Meine Welt ist schlecht. Als Referent über die Neonazi-Szene.
Read Me 4.1. – Kleine Nettigkeiten erhalten die Feindschaft: Eines Tages trug es sich wahrhaft zu, dass ich kurz vor einem Vortrag mit einem NPD-Chef aus der Region einen Pressetalk haben durfte. Wir kamen zufällig auf dessen Geburtstag zu sprechen und er sagte, zwei Tage darauf sei es so weit. Ich bedankte mich sehr artig für diese Info und erwiderte, klar, man(n) müsse ja gratulieren, dies verlangten die Etikette meines Berufsstandes gegenüber den „Medienpartnern“. Da mir besagter NPD-Kader gelegentlich Spitzel in meine Vorträge setzt, um zu erfahren, was ich wieder schlimmes referiere über ihn und seinesgleichen, griff ich indes zu einer gewagten List. Als ich über ihn referierte, erläuterte ich wie beiläufig dem meist jungen, antifaschistisch engagierten Publikum und Politologiestudierenden, der NPD-Mann feiere übrigens heute Geburtstag. Zuerst schauten mich alle in der dann solide platzierten Kunstpause verdutzt an. Dann ergänzte ich: „Und da Herr H. mir immer wieder Spitzel ins Publikum setzt, bitte ich diese nun – so anwesend – ihm meine besten Glückwünsche auszurichten.“ Was nur als kryptomere Stichelei gedacht war, endete letztlich damit, dass von den 80 Leuten im Raum gut die Hälfte „Happy Birthday, lieber H., happy Birthday tohu yoooohuuuuuuuuu“ anstimmten. Ich meine mich noch vage daran zu erinnern, das Publikum an der Nazisrausschule außerordentlich verdutzt angestarrt zu haben.
Read Me 4.2. – Vortrag vor einer Schulklasse. Als ich das Bild eines NPD-Chefs aus der Region an die Wand projiziere meint ein etwa 18-Jähriger: „Den Mann kenne ich, den mit der Krawatte an, bei dem war ich mal auf einer Demonstration.“ Der Bub sieht stinknormal aus, trägt keinen Nazischick, nixnothing. Ich halte ihn für einen Aussteiger oder Ex-Mitläufer und sage, er möge mich doch bitte nach dem Unterricht mal ansprechen. Denn über die Feier – es war nämlich keine Demo – kursiert ein extrem böses Gerücht, wozu ich unbedingt endlich Klarheit benötige. Doch bevor ich den Jungspund nach dem Vortrag dazu auch nur ansatzweise ansprechen kann, steht er auch schon da und fragt mir einen Bauchschuss in den Kopf: „Wissen Sie, wo ich Fahnen bestellen kann?“ Gemeint sind Naziflaggen. Ich bin tatsächlich sprachlos.
Read Me 4.3. – Europameisterschaft! In totaler und radikaler Unwissenheit haben eine junge Frau ohne Sinn für den Ballsport – was es auch noch geben soll, heutzutage! – und ich – ein alter Sack ohne Sinn für den Ballsport – einen Vortragstermin auf den Tag eines Länderspiels der Nationalelf gelegt. Absagen oder durchführen? Veranstalter sind die Christlich-Jüdische-Gesellschaft und die Deutsch-Israelische-Gesellschaft in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde und der Katholischen Bildungsakademie. Ich entscheide mich bei dem – hoffentlich – zu erwartenden unsportiven undoder antinationalelfen Publikum dafür, das Wagnis einzugehen. Letztlich spielen „unsere Jungs“ sehr exakt sehr grottenschlecht und 35 Besucherinnen und Besucher erleben einen alleine deswegen schon außerordentlich gut gelaunten Referenten in Bestform, der via Handy während des Vortrages von jedem Treffer des Gegners unterrichtet wird. Der Vortrag kann nebst Publikumsreaktionen also als ein extremst gutes Kontrastprogramm zur EM angesehen werden. Und wir reden natürlich auch wieder über meine Gefährdungslage, den Drohungen der Nazis gegen mich. Ganz am Ende, als sich noch einige Besucherinnen und Besucher mit persönlichen Fragen unter drei Ohren an mich wenden – drei, weil ich auf einem Ohr taub bin –, sagt eine etwa 40-jährige Frau schlicht zu mir: „Danke für Ihre Arbeit, ich halte Sie für einen sehr mutigen Mann!“ Doch das weckt nicht den Tiger im Tank, sondern Herrn Rotz und Bübchen Bengel „inmich“, wie der Aachener so zu palavern pflegt, wenn er eigentlich „in mir“ sagen will: „Danke, aber gleich habsch Pippi in die Augen,“ erwidere ich. Aber ob sich das als Referent ziemte?
Read Me 4.4. – Eine Schule in der Region veranstaltet einen Aktionstag gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit. Der Regionalneonazis liebster Intimfeind sitzt natürlich auch wieder im Boot und klärt über deren Treiben ein bisschen auf. Da der Aktionstag in Kooperation mit der DGB-Kampagne „Schlauer statt rechts“ stattfindet, hat der Gewerkschaftsdachverband eine 17-jährige Praktikantin zur Kinderarbeit verdonnert. Sie soll ihre Eindrücke schildern und hat nichts besseres zu tun, als dies so zu tun: „Nun komme ich zu meinem absoluten Favoriten Michael Klarmann, ein Journalist aus Aachen, der sehr gut über den Rechtsextremismus bescheid weiß. Er erzählte uns wie Rechtsextremisten handeln, wie sie ticken und was sie für Musik hören. Weiterhin zeigte er uns viele Videoaufnahmen und Bilder der Rechtsextremisten aus der Region. Ich kann nur sagen, sehr interessant und vor allem informativ.“ Junge, was hast du daaaa bloß wieder angestellt? Warum hast du nichts gelernt? Wo soll das alles enden, wir machen uns doch Sorgen. Und du warst so ein süßes Kind…
Klar, Mann? [auch bloggend: klarmann.blogsport.de]
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