Rechts: Nehmt den Klappspaten in die Hand…

Stolberg/Schwalmstadt. Ende April in Stolberg, der dritte rechte Aufmarsch in einem Monat. Polizeiketten, Absperrungen – und 450 Neonazis. An einer Straßenecke skandieren deren Gegner und aufgebrachte Migranten: „Nazis raus!“ Die Rechten antworten: „Ob Ost, ob West – nieder mit der roten Pest!“ Gefolgt von: „Autonom – militant – Nationaler Widerstand!“ Gut zehn Wochen später nimmt einer der Teilnehmer jene Parolen ernst: an einem See bei Neuental im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis attackiert er mit „Kameraden“ ein Zeltlager der Linksjugend und prügelt ein 13-jähriges Mädchen im Schlaf krankenhausreif. Mit einem Klappspaten.

Nach dem Überfall am 20. Juli – bei dem an den Autos der rund fünfzig Camper auch Scheiben eingeschlagen wurden – gelang es der Polizei anhand von Zeugenaussagen in wenigen Stunden, die Täter zu stellen. Der Hauptverdächtige, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung, habe eingeräumt, kurz nach 8 Uhr an jenem Morgen in ein Zelt des Camps eingedrungen zu sein und mit herumliegenden Gegenständen auf ein schlafendes Mädchen eingeschlagen zu haben.

Als einziger von vier Verdächtigen sitzt der 19-Jährige in Untersuchungshaft. Ihm droht eine Anklage wegen versuchten Mordes. Anfangs hieß es, der junge Mann gehöre keiner rechten Organisation an. Doch anders als bei anderen rechten Gewalttaten distanzierte sich die NPD auffallend schnell von der Tat. „Gewalt in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner“ sei „ein absolutes Tabu“, teilte die NPD mit. Doch bald darauf wurden Hintergründe über den Täter öffentlich.

Der mutmaßliche Schläger hatte, bevor er innerhalb Deutschlands umgezogen war und zeitweise in Jena in einem NPD-nahen Wohnprojekt lebte, in Butzbach in einer rechtsextremen Wohngemeinschaft verkehrt. Dort hatte er gemeinsam mit dem einschlägig vorbestraften, bis April 2008 als hessischer NPD-Landeschef fungierenden Marcel Wöll an Videoprojekten mitgewirkt. Als „Volksfront-Medien“ hatte die Gruppe in einem Heimstudio Hass- und Propagandaclips, Musikvideos und eine per Internet verbreitete, an die „Tagesschau“ angelehnte Neonazi-Wochenschau produziert.

In einigen der Clips, in denen junge Neonazis den Zuschauer direkt ansprechen, war der 19-Jährige selbst Akteur – nicht mit Glatze, sondern mit Naturlocken und in moderner, sportlich wirkender Kleidung. Jene Filme kursieren noch im Web. In einem ausländerfeindlichen Clip sagt der 19-Jährige etwa, mancher Türke sei „ein halbes Schaf, wegen der Geschichte mit deiner Mutter. Schon vergessen?“ Er selbst beruft sich darauf, dass er als Deutscher, anders als Migranten, einer geistig-kulturellen Elite angehöre. Und trotzdem wirbt er zugleich für die radikalislamistische Terrormiliz Hisbollah – denn sie kämpft gegen Israel, dem gemeinsamen Feind von Islamisten und Neonazis. Fast am Ende des Clips ruft der 19-Jährige indirekt auch seine „Kameraden“ auf: „Nehmt die Waffe in die Hand und beendet diese Tyrannei.“

Laut Ermittler gab der 19-Jährige an, aus einer rechtsradikalen Motivation heraus gehandelt zu haben. Auslöser für den Überfall soll gewesen sein, dass Mitglieder der Linksjugend zuvor in Schwalmstadt gegen Rechts demonstriert hatten. Schon dabei sollen sie von Neonazis – darunter der 19-Jährige – provoziert und gefilmt worden sein. Der junge Mann, der Stunden später fast zum Totschläger wurde, bewegte sich da schon seit gut drei Jahren in der Braunszene. Er war in Butzbach radikalisiert worden, die Noten des einst guten Schülers hatten sich verschlechtert, im Unterricht wollte er lieber mit Lehrern und Schülern über seine Ideologie streiten. Er knüpfte weiter Kontakte zur NPD, zu „Kameradschaften“ und „Autonomen Nationalisten“ (AN), eine sehr militante Randerscheinung der Szene.

