GegenRechts: Köln Contra Pro

In Köln sollte Mitte September ein „Anti-Islamisierungskongress“ der rechtsradikalen Gruppen „pro Köln“ und „pro NRW“ stattfinden. Weit mehr als 10.000 Menschen gingen dagegen auf die Straße und blockierten am 20. September 2008 alle Zugänge zum Kölner Heumarkt, um die Rechtsradikalen, Ausländerfeinde, Biedermänner und -frauen nicht auf den Kundgebungsplatz zu lassen. Die rechten Hassprediger mussten eine Pleite erster Klasse hinnehmen…

Es scheint so, als hätten sich Alternativ-Karnevalisten und „Bunte Funken“ gedacht: wer Leistung erbringt, soll auch lachen. Teils kostümiert und mit Karnevalspuppen ausgerüstet ziehen sie rund um den Heumarkt und stoppen bei den meist aus jungen Leuten bestehenden Blockaden an den Zufahrten und Gassen. Dann wird, angelehnt an einen Karnevalshit gesungen: „Die Blockade geht weiter, de Nazi kütt net dursch…“ Die Spaßmacher tanzen, werfen Kamelle und die Jugendlichen jubeln ihnen zu. Selbst Polizisten der Einsatzhundertschaften in ihren gepanzerten Uniformen können sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Köln hat am 20. September 2008 gezeigt, was passiert, wenn eine Stadt zusammen steht gegen Rechtsradikale und „Anti-Islamisten“. Der groß angekündigte „Anti-Islamisierungskongress“ wurde zu einer Blamage für die selbst ernannte „Bürgerbewegung pro NRW“. Wirte wollten die Radikalen nicht bedienen, Taxifahrer und Busunternehmen sie nicht chauffieren und unter falschen Angaben angemietete Räume wurden wieder gekündigt. Und am Samstag gehen mehr als Zehntausend Gegendemonstranten auf die Straße. Zwischen Dom und Gürzenich tobt über Stunden eine Mischung aus Demonstration, Straßenkarneval und die Neuauflage des „Arsch-huh“-Konzertes mit Auftritten der Musikgruppen „Höhner“, „Brings“, „Gentleman“ und „BAP“ – und es gibt eben besagte Blockaden. Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) sagt, die Kölner würden gemeinsam „mit Herzblut, Witz und Intelligenz“ gegen „rassistischen Schwachsinn“ protestieren und den Rechten so eine „Pleite erster Klasse“ bescheren.

Schon gegen 10 Uhr hatten Teile der Demonstranten alle Gassen und Straßen zum Heumarkt, auf dem „pro Köln“ vollmundig 1.500 der ihren erwartete, blockiert. Letztlich werden nur rund 50 Anhänger der „Pro-Bewegung“ den Platz erreichen – dazu gesellen sich rund 50 Journalisten. Doch nicht alle 50 freiwilligen Teilnehmer der Versammlung sind den um ein bürgerliches Image bemühten, selbst ernannten „Rechtspopulisten“ genehm sein: unter ihnen befinden sich gut fünfzehn junge Neonazis aus dem militanten Spektrum um einen Kölner „Kameradschaftsführer“ und ehemaligen NPD-Kreisvorsitzenden. Bis zu 300 weitere „Pro-NRW“-Anhänger und -Funktionäre sowie Vertreter von extrem rechten Parteien wie dem Vlaams Belang (Belgien) und der FPÖ (Österreich) sitzen derweil am Flughafen Köln-Bonn fest.

