Rechts: Geh doch zu Hause du alte Scheiße…

Ein analysierender Kommentar zum Neonazi-Aufmarsch an Heiligabend und dem Spielverlauf der aktuellen Runde Haller-ärger-Kunkel-nicht…

Aachen. In simpler, aber treffender Wortwahl hat ein Fan von Alemannia Aachen am 23. Dezember 2008 am Stand der Jusos seine Weihnachtsbotschaft an den Kölner Neonazi Axel Reitz verfasst: „Geh doch zu Hause du alte Scheiße!“ schrieb der stämmige Fußballfan auf dem Plakat, das die Jusos dann am Morgen des Heiligabend mit rund 150 anderen an der Wegstrecke des Neonaziaufmarsches aushängten. Auf einem anderen stand: „Gegen Fußpilz hilft nur Salbe, gegen Nazis nur Courage!“ Beides stimmt, und ist doch auch einmal falsch: auch wenn die Neonazis in ihren eigenen Demoberichten versuchen, sich angesichts von 500 Gegendemonstranten und der Peinlichkeit eines „Kinderschänders“ in den eigenen Reihen doch noch als Sieger des Tages darzustellen, so verkennen sie doch auch, dass zumindest die lokale Braunszene – auch wegen des Aufmarsches – zerstritten ist und wohl Heilsalbe benötigt.

Die Neonazis wollten sich mit dem Aufmarsch – Motto „Da habt Ihr die Bescherung! Meinungs- und Demonstrationsfreiheit ist kein Geschenk, sondern unser Recht!“ – für Polizeiauflagen bei einer Kundgebung am 8. November rächen. Damals hatte Polizeipräsident Klaus Oelze den provokativen Aufmarsch am Vorabend des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht verboten, jedoch hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot aufgehoben. Oelze hatte aber nur eine Standkundgebung erlaubt. Reitz, ebenso Anmelder des Aufmarsches am 8. November, schrieb in seinem Aufruf für Heiligabend daher: „Wer den Verbotsknüppel auspackt und die Knechtung des Rechts bejubelt, der bekommt am Heiligabend die Rute in Form einer nationalen Demonstration!“ Doch aus der Rute wurde ein Zahnstocher. Rund 40 Neonazis eierten durch Aachen und skandierten: „Hier marschiert der Nationale Widerstand!“ Realsatire darf in einer Demokratie eben doch noch alles.

„Entgegen der anfänglichen Gerüchte, dass kein nationaler Aktivist an der Demo teilnimmt, um somit die ganzen Befürworter einer Gesinnungstyrannei auflaufen zu lassen, konnten sich ca. 45 Nationalisten das Spektakel nicht verkneifen,“ versucht die Neonazi-Bande „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) die Pleite nachträglich als Sieg auszulegen. Man hat also nur Polizei und Gegendemonstranten foppen wollen, soll das wohl heißen. Demnach wären die Neonazis, die gekommen waren – etwa der KAL-Anführer René Laube höchstselbst –, nicht nur extrem rechts, sondern auch extrem saublöd gewesen, weil sie im Vorfeld den Witz nicht verstanden hatten. Ihren Demobericht beendet die KAL mit den Worten: „Alles in allem war die Demo das, wofür sie angemeldet wurde.^^“ Christian Worch, der eigens mit seinem Lautsprecher-Polo aus Hamburg angereist war und somit weder Reisekosten noch Spesen gescheut hatte, stellte in einem Erlebnisbericht fest: „Von den bisher insgesamt vier Weihnachtsdemos war es zwar die zahlenschwächste, was die Teilnehmer betrifft, aber auch die lustigste, was den Ablauf und die spontane Gestaltung betrifft.“

Worch irrt hier nicht – nur war der Aufmarsch letztlich für die Gegendemonstranten lustiger als für die „Kameraden“. Dürens NPD-Chef Ingo Haller war mit Nikolausmütze erschienen, aber offenbar waren die passenden Modelle am 24. Dezember längst ausverkauft und das ironisch gemeinte Utensil fiel ihm über die Ohren – er wirkte wie eine Comicfigur, und setzte die ihm viel zu große Mütze noch nicht einmal ab, als er eine politische, völlig ironiefreie Rede hielt und mitteilte, dass er Oberbürgermeister Jürgen Linden wegen dessen Worte vom „braunen Gesocks“ wegen Beleidigung angezeigt habe. Kann jemand, der mit einer Nikolausmütze bei einem Aufmarsch an Heiligabend eine politische Rede hält, sich überhaupt beleidigt fühlen? Laut Haller kommt indes „in gar nicht allzu langer Zeit“ die Zeitenwende für den „Nationalen Widerstand“. Die rund 40 „Kameraden“ applaudierten.