Unter jenen „Autonomen“ war der 19-Jährige am 26. April in dem NPD-Aufmarsch, der sich „Gegen Ausländergewalt und Inländerfeindlichkeit“ richten sollte. So wollte die NPD eines von einem Migranten erstochenen Heranwachsenden in Stolberg „gedenken“. Die Neonazis verklärten das Opfer entgegen der Realität zum „Kameraden“ und „Märtyrer“. NPD-Parteichef Udo Voigt und NPD-Generalsekretär Peter Marx führten den Aufmarsch an, trugen ein Transparent mit der Forderung: „Kriminelle Ausländer raus!“ In der NPD-Stellungnahme zu dem Überfall in Hessen fordert die NPD für den Täter aus den eigenen Reihen nichts. Sie schimpft stattdessen über „linke Gewalttäter“ und die „Stasiterrorpartei SED“. [© Michael Klarmann; für AN (Politik)]


13 Antworten auf “Rechts: Nehmt den Klappspaten in die Hand…”


  1. 1 Peter 31. Juli 2008 um 11:41 Uhr

    NPD-Parteichef Udo Voigt, NPD-Generalsekretär Peter Marx sollten demnächst mal darauf Acht geben weniger die Gewalt und Kriminalität bei Ausländern anzuprangern sondern objektiv die Kriminalstatistik zu lesen und nicht die Fakten zu verdrehen!
    Die NPD sowie viele Ihrer Funktionäre glänzen förmlich mit einem wirklich strammen Vorstrafenregister, so das man fast bei dieser extremistischen Partei von einer kriminellen Vereinigung sprechen muss.
    Was Kevin betrifft, so denke ich macht deutlich welche akute Gefahr durch den Rechtsextremismus für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausgeht.
    Es müssen effektive erziehungsprozesuale Maßnahmen bei Jugendlichen schon im Elternhaus, in der Schule, durch Medien usw. gegen den Rechtsextremismus stattfinden, die „lebendig, motivierend“ den Jugendlichen klar machen, dass der Rechtsextremismus alles zerstört, damit es keine weiteren „Kevins“ mehr gibt.

    Folgende Zahlen sprechen für sich;

    Mit 1311 Delikten innerhalb eines Monats hatte es im März 2008 – nach vorläufigen Zahlen – so viel rechte Kriminalität wie seit langem nicht mehr gegeben. Im Vorjahresmonat habe die Polizei 853 Fälle registriert, im März 2002 seien noch 188 rechtsextreme und fremdenfeindliche Straftaten gezählt worden. Außerdem meldet die Regierung mehr Opfer rechter Angriffe: Von Januar bis März 2008 wurden 211 (158) Menschen verletzt.

    Quelle: Bundesinnenministerium

  2. 2 Peter 31. Juli 2008 um 11:56 Uhr

    Ein Mensch der so etwas macht ist aus meiner Sichtweise ein Kinderschänder der die Rechte von Kindern nicht achtet. Solche Menschen wie dieser sollte das Gefängnis nie wieder verlassen, denn er ist nicht therapierbar. Abgesehen davon, dass dieses schlimme und folgenreiche Verbrechen (das Opfer wird wahrscheinlich ein Leben lang an den Folgenzu tragen haben )auch die schwerste Strafe verdient, kann man niemanden therapieren, der sich nicht ändern will: Wer so etwas tut, hat jedes Gewissen hinter sich gelassen.
    Daher muss die Justiz hier ein Exempel schaffen und keine Jugendstrafe in Betracht ziehen, da von einem Vorsatz auszugehen ist.

  3. 3 niklas 31. Juli 2008 um 13:00 Uhr

    scheiß braunes pack! die menschen die dieser sekte verfallen tuen mir leid. dann begehen sie soclhe straftaten. der wird wohlmöglich sein halbes leben im gefängnis sitzen.
    jetzt werden sogar kinder opfer von rechtsradikalen. wie tief sinken können rechtsradikale noch sinken? man muss ja schon sehr tief gesunken sein um rechtsradikal zu sein, doch so etwas geht mal gar nicht. ein 13-jähriges mädchen wäre beinahe gestorben wegen so nem hirnverbranntem idioten der immer noch seinem führer hinterher trauert. was kann das mädchen dafür, dass er den krieg verloren hat?

    künftig: rechtschreibung! mik

  4. 4 Peter 31. Juli 2008 um 16:45 Uhr

    Wo ist das Statement und die politische Verantwortung von Hessens Ministerpräsident Koch?
    Wo bleibt die Hilfe für das Opfer?

