der Welt“ aufrief, auf die „verlogene Stadt“ zu schauen. Kunkel meinte damit indes keine verlogenen „Kameraden“. Der NPD-Kreisvorsitzende aus Düren, Ingo Haller, meldete kurz darauf „Trauermärsche“ rund um den Todestag des Opfers bis ins Jahr 2018 an.

Echte „Märtyrer der Bewegung“ sind rar gesät. Schon die NSDAP verklärte Tote zu „Helden der Bewegung“. In jener „Bewegung“ eines gescheiterten Postkartenmalers taugte auch ein kleinkrimineller Hilfsarbeiter und SA-Sturmführer wie Horst Wessel zum „Märtyrer“, nachdem er 1930 zwischen den Eckpunkten des politisches Kampfes, der schlichten Mietschulden und des Rotlicht-Milieus von Kommunisten umgebracht worden war.

Versuche, verstorbene oder ermordete „Kameraden“ der Neonazi-Szene dauerhaft zu „Märtyrern“ zu stilisieren, schlugen in Deutschland bislang fehl. Dem homosexuellen Michael Kühnen blieb diese Rolle verwehrt. Der 1991 in Dresden erschossene Rainer Sonntag wurde Opfer der eigenen Umtriebe in Zuhälterkreisen. Der tote Sonntag wurde nur für wenige Jahre ein „Blutzeuge der Bewegung“. Letztlich taugte seit 1987 nur der Ex-Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß durchgehend dazu, als Integrationsfigur des rechten Lagers zu dienen.

Doch kann ein erstochener 19-jähriger Berufsschüler eine ähnliche Integrationsfigur sein? Nachdem Freunde und Eltern des Opfers sich die „Lügen“ über ihren Freund und Sohn verbaten und mitteilten, dieser sei weder Rassist, noch „Kamerad“ gewesen, schnaubten die Neonazis. In Szeneforen wurde gegen die „debilen“ und „vom System umerzogenen“ Eltern gehetzt, auf deren Trauer man keine Rücksicht mehr nehmen müsse. Das Neonazi-Portal „Altermedia“ nannte die Eltern gar „charakterloses Lumpentum“. Der NPD-Vorsitzende aus Krefeld, Lars Spönlein, ereiferte sich in einer Rede während des Aufmarsches am 12. April am Tatort sogar, dass „das BRD-Kartell“ es geschafft habe, dass die Eltern nun „Verständnis für seine [des Sohnes; mik] Mörder“ zeigten.

Haller, ein junger, aufstrebender NPD-Kreisvorsitzender, hatte eifrig an der Verklärung mitgewirkt. Während neben Kunkel auch andere NPD-Funktionäre wie Cremer und Voigt später von dem Opfer nur noch als „junger Deutscher“ sprachen, hielt Haller daran fest, dass dieser der Braunszene nahe gestanden habe. Ende April sprach er im Interview mit dem Projekt „Volksfront Medien“ wieder vom ermordeten „Kameraden“. Das Opfer „war Nationalist“, ergänzte Haller in sich teils widersprechenden Passagen, denn es „fühlte sich der nationalen Bewegung immer näher.“ Dass der 19-Jährige nicht dem rechten Lager angehörte und viele Migranten zum Freund hatte, wie es Eltern und Freunde sagten, sei „alles Humbug“, so Haller, der das Opfer offenbar besser kannte, als dessen Familie und Freunde. Ungeachtet seiner Rede über „Humbug“ erklärte Haller auch, das Opfer habe kurz vor der Tat damit begonnen, „aufzuräumen in seinem privaten Umfeld“ und seine Kontakte zu Migranten abgebrochen. „Ich nehme auch an,“ nahm Haller dann an, „wenn Kevin noch drei Monate mehr Zeit gehabt hätte, hätte er auf jeden Fall den Schritt gewagt, sich ner Kameradschaft oder sonstwas anzuschließen.“

