GegenRechts/Rechts: Bescherung für die braunen Bescherer

Aachen. Eine „Bescherung“ hatten Neonazis Aachen und Polizeipräsident Klaus Oelze versprochen – doch sie selbst erlebten wohl auch eine solche. Rund 500 Menschen haben an Heiligabend lautstark und phantasievoll gegen den Aufmarsch von rund 40 Neonazis demonstriert. Während diese Hass-Parolen skandierten schallten ihnen vom Straßenrand Rufe wie „Nazis raus“ und „Haut ab“ entgegen.

Die Neonazis wollten sich mit dem Aufmarsch – Motto „Da habt Ihr die Bescherung!“ – für Polizeiauflagen bei einer Kundgebung am 8. November rächen. Damals hatte Oelze den provokativen Aufmarsch am Vorabend des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht verboten, jedoch hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot aufgehoben. Oelze hatte aber nur eine Standkundgebung erlaubt. Schon damals hatten fast 3.000 Aachener gegen die seinerzeit rund 100 Neonazis demonstriert.

Diesmal hatte Oelze kein Verbot angestrebt. Bis zu 1.000 Polizisten aus ganz NRW sollen im Einsatz gewesen sein. Zumindest den Beamten, Geschäftsleuten und Passanten, die noch Einkäufe unternahmen und auf eine teilweise abgeriegelte Innenstadt stießen, vermiesten die Neonazis den Auftakt des Weihnachtsfestes. In der Hackländestraße hatten sich derweil am Morgen schon rund 400 Nazigegner versammelt.

Linksautonome besetzten zudem symbolisch das ehemalige Hauptzollamt und hängten unter dem Jubel der Nazigegner antifaschistische Transparente aus den Fenstern. Gegen 10.30 Uhr räumten behelmte Beamte das leer stehende Gebäude und nahmen sechs Personen vorläufig fest. Doch längst hatten viele Antifaschisten, Bürger, Christen, Muslime und Migranten jeden Alters, aber auch Lokalpolitiker von SPD, Die Linke und Bündnis90/Die Grünen – darunter Bürgermeisterin Hilde Scheidt –, den Bahnhofsvorplatz geentert. Die Polizei musste alle wieder abdrängen.

Der Neonazi Axel Reitz hatte laut Polizei 100 Teilnehmer für den Aufmarsch erwartet. Gegen 11 Uhr eröffnete der Kölner Hitler-Verehrer seine Versammlung – vor rund 40 „Kameraden“. Neben dem NPD-Chef aus Düren, Ingo Haller, hielt auch Reitz eine Rede. Er wetterte gegen Oberbürgermeister Jürgen Linden und zitierte hämisch aus dessen Rede vor 800 Nazigegnern am 23. Dezember in der Oppenhoffallee (wir berichteten). Der Neonazi hetzte, Linden habe „keine Ahnung, was Freiheit bedeutet, aber wir, wir bringen es ihm schon bei.“ Mit „Wir“ war wohl das Häuflein von „Kameraden“ gemeint.

Als dieses dann loszog, Parolen skandierte wie „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“, wurde es über die gesamte Wegstrecke vom Straßenrand mit Pfiffen, Buh- und „Nazis raus!“-Rufen begleitet. An Behördengebäuden und Privathaushalten konnten die Neonazis Plakate mit der Aufschrift „Wir sind Aachen. Nazis sind es nicht“ in den Fenstern hängen sehen. Die Jusos hatten fast 150 von Passanten gemalte Antinazi-Plakate im Bereich der Wegstrecke an Laternenmasten und Schildern angebracht. Bei der Kundgebung vor dem Stadttheater waren die Neonazi-Redner wegen der lautstarken Gegenproteste kaum zu verstehen. Es flogen zudem Eier und Tomaten, kam zu Rangeleien zwischen Gegendemonstranten und der Polizei.

Doch weitestgehend blieb es friedlich. Und nicht nur junge Leute brüllten gegen die Neonazis an, auch viele ältere Menschen stimmten in den ungewöhnlichen Heiligabendchor mit ein. Der katholische Priester im Ruhestand, Heinz Strang, stand etwa ganz vorne an einer der Absperrungen. Er sei zwar ein friedliebender Christ. Bei Neonazis und angesichts der Verbrechen in Nazideutschland habe er indes Probleme mit der praktizierten Nächstenliebe, sagte der 85-jährige, leicht gehbehinderte Senior.

Als gegen 13 Uhr dann der braune Spuk vorbei war, meldete die Polizei elf „Freiheitsentziehungen“ unter den Gegendemonstranten. Polizeipräsident Oelze, der den gesamten Einsatz seiner Beamten vor Ort begleitete und seinen Urlaub deswegen unterbrochen hatte, dankte der Aachener Bevölkerung für ihren Anteil am friedlichen Verlauf. [© Michael Klarmann; für AN (ebd. wahrscheinlich gekürzte Fassung)]


2 Antworten auf “GegenRechts/Rechts: Bescherung für die braunen Bescherer”


  1. 1 Peter 27. Dezember 2008 um 11:09 Uhr

    Axel Reitz weiss was Freiheit ist?
    Diese Frage muss man sich stellen, angesichts der Hetze, die Reitz bei seiner Rede gegen einen wenn auch einer anderen Partei angehörigen redlichen Politiker stellt, der niemals eine Haftstrafe verbüßen musste.

    Reitz sollte sich mal bewusst werden, was er für ein Bild in der Öffentlichkeit abgibt und es sollte ihm noch klarer werden, das er anscheinend in seinem eigenen politischen Weltbild von Freiheit keine Ahnung hat.
    Na ja, er kann ja weiter so eine Lachnummer abgeben….köstlich wie früher auf dem Jahrmarkt – der Zwerg tanzt……

  2. 2 Intensieftäter 27. Dezember 2008 um 20:06 Uhr

    […]

    glück gehabt, dass ich noch nicht den rechner ausgeschaltet hatte. mik

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