  5. 5 Peter 31. Juli 2008 um 23:46 Uhr
  6. 6 martin von der gleichen ip wie Klau S. 01. August 2008 um 0:28 Uhr

    @peter

    einatmen…, ausatmen…. . wenn es mal wichtig wird nicht wechlaufen sondern andern helfen. hier schnacken ist lustig und mik ist hier der große kex, aber da draußen sind wir immer zu wenig. ich schau mich immer um……. und sehe niemand.

    peter hat berechtigte gründe fern zu bleiben und leistet an anderer stelle viel größeres. mik

  7. 7 M.C. 01. August 2008 um 11:55 Uhr

    Ohne den Vorfall in Hessen gutheißen zu wollen (im Gegenteil), muss ich sagen, dass in den Kommentaren mal wieder so sehr verallgemeinert wird, dass jetzt jeder, der in irgendeiner Weise „Nationalstolz“ besitzt nun ein Frauen-/Kinderschläger ist….wahrscheinlich kommen „wir“ alle aus Verhältnissen, wie eine „Stern TV-Familie“ aus Köthen (Sachsen-Anhalt).
    Mal so nebenbei:Es ist verständlich, dass man auf Seiten/Blogs, wie diesem natürlich nichts von Angriffen selbsternannter Gutmenschen zu lesen bekommt, welche sich gegen junge Frauen aus dem nationalen Lager richten. Dort sind dann nämlich auch mal EINZELNE Antifas in der Lage mal in gleicher Anzahl „mutig“ zu sein. Glücklicherweise ist es bisher noch nicht zu schwerwiegenden Verletzungen gekommen. Aber wem sag ich das!?! Wird ja wahrscheinlich auch wieder nur „Nazi-Propaganda“ sein; ein „Linker“ würde so etwas ja niemals tun;-)
    Wahrscheinlich bekomme ich ja auch demnächst eine Anzeige wegen versuchten Totschlags, wenn ich den Garten umgraben will und dazu nicht einen herkömmlichen Teelöffel, sondern einen (Klapp-)Spaten nutze. Immerhin ist das Allgemeinwohl der Nachbarskinder mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gefahr….Also bitte nicht immer so sehr verallgemeinern

    wenn es vorfälle gibt, bei denen nachweisbar antifaschisten/linke neonazis attackiert haben, lasen sie dazu auch in diesem blog – wenn es lokalen/regionalen bezug hat (erst kürzlich war es dieses blog, dass über die FNE in nettersheim berichtete und schrieb, dass sie sich von linken bedrängt fühlten). einige „kameraden“ haben mir auch schon fälle geschildert – oder, falls auf rechten homepages über fälle berichtet wurde, habe ich derlei aufgegriffen bzw. dazu recherchiert. leider stellte sich in vielen fällen heraus, dass die infos NICHT stimmten oder völlig übertrieben und falsch dargestellt waren (bei dem weg: eben genau das, was sie und ihre „kameraden“ gerne mir oder den medien vorwerfen). karneval berichtete mir im suff ein (nicht eben unbekannter oder junger, vorlauter) „kamerad“, dass an seinem auto alle reifen platt gestochen, es mit farbe und säure beschädigt worden war. eine nach-recherche und ein nicht-bericht dazu auf der AGR-site zeigten: da stimmt etwas nicht. sie berichteten einmal über einen überfall auf ihre person durch antifaschisten – ließ sich für mich so nicht nach recherchieren. einige „kameraden“ – die ich nun nicht benenne, sonst jammert wieder alles – haben bezüge in millieus, in denen es zum guten ton gehört, mal was zu regeln: holliganismus, etwas pülverschens, ein bisschen was im sicherheitsbereich…und wenn sie sich an september 2007 und dem streit AN vs. KAL/NPD erinnern, dann gibt es da sicher noch offene rechnungen. meint: nicht jede attacke gegen neonazis ist also eine der antifa, auch wenn es oft so heißt. lange worte, kurzer sinn: die infos, die sich zu linken übergriffen auf rechte prüfen ließen und bewahrheitet haben, waren im blog zu finden. alles andere vergleiche ich erst einmal, wenn es sich nicht prüfen lässt oder als anders heruas stellt, mit den berichten über meine person, die man bei der NPD oder AGR oder altermedia findet… und womit sich ihresgleichen dann ja auch keinen gefallen tut, ist die sache passau: angriff auf einen einzelnen reporter, und später heißt es bei der NPD, dieser habe sich mehrfach in eine menge aus 30 (militanten) „kamerden“ geworfen, um diese zu provozieren und „nationalisten“ geschlagen, um eine schlägereien anzuzetteln und außerdem wollte er udo voigt angreifen. wenn ich so etwas lese und mit meinen erfahrungen vergleiche, dann nehme ich mir auch manchmal die freiheit, von ihnen oder ihren „kameraden“ aufgestellte behauptungen als das zu begreifen, was es ist: propaganda gegen den feind oder aber (nachträgliche) PR, um menschen zu diffamieren, die zuvor von „kameraden“ verbal, rhetorisch oder köperlich bzw. lebensbedrohlich attackiert wurden. mik ps. das man bei ihresgleichen die moral so hoch hängt, hat damit zu tun, dass sie etwa für kinderschänder die todesstrafe fordern, also die moralische messlatte selbst hoch genug angelegt haben….