Dass Haller und die Chefin der NPD-Düsseldorf/Mettmann, Nicole Schonhofen, an Heiligabend mit Reitz und Worch aufmarschierten, dürfte auch symbolisch dafür stehen, wie zerstritten die regionale Braunszene ist. Schon bei den Aufmärschen im April im Stolberg, so heißt es aus Polizeikreisen, habe Haller den Vorsitzenden des NPD-Kreisverbandes Aachen und Stolberger Ratsmann, Willibert Kunkel, „vor sich her getrieben“ mit seinem teils blindem Aktionismus und den propagandistischen Lügen, ein tragisches Todesopfer zum „Kameraden“ umzulügen. Haller, den Mitte 2005 noch kaum einer kannte, ist heute Mitglied des NPD-Landesvorstandes. Kunkel aber wurde bei der letzten Wahl nicht mehr in den Landesvorstand gewählt. Er hatte von Beginn an bestritten, dass oben genanntes Todesopfer ein „Kamerad“ gewesen sei und damit fast die Großaufmärsche in Stolberg gefährdet. Letztlich indes reihte auch er sich ein und nutzte den Todesfall dazu, die NPD politisch in der Region in aller Munde zu bringen. Gelogen hat Kunkel jedoch nie, nannte das Opfer immer einen „Deutschen“ anstatt einen „Kameraden“.

Schon als am 8. November Neonazis in Aachen unter dem zynischen, provokativen und volksverhetzenden Motto „Gegen einseitige Vergangenheitsbewältigung! Gedenkt der deutschen Opfer!“ aufmarschierten, suchte man die „Kameraden“ von Kunkels Aachener NPD-Kreisverband unter den rund 100 Neonazis fast vergeblich. Angeblich soll die NPD-Aachen sich gegen den damaligen Aufmarsch ausgesprochen haben. Obschon NPD-Landeschef Claus Cremer und Haller sowie NPD-Mitglieder aus Düren vor Ort waren, hielten sich die NPD-Leute des KV-Aachen dezent zurück. Dasselbe Bild an Heiligabend, als wieder die NPD-Aachen fortblieb. Den Aufmarsch soll man sogar als „Schwachsinn“ angesehen habe, den man nicht gewillt sei, zu unterstützen. Von Kunkel kann man denken, was man will – aber strategisch zu denken statt blind aktionistisch zu handeln dürfte der seit 1999 in den Braunszene aktive Stolberger gelernt haben. Haller, der Polizeikreisen zufolge der „eigentlich gefährliche“ und radikalere NPD-Kreisvorsitzende in der Region ist, lief indes mit Hitler-Verehrer Reitz durch Aachen und machte Fotos von Gegendemonstranten – und vielleicht auch jene Bilder, die noch auf der KAL-Homepage online eingestellt werden sollen…?

Das, was an Heiligabend in Aachen stattfand und was man in Neonazikreisen zur Satireaktion von Rechts ummogeln will, war alles andere. Der kürzlich aus der Haft entlassene Paul Breuer – laut Worch an Heiligabend eine „rheinische Frohnatur“ – trat in seiner Rede den „Beweis“ an, dass der Weihnachtsmann aus Afrika stamme. Dort verständigten sich die Schwarzen auch mittels unverständlicher Laute („Ho, ho, ho“) und wenn man die Silberfolie der Schokoladenfiguren entferne sehe man, dass der Weihnachtsmann kein Weißer sei. Rassismus satt also. Dass es auch sonst um rechtsextreme „Wahrheiten“ ging bewies Reitz als Redner. Er zitierte im schwarzen Ledermantel, optisch eher Gestapo-Mann als Bürger, hämisch aus einer Linden-Rede vom Vortag. Und beschwerte sich, am 8. November habe Polizeipräsident Oelze wegen seiner Auflagen das „Recht vergewaltigt“. Da dürfte Reitz noch nicht gewusst haben, dass unter den rund 40 „Kameraden“ ein heute 28-Jähriger war, der schon eine mehrjährige Jugendhaftstrafe verbüßen musste. Sie ging zurück auf eine begangene Vergewaltigung sowie den sexuellen Missbrauch eines Kindes. Nur gut, dass keiner der Redner an Heiligabend die „Todesstrafe für Kinderschänder“ forderte.

Reitz läuft sowieso lieber zur Hochform auf. Mit sich manchmal überschlagender Stimme mimt er in seiner Rede teilweise den Goebbels. Und hetzt, Linden habe „keine Ahnung, was Freiheit bedeutet, aber wir, wir bringen es ihm schon bei.“ Mit „Wir“ ist wohl das Häuflein von „Kameraden“ gemeint – die Reitz „Kämpfer“ nennt, die für ein „nationales und sozialistischen Deutschland“ streiten. Bei einer Zwischenkundgebung am Theater ist es dann an Sven Skoda, dem man wohl einen Hang zum bewaffneten Kampf gegen Demokratie und Polizei nicht absprechen kann. Angesichts dessen, das der Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl mit einem Lebkuchenmesser niedergestochen und lebensgefährlich verletzt wurde und man Neonazis für die Tat verantwortlich macht, rückt Skoda die Relationen zurecht. „Der nationale Freiheitskampf wird ganz bestimmt nicht mit Lebkuchenmesser geführt,“ wettert Skoda und droht so doch auch unterschwellig schlimmeres an. Und auch wenn die „Kameraden“ den peinlichen Aufmarsch zur Satireaktion und einem Kamerad-ärger-die-Polizei umlügen: Skodas Rede bleibt ironie- und frohnaturfrei. Auch eine Nikolausmütze hätte da nichts mehr retten können.

