Dokumentation: Rede von OB Linden auf der Kundgebung gegen Rechtsextremismus

Aachen. Kurz vor dem Neonazi-Aufmarsch an Heiligabend haben heute Abend knapp 800 Menschen ein deutliches Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt. „Klarmanns Welt“ dokumentiert nachfolgend die Rede von Oberbürgermeister Jürgen Linden:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Aachen ist eine europäische, eine internationale Stadt, offen, jung und mit vielen grenzüberschreitenden Kontakten. Aachen ist eine Stadt, in der viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Kultur, verschiedenen Glaubens und differenzierter Meinungen friedlich miteinander leben.

Aachen ist eine Stadt, die das Leid der Geschichte erfahren, daraus gelernt und sich demokratisch, tolerant und im Respekt vor anderen, auch anders Denkenden aufgestellt hat. In dieser Stadt ist kein Platz für rechtsradikale Provokateure, für Menschen, die unsere gesellschaftlichen Werte und Errungenschaften zerstören wollen.

Neonazis haben für morgen eine Demonstration angemeldet. Schon wie am 8. November, dem Vortag des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht, ist das Datum mit böser Absicht gewählt. Man will unsere religiösen Gefühle verletzen, unser harmonisches und freiheitliches Zusammenleben beeinträchtigen, unsere Feste, das christliche Weihnachten, das jüdische Chanukka-Fest und das islamische Neujahrsfest verhöhnen. Das lassen wir nicht zu.

Die Provokation dieses braunen Gesocks erfüllt uns mit Abscheu und Ekel. Wer unsere offene, tolerante Gesellschaft zerstören will, um Hass und Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu propagieren, hat in unserer Stadt keinen Platz. Unsere Stadt verteidigt ihre Werte, verteidigt die Rechte ihrer Bürger, verteidigt Freiheit und Demokratie. Aachen sagt deshalb geschlossen Nein zu solch irrwitziger Agitation fehlgeleiteten Denkens und bösartigen Handelns.

Der Ort, an dem wir uns versammelt haben, ist ein bedeutsames städtisches Mahnmal. Es erinnert symbolisch an unsere historischen Erfahrungen mit faschistischer Diktatur, mit Unfreiheit, Unterdrückung und der brachialen, mörderischen Gewalt der politischen Rechten. Dieses Mahnmal steht sinnbildlich für Pluralität, Offenheit und Toleranz. Es steht für interreligiösen Dialog, das Miteinander der Kulturen und Ethnien. Es steht für eine freie Stadt, eine zivilisierte Gesellschaft, für die unverbrüchlichen Menschenrechte.

Wir stehen gleichzeitig in der Allee, die den Namen von Franz Oppenhoff, dem ersten Aachener Oberbürgermeister nach der Befreiung von Nazi-Diktatur trägt. Er wurde am Palmsonntag des Jahres 1945 feige und heimtückisch durch Nazi-Partisanen ermordet. Dieser Mord, verehrte Zuhörer, ist gerade einmal ein Menschenalter her. Aachen weiß deshalb nur zu gut, wie verbrecherisch, wie lebensverachtend und wie menschenfeindlich die Nazi-Ideologie ist.

Der Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef vor wenigen Tagen hat uns Allen gerade diese Erkenntnis noch einmal bewusst gemacht. Die Rechtsextremen treten die Würde des Menschen mit Füßen. Sie sind so verbohrt, so hasserfüllt und aggressiv, dass sie nicht einmal vor dem Leben des Anderen einhalten. Das darf nicht passieren. Dem stellen wir uns entgegen – in unserer Stadt wie in der gesamten Republik gilt:

Die Provokation vom 08.11.2008, die für morgen beabsichtigte Herausforderung, das Auftreten Rechtsextremer hier und in der Region, ja sogar in Kommunalparlamenten zeigt, dass wir in dieser Zeit besonders wachsam sein müssen. Diese Wachsamkeit gilt auch, weil ein beschleunigter wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Wandel unsere Gesellschaft dramatisch verändert. Viele Menschen werden in den Phasen schwieriger Umbrüche verführbar für einfache Antworten, suchen nach Erlösungsstrategien und erliegen schnell Erlösungsversprechen.