  8. 8 Ellen 01. August 2008 um 13:26 Uhr

    Kommunalwahlen in Brandenburg
    NPD will ernten

    Bei der Wahl im September will die Brandenburger NPD die Belohnung für ihre Aufbauarbeit einfahren. Wären da nicht die Straftaten ihrer Mitglieder und wachsender Widerstand.
    http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/npd-will-ernten/

  9. 9 Peter 01. August 2008 um 20:14 Uhr

    @ M.C.;
    Ich finde es schade, das Sie diese Vergleiche ziehen!
    Es ist sicherlich auch so das es bei der „Antifa! Menschen gibt die auch zur Gewalt neigen. Insgesamt jedoch hat die Antifa einen intellektuellen Kern der Gewalt ablehnt und auch dialogfähig ist. Der sogenannte „Mob“ wird sich egal auch bei welcher Demo immer wieder finden lassen jedoch nicht so schnell eine solche Gewalttat wie diese!
    Betrachten wir Familie aus Köthen so werden die weit größeren Straftaten von Rechtsextremisten aus soziologischer Sicht sehr klar.
    Im übrigen habe ich den Rat der Stadt Aachen mehrmals darauf hingewiesen, das wenn ein Projekt „Rechtsextremismus“ geschaffen wird dieses Projekt/Anlaufstelle in Extremismus umbenannt werden sollte, so das Aussteiger jeglicher Coloeur eine Anlaufstelle haben.
    Inwieweit dies auf offene Ohren stößt wird sich noch erweisen.

  10. 10 Peter 02. August 2008 um 12:24 Uhr

    Blood and Honour hat in Hessen Nachfolgeorganisationen:

    http://www.turnitdown.de/581.html

    alter kaffee und noch älterer kaffee:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/9/9089/1.html

    mik

  11. 11 Klar, Mann? 07. August 2008 um 10:53 Uhr

    ARD-Panorama berichtet heute über den Täter und die Gewalttat:

    http://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/nazigewalt100.html

  12. 12 Peter 07. August 2008 um 23:10 Uhr

    Ich hatte also doch Recht, das der Neonazi Kevin S. schon ein strammes „Registerchen“ an kriminellen Handlungen vollzogen hat!

    http://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/nazigewalt100.html

  13. 13 Klar, Mann? 12. Oktober 2008 um 22:20 Uhr

    Ein Hessischer Neonazi steigt aus

    „Zu Dumm, zu brutal, zu rassistisch“

    Früher gehörte er zum harten Kern der „Autonomen Nationalisten“ in Mittelhessen. Darauf ist Stefan J. heute alles andere als stolz. Der 21-Jährige ist ausgestiegen – aber damit fingen seine Probleme erst richtig an.

    http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/index.jsp?rubrik=23870&key=standard_teaser_35460620&mediakey=fs/allgemein/20081012_demo&type=v

    [Kenner der Szene wissen, wer gemeint und wer nicht gemeint ist…

    http://npd-blog.info/?p=2302

    mik]

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