Am 25. April, am Tag vor dem dritten „Trauermarsch“, wurde besagtes Interview via Internet verbreitet. Christian Worch, bundesweit agierende Neonazi-Größe aus Hamburg, brachte in seiner Rede dann am 26. April in Stolberg die Rechtfertigungsversuche auf einen einfachen Nenner: das „Opfer“ dürfe „nicht umsonst gewesen“ sein, rief Worch. Kurz darauf waren die 450 Neonazis dann schweigend zu getragenen, klassischen Klängen zum Tatort marschiert. Dort defilierten sie nebst Voigt und Marx an der Stelle vorbei, wo der „Kamerad“ stark blutend und schwer verletzt zusammengebrochen war. Man legte einige Rosen nieder und stellte rund 25 Grablichter für das „Blutopfer des Multikulturalismus“ (Freie Nationalisten Neuss) ab.

Die Ehre, eine der ersten Rosen für das Opfer niederzulegen, hatte der einschlägig vorbestrafte Anführer der Neonazi-Bande „Kameradschaft Aachener Land“, René Laube. Er fungiert auch als stellvertretender Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Düren, also Hallers Stellvertreter. Laube nahm kurz Haltung an und salutierte militärisch korrekt wie für einen im Kampf gefallenen „Kameraden“. Erst dann legte der bullige Skin mit der Militärmütze und dem edlen schwarzen Anzug seine Rose nieder. Menschen mögen sterben, aber „Märtyrer“ müssen gemacht werden. [© Michael Klarmann; für konkret]

[1] Über die Tat und ihre Vereinnahmung hat „Klarmanns Welt“ mehrfach ausführlich berichtet; Interessierte nutzen bitte die Suchmaske oben rechts im Blog und geben die Begriffe „Stolberg“ und/oder „Märtyrer“ ein.


6 Antworten auf “Rechts: Klein-Sebnitz der Neonazis”


  1. 1 Klar, Mann? 19. Mai 2008 um 15:25 Uhr

    Interessanter – schon viel älterer – Beitrag im Blog eines Denkers aus dem Umfeld der NPD-Krefeld zu der Thematik:

    http://brueckenbauer.wordpress.com/2008/04/10/warum-die-npd-den-kampf-um-die-kopfe-vorlaufig-nicht-gewinnen-kann-und-darf/

  2. 2 Klar, Mann? 29. Mai 2008 um 20:51 Uhr

    Neues Abschiedsvideo unter „YouTube“:

  3. 3 Albert 08. Juni 2008 um 17:58 Uhr

    Gott sei Dank ist es bewiesen, das es kein Mord mt politischem Hintergrund war! Dies teilte ja auch die Staatsanwaltschaft mit! Klar ist, jeder Mord ist ein Mord zuviel, aber nun haben die Rechten keinen Grund mehr zu behaupten, es wäre ein politischer Mord und wenn sie es weiterbehaupten, so ist dies rechtlich eine klare falsche Anschuldigung und strafrechtlich verfolgbar!

  4. 4 Albert 08. Juni 2008 um 17:58 Uhr

    Haller soll sich in der Angelegenheit mal schön vorsichtig bewegen!

  5. 5 Klar, Mann? 08. Juni 2008 um 20:50 Uhr

    Am Ende des ARD-Berichtes nochmal einige „wilde“ Szenen aus Stolberg:

    http://www.tagesschau.de/multimedia/video/babvideo194_bcId-_ply-internal_res-flash256_vChoice-babvideo194.html

    [Der in dem Beitrag interviewte AN aus Hessen war zu 99% auch am 26.4. in Stolberg dabei.]

    Siehe dazu auch: http://www.tagesschau.de/inland/autonomenationalisten2.html

  6. 6 Klar, Mann? 07. August 2008 um 11:29 Uhr

    WDR 5 wird am 12. August zwischen 10.15 und 10.45 Uhr über die Aufmarschserie und den Fall berichten:

    http://www.lernzeit.de/sendung.phtml?detail=1138405

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