Eigentlich hat die „Bürgerbewegung“ einen „Anti-Islamisierungskongress“ angekündigt. Auf einem Riesenplakat hinter der Bühne steht die Losung: „Stop Islam“. Doch als die türkisch-stämmige Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Die Linke) gegen 11.45 Uhr auf dem hermetisch abgeriegelten Heumarkt auftaucht, sich frech die grelle Warnweste mit der Losung „Wir stellen uns quer – Kein Rassismus bei uns in Köln“ überstreift, schimmert schnell durch, dass die „Anti-Islamisten“ entgegen ihren eigenen Beteuerungen Ausländerfeinde sind. Dagdelen bekommt von einer der „Pro“-Frauen zu hören: „Demonstrieren Sie in Ihrem Land!“ Ein junger „Pro“-ler ruft mehrmals wütend: „Machen Sie das doch in Ihrer Heimat.“ Hans-Martin Breninek, früher Mitglied der rechtsextremen „Republikaner“ und heute „pro Köln“-Ratsmitglied in der Domstadt, will sie gar aus der öffentlichen Versammlung ausschließen lassen: „Was wollt ihr hier!“ schimpft der Senior. Dagdelen ist 1975 in Deutschland geboren und hier aufgewachsen.

Polizeipräsident Klaus Steffenhagen wird später den mehrheitlich friedfertigen Demonstranten danken, die sich deutlich von Gewaltsuchenden und Gewalttätigen distanziert hätten. Doch Steffenhagen spricht auch von „zügelloser Gewalt autonomer Linksradikaler“. Bei Ausschreitungen wurden einige Polizisten verletzt. Bis zum Samstagabend werden laut Polizei mehrere Autonome festgenommen, etwa 400 vorübergehend in Gewahrsam genommen. Molotowcocktails und Pflastersteine waren geworfen sowie Müllcontainer in brand gesetzt worden. Besonders im Bereich der Deutzer Brücke war zeitweise die Lage eskaliert, weil Linksautonome vermuteten, dass über die seit Freitagabend gesperrte Brücke die „Pro NRW“-Anhänger vom Flughafen aus mit Bussen und Bahnen hätten anreisen sollen.

Doch auch sonst kommt es zu Rangeleien und Auseinandersetzungen. Als gegen 11 Uhr rund fünfzig behelmte Polizisten eine Handvoll „Pro-NRW“-Anhänger durch eine der Blockaden durchschleusen wollen, kommt es zu heftigen Rangeleien. Am Rande einer der Gegendemonstrationen sollen rund zwanzig „Autonome Nationalisten“ versucht haben, Antifaschisten zu attackieren – die Polizei muss die Neonazis letztlich selbst schützen. Einige Glatzköpfe, die an der Deutzer Brücke die Warnung auf einem Transparent missachten – „Durchgang für Nazis gesperrt!“ – werden von Antifaschisten angegriffen. Sie müssen sich noch vor Beginn des „Arsch-huh“-Konzertes ausgerechnet in dessen abgesperrten Backstagebereich vor ihren Verfolgern flüchten, bevor die Polizei eintrifft.

Kurz vor 12 Uhr eröffnet der Kölner Verleger Manfred Rouhs die Kundgebung – vor den etwa 50 Mitstreitern und ebenso vielen Journalisten. Rouhs hat eine Geschichte: früher Mitglied von NPD und rechten Splittergruppen, Verleger rechtsextremer Zeitungen mit Rechtsrock-Beilagen für offen neonazistische Skinheads, gibt er sich heute als Ratsmann von „pro Köln“ im edlen grauen Anzug, weißen Hemd und silbergrauer Krawatte biedermännisch. Gegen 12.30 Uhr beklagt Rouhs, seine Mitstreiter würden noch am Flughafen „festgehalten“. Er fordert, dass die Polizei die Menschen vom Flughafen in die Stadt bringen solle. „Wir bleiben hier, notfalls bis morgen früh,“ droht er den Beamten Überstunden an.