Wir müssen deshalb nicht nur Geschlossenheit in der Gegendemonstration zeigen, sondern über den Tag hinaus auch die soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt unseres Handels stellen und jedem in unserer Gesellschaft eine Chance auf Teilhabe, Wohlstand und Fortschritt garantieren. Lassen Sie uns deshalb in allen Belangen für unsere Stadt eintreten, für ihre gute Entwicklung und für ein harmonisches Miteinander der Bürger. Lassen Sie uns eintreten vor allem aber für unsere Werte, für Offenheit, Pluralität, Demokratie und den inneren Frieden.

Sie haben heute mit Ihrer Teilnahme an dieser Protest- und Gedenkveranstaltung ein Zeichen gesetzt, ein Zeichen gegen rechts, ein Zeichen aber auch, dass sie die Verantwortung für die soziale Zukunft unserer Stadt übernehmen wollen. Für diese gerechte Zukunft steht Aachen zusammen. Wir sind Aachen – Nazis sind es nicht. (Hier folgte die Rezitation des Gedichtes „Todesfuge“ von Paul Celan.)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Dichter Paul Celan hat versucht, das unfassbare Verbrechen des Holocaust, der Schoah zum Ausdruck zu bringen. Seine Worte geben uns Anlass, derer zu gedenken, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Unser Gedenken schließt heute aber auch diejenigen mit ein, die in den letzten Jahren Opfer der neuen rechten Gewalt in Europa und Deutschland geworden sind.

Seit der Deutschen Wiedervereinigung zählen Medien und Opferverbände 135 Tote, die durch rechtsextreme politische und rassistische Gewalt ihr Leben verloren. Ich bitte Sie nun um einige Momente der Stille zum Gedenken an alle Opfer rechtsextremistischer, rassistischer und antisemitischer Übergriffe und Umtriebe.

Ich danke Ihnen und wünsche Ihnen frohe, vor allem aber friedliche Festtage.


2 Antworten auf “Dokumentation: Rede von OB Linden auf der Kundgebung gegen Rechtsextremismus”


  1. 1 Klar, Mann? 23. Dezember 2008 um 20:54 Uhr

    Auch Laschet verurteilt Neonazi-Aufmarsch am Heiligabend in Aachen:

    http://www.linie1-magazin.de/linie1/news/Politik/artikel.php?id=42692

  2. 2 DEMOkrat 24. Dezember 2008 um 1:21 Uhr

    „Man will unsere religiösen Gefühle verletzen, unser harmonisches und freiheitliches Zusammenleben beeinträchtigen, unsere Feste, das christliche Weihnachten, das jüdische Chanukka-Fest und das islamische Neujahrsfest verhöhnen.“

    Ich habe leider angesichts der Religion keinerlei Gefühle (ausser vielleicht immer wiederkehrendes ernsthaftes Erstaunen zu was Menschen so alles in der Lage sind) die von Nönazis schändlich verhöhnt werden könnten.
    Ob man Jesus, Mohamed, Jahwe oder einen ihrer selbsternannten Stellvertreter auf Erden oder dessen fixe Ideenen verspotten darf oder nicht ist bestenfalls eine Frage des guten Geschmacks.
    Dass Nazis die freiheitlich-demokratische Grundordnung beseitigen wollen und die universelle Menschenwürde leugnen ist hingegen eine Tatsache, die die heldenhaften Verfechter der „aktiven Ignoranz“ nur zu gerne unter den Tissch fallen lassen, ergibt sich ja aus eben dieser, die Wiederstandpflicht gegen die Faschisten.
    Lieber passiver Wiederstand als aktive Ignoranz!

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