Archiv für Juli 2008

Rechts: Nehmt den Klappspaten in die Hand…

Stolberg/Schwalmstadt. Ende April in Stolberg, der dritte rechte Aufmarsch in einem Monat. Polizeiketten, Absperrungen – und 450 Neonazis. An einer Straßenecke skandieren deren Gegner und aufgebrachte Migranten: „Nazis raus!“ Die Rechten antworten: „Ob Ost, ob West – nieder mit der roten Pest!“ Gefolgt von: „Autonom – militant – Nationaler Widerstand!“ Gut zehn Wochen später nimmt einer der Teilnehmer jene Parolen ernst: an einem See bei Neuental im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis attackiert er mit „Kameraden“ ein Zeltlager der Linksjugend und prügelt ein 13-jähriges Mädchen im Schlaf krankenhausreif. Mit einem Klappspaten.

Nach dem Überfall am 20. Juli – bei dem an den Autos der rund fünfzig Camper auch Scheiben eingeschlagen wurden – gelang es der Polizei anhand von Zeugenaussagen in wenigen Stunden, die Täter zu stellen. Der Hauptverdächtige, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung, habe eingeräumt, kurz nach 8 Uhr an jenem Morgen in ein Zelt des Camps eingedrungen zu sein und mit herumliegenden Gegenständen auf ein schlafendes Mädchen eingeschlagen zu haben.

Als einziger von vier Verdächtigen sitzt der 19-Jährige in Untersuchungshaft. Ihm droht eine Anklage wegen versuchten Mordes. Anfangs hieß es, der junge Mann gehöre keiner rechten Organisation an. Doch anders als bei anderen rechten Gewalttaten distanzierte sich die NPD auffallend schnell von der Tat. „Gewalt in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner“ sei „ein absolutes Tabu“, teilte die NPD mit. Doch bald darauf wurden Hintergründe über den Täter öffentlich.

Der mutmaßliche Schläger hatte, bevor er innerhalb Deutschlands umgezogen war und zeitweise in Jena in einem NPD-nahen Wohnprojekt lebte, in Butzbach in einer rechtsextremen Wohngemeinschaft verkehrt. Dort hatte er gemeinsam mit dem einschlägig vorbestraften, bis April 2008 als hessischer NPD-Landeschef fungierenden Marcel Wöll an Videoprojekten mitgewirkt. Als „Volksfront-Medien“ hatte die Gruppe in einem Heimstudio Hass- und Propagandaclips, Musikvideos und eine per Internet verbreitete, an die „Tagesschau“ angelehnte Neonazi-Wochenschau produziert.

In einigen der Clips, in denen junge Neonazis den Zuschauer direkt ansprechen, war der 19-Jährige selbst Akteur – nicht mit Glatze, sondern mit Naturlocken und in moderner, sportlich wirkender Kleidung. Jene Filme kursieren noch im Web. In einem ausländerfeindlichen Clip sagt der 19-Jährige etwa, mancher Türke sei „ein halbes Schaf, wegen der Geschichte mit deiner Mutter. Schon vergessen?“ Er selbst beruft sich darauf, dass er als Deutscher, anders als Migranten, einer geistig-kulturellen Elite angehöre. Und trotzdem wirbt er zugleich für die radikalislamistische Terrormiliz Hisbollah – denn sie kämpft gegen Israel, dem gemeinsamen Feind von Islamisten und Neonazis. Fast am Ende des Clips ruft der 19-Jährige indirekt auch seine „Kameraden“ auf: „Nehmt die Waffe in die Hand und beendet diese Tyrannei.“

Laut Ermittler gab der 19-Jährige an, aus einer rechtsradikalen Motivation heraus gehandelt zu haben. Auslöser für den Überfall soll gewesen sein, dass Mitglieder der Linksjugend zuvor in Schwalmstadt gegen Rechts demonstriert hatten. Schon dabei sollen sie von Neonazis – darunter der 19-Jährige – provoziert und gefilmt worden sein. Der junge Mann, der Stunden später fast zum Totschläger wurde, bewegte sich da schon seit gut drei Jahren in der Braunszene. Er war in Butzbach radikalisiert worden, die Noten des einst guten Schülers hatten sich verschlechtert, im Unterricht wollte er lieber mit Lehrern und Schülern über seine Ideologie streiten. Er knüpfte weiter Kontakte zur NPD, zu „Kameradschaften“ und „Autonomen Nationalisten“ (AN), eine sehr militante Randerscheinung der Szene.

Unter jenen „Autonomen“ war der 19-Jährige am 26. April in dem NPD-Aufmarsch, der sich „Gegen Ausländergewalt und Inländerfeindlichkeit“ richten sollte. So wollte die NPD eines von einem Migranten erstochenen Heranwachsenden in Stolberg „gedenken“. Die Neonazis verklärten das Opfer entgegen der Realität zum „Kameraden“ und „Märtyrer“. NPD-Parteichef Udo Voigt und NPD-Generalsekretär Peter Marx führten den Aufmarsch an, trugen ein Transparent mit der Forderung: „Kriminelle Ausländer raus!“ In der NPD-Stellungnahme zu dem Überfall in Hessen fordert die NPD für den Täter aus den eigenen Reihen nichts. Sie schimpft stattdessen über „linke Gewalttäter“ und die „Stasiterrorpartei SED“. [© Michael Klarmann; für AN (Politik)]