Und wie war das jetzt mit der Losung „Geh doch zu Hause du alte Scheiße!“? Offenbar weitsichtig hatte besagter Alemannia-Fan vorweg genommen, dass die meisten Neonazis von Außerhalb anreisten, aber lieber bei ihnen daheim aufmarschieren sollten, wenn es sie denn in den Waden jucke. Und auch, wenn die meisten Teilnehmer der rund 40 Neonazis zwischen 18 und 28 Jahren alt gewesen sein mögen und die Losung „alte Scheiße“ im Fußballtribünenjargon sicher etwas anderes meint: alt und braun war der ideologische Background derjenigen, die da durch Aachen „marschierten“ und denen nichts mehr peinlich war… [© Klarmann]


11 Antworten auf “Rechts: Geh doch zu Hause du alte Scheiße…”


  1. 1 Aachener 28. Dezember 2008 um 23:04 Uhr

    Naja Mik,
    da gibt es noch Probleme mit dem Urheberrecht, denn am 8.11.2008 hallte dieser Spruch von ungehorsamen Aachenern Bürgern, aktiv geduldet von der grünen executiven Gewalt, vom Bahnhof- Haupteingang zum Jammerhaufen gegenüber.

    Aber wie auch immer, jedes Wort ist zutreffend, da gibt es nix zu deuteln.

    Aber vielleicht war auch jemand mit Alemannia- Schal anwesend, könnte schon sein.

    Wenn man nach dieser blamablen Vorstellung und Nebeneindrücken am 23ten von Erfolg spricht, unterstreicht es nur die geistige Verfassung des braunen Packs! Hoffnugsloser Fall!

    Gruß,
    Aachener > weder rechtsnochlinksextrem

  2. 2 Peter 29. Dezember 2008 um 1:40 Uhr

    Ach, Tränen vor Lachen aus den Augen waschen müssen, trotz des ernsten Themas; Danke für den Kommentar…super!

  3. 3 Brigitte 29. Dezember 2008 um 20:12 Uhr

    So braun wie die Nönazis waren, wird ein Weinachtsmann nie!

  4. 4 Reiner Hohn 29. Dezember 2008 um 21:43 Uhr

    „Geh doch nach Hause, Du alte Scheiße“

    Der Karabettist Volker PISPERS hat diesen Spruch im Jahre 2004 in einem seiner Stücke gebracht. Es ging darum, wie Lehrer in Hauptschulen in Berlin von ihren Schülern begrüßt werden.
    Ein Urheberrecht an diesem Zitat hat meines Erachtens am ehesten PISPERS.

    Grüße: R.H.

    PS. Ich weiß selber, daß man sich über alles hinwegsetzten darf, wenn man der einzig wahren Moralvorstellung frönt.

  5. 5 Klar, Mann? 02. Januar 2009 um 11:33 Uhr

    ARD-Morgenmagazin vorab:

  6. 6 Klar, Mann? 06. Januar 2009 um 20:09 Uhr

    Als Freund der SAV empfehle ich diesen Beitrag wärmstens, rate allerdings, ihn auch als Realsatire-darf-alles zu lesen:

    http://www.sozialismus.info/?sid=2937

  7. 7 hummel 07. Januar 2009 um 6:42 Uhr

    ach mensch, ich wünsch mir eine kommentarfunktion auf der sav-seite….in stolberg tapfer mit schildern schlagend voran und jetzt rumheulen….da sieht man ja fast parallelen zu verhalten und berichten anderer fraktionen….na das können ja feine revolutionen werden

  8. 8 Klar, Mann? 28. Januar 2009 um 11:09 Uhr

    Eher humorvoller Film aus der Antifa-Szene (außerdem: findet Klarmann…):

  9. 9 D.L. 28. Januar 2009 um 17:12 Uhr

    3:29 im laufschritt lieber mik :P

  10. 10 D.L. 28. Januar 2009 um 19:47 Uhr

    SKANDAL!!! In der EA-Nummer ist eine „88″ vorhanden. Wie kann man sich Antifaschist nennen und nun auf so einer Nummer anrufen? Würde ja einen Aufruf der Linken zu einem Handy und Telefon boykott sehr begrüßen ;) :P

    ich grab die hip-hop-videos doch noch aus…damit sie mal verstehen, was wirklicher sarkasmus ist. mik

  11. 11 Carsten 29. Januar 2009 um 10:43 Uhr

    Ich denke, du meinst das hier, mic:

    Plan88-Brief an den Feind:
    http://de.youtube.com/watch?v=jmDZMoMbzHg

    meinte ich nicht… mik

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.