Dann ergreift der italienische Rechtsradikale Mario Borghezio das Wort. Der Politiker der Lega Nord, der vor einigen Jahren in Turin die Lager von Einwanderern anzündete und deshalb wegen vorsätzlicher Brandstiftung verurteilt wurde, sitzt heute im Europaparlament. Nun hetzt er von der Bühne herab gegen die „Diktatur des Islamismus“ in Europa. Doch schon nach wenigen Minuten ist Borghezios Stimme nicht mehr aus den Lautsprechern zu hören, obschon sich seine Lippen noch bewegen. Die Polizei hat den rechten Hasspredigern um 12.45 Uhr den Strom abgestellt. Damit Rouhs das Verbot der Kundgebung mitteilen kann, muss er wieder zurück auf die Bühne – und für den Moment fließt auch wieder der Strom.

Die wenigen „Pro“-ler kommentieren das ihnen mitgeteilte Verbot auf ihre Weise. „Leistet Widerstand!“ brüllt einer über den Heumarkt. „Hier ist eine Diktatur!“ ruft ein anderer. Einer der „echten“ Neonazis holt eine Fahne in den alten Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot hervor, doch ehe er damit richtig schwenken kann, stürzen sich „Pro“-Funktionäre auf ihn, nehmen ihm die Flagge ab und übergeben diese der Polizei. Zuviel authentisch-rechtes Gedankengut scheinen die sich bürgerlich-konservativ gebenden Ausländerfeinde nicht ertragen zu können. Ein „Pro“-Funktionär schimpft derweil wegen des Verbots der Kundgebung in die Kamera von „Spiegel-TV“: „Unsere Verfassung gilt hier nicht mehr. Wir haben einen faschistischen Staat, einen rotfaschistischen Staat.“ Der „Pro“-Funktionär und ehemalige CDU-Lokalpolitiker Jörg Uckermann nennt die Polizei wegen des Verbotes gar eine „Schramma-SA“.

Ortswechsel. Es ist gegen 12.45 Uhr. An allen Blockadepunkten stehen und sitzen je nach Größe der Gassen und Straßen zwischen 50 und 300 Menschen beisammen. Sie lassen neben Polizisten allenfalls noch Journalisten und Anwohner durch, die sich ausweisen können. Am Gürzenich stehen tausende Menschen vor der Bühne, die ersten Musiker treten auf. An einer der Blockaden knarzt es plötzlich aus den Lautsprechern eines Polizeitransporters, ehe eine Stimme sagt: „Achtung, es folgt eine Durchsage der Polizei Köln an alle Demonstrationsteilnehmer. Die Versammlung von Pro Köln ist verboten.“ Ein ohrenbetäubender Jubel bricht los. Bald darauf beginnen junge Türkinnen zu türkischer Musik zu tanzen.

Ein Polizeisprecher wird das Verbot später mit den Worten begründen: „Der Zugang der dreihundert [„Pro“-]Teilnehmer [die am Flughafen festsaßen; mik] zum Heumarkt wäre nur unter massivem Polizeieinsatz mit unüberschaubaren Risiken für die Kölner Bevölkerung und die friedlichen Demonstrationsteilnehmern verbunden.“ Es wäre „völlig unverhältnismäßig“ den Personen „mit Wasserwerfern und Spezialeinheiten den Weg zum Heumarkt zu ebnen.“

„Pro NRW“ hat angekündigt, den „Anti-Islamisierungskongress“ 2009 im Vorfeld der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen nachholen zu wollen. [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine]


1 Antwort auf “GegenRechts: Köln Contra Pro”


  1. 1 Peter 24. Oktober 2008 um 1:11 Uhr

    Und es gibt Neuigkeiten aus der Nachbarstadt Köln!

    Der Boykott gegen Rechtsextremisten geht weiter!

    Ein weiterer Boykott gegen Pro Köln ist heute nachzulesen auf der Homepage der extremen Partei.

    Die Deutsche Post lehnt eine Sendung von Pro Köln ab!

    Der Brief der Deutschen Post -Direktmarketing- ist auf der Homepage von Pro Köln als PDF Datei abrufbar.

    Also nun sollten alle Bürger und Demokraten diese Rechtsextremisten auf allen gesellschaftlichen Ebenen boykottieren – die Partei und ihre Mitglieder – !

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