Klarmanns Welt (5)

Meine Welt ist schlecht. Als Referent über die Neonazi-Szene.

Read Me 5.1. – Ich glaube, ich hatte schon erwähnt, dass Vorträge vor Lehrer/innen böse enden können. Lehrer/innen belehren andere – und manchmal haben sie Probleme damit, belehrt zu werden. Mit engagierten Lehrer/innen habe ich jedoch sehr gute Erfahrungen bei Fortbildungen gemacht. Problematisch sind wohl eher jene, die sich als unangefochtene Autorität im Behördentrott eingerichtet haben. Nun fragt bei einer Lehrer/innen-Fortbildung eine Frau, ob und wo man Hilfe im Internet finden könne. Dass seit gut anderthalb Jahren unzählige Beratungsseiten zum Thema Rechtsextremismus in den virtuellen Weiten existieren, scheint ihr nicht bewusst zu sein. Ich selbst betreibe etwa im Blog einen Reiter mit Links zu Beratungsangeboten und Aufklärungsseiten für Eltern und Lehrer/innen. Von der Hilflosigkeit geschockt, antworte ich provokant: „Wissen Sie, es gibt da im Internet eine wunderbare Suchmaschine, da finden Sie Hilfe. Sie heißt Google!“ Tatsächlich notiert sich eine Pädagogin „Google“ auf dem Notizblock. Andere schimpfen indes meine Antwort „arrogant“…

Read Me 5.2. – Ich halte zwei Vorträge vor jeweils rund 270 Schülerinnen und Schülern eines Gymnasiums in einer Stadt, die als Neonazi-Hochburg gilt. Im Publikum sitzt sogar die Tochter eines NPD-Funktionärs. Ich schildere Straftaten der Neonazis, spiele Lieder mit radikalen Texten und zeige Bilder und Videos von Gewaltaktionen und Aufmärschen. Am Ende meldet sich ein Mädel und sagt, sie sei nun ganz fertig mit den Nerven von alldem, was sie gehört und gesehen habe. Ich sage ihr, um die Situation aufzulockern: „Ich kann dir gerne die Karte meines Psychiaters geben.“ Die ganze Schulaula geht in Grölen und Lachen unter. Ich aber entschuldige mich für den Witz, den ich auf Kosten des Mädchens gemacht habe. Sie hält das für eine Ausrede und kommt am Ende zu mir und fordert „nun endlich“ die Visitenkarte ein. Es ist etwa jener Moment, als mir die Tochter des NPD-Funktionärs in einem persönlichen Gespräch sagt, dass sie meinen Vortrag trotz aller Vorbehalte als „relativ objektiv“ ansehe. Den Psychiater werde ich mir wohl doch suchen müssen.

Read Me 5.3. – Ein Besucher will mich mit einer langen Wortmeldung bei einer Veranstaltung der CDU-Senioren diskreditieren. Neben den rund 30 Christdemokraten dürften noch rund 70 bis 80 Besucher erschienen sein – interessierte Bürger, SPD- und Grünen-Lokalpolitiker, Antifaschisten, Behördenvertreter und Lehrer/innen. Der Linksextremismus sei viel schlimmer als der Rechtsextremismus, überdies würden Neonazis nur bei den Linken „klauen“, sagt der Mann. Außerdem würde ich zwar betonen, für die „Aachener Nachrichten“ und die „Friedrich-Ebert-Stiftung“ zu arbeiten, aber ich würde bewusst verschweigen, einmal für linksextreme Blätter wie „Neues Deutschland“ oder „junge Welt“ gearbeitet zu haben. Letztgenanntes lässt sich leicht entkräften, denn der Herr liest dazu nur eine Passage aus der Vita in meinem Blog vor. Der Senior, das stellt sich später heraus, ist der ehemalige CDU-Stadtverbandschef und noch als Rechtsanwalt tätig. Seiner Meinung nach, erklärt er, unterwandere der Linksextremismus die BRD, etwa, weil ein Grünen-Politiker Außenminister war und Lehrer, die in der sozialen sowie Friedensbewegung aktiv sind, unsere Kinder verderben mit ihren linksextremen Ansichten. Der Mann selbst wird indes von der völkisch-nationalen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ in deren Autorenliste geführt und hat innerhalb der CDU schon für einige Eklats gesorgt, die sich u.a. um den in einer Rede mit antisemitischen Vorurteilen spielenden (Ex-)CDU-Konservativen Martin Hohmann drehten. Das weiß ich zwar an dem Abend noch nicht, wundere mich allerdings sehr darüber, dass ich, nachdem ich das Co-Referat meines Kritikers in Teilen widerlegt habe, spontanen Szenenapplaus von Teilen des Publikums ernte. Nun falte ich rhetorisch auch schon Rechtsanwälte zusammen…

Read Me 5.4. – …doch genug der Vorurteile: Ich informiere den Rat einer Kleinstadt über die vor Ort sehr junge, sehr aggressive Neonaziszene. Auf die Frage hin, ob Rechtspopulisten, „Neue Rechte“ und Burschenschaften eine Gefahr darstellten, erwidere ich, dies sei in der Stadt nicht direkt der Fall und sei daher zu vernachlässigen. Ein CDU-Ratsmitglied korrigiert mich, denn gerade von den „Neuen Rechte“ und Burschenschaften gehe eine große Gefahr aus. Ich muss zwar kurz an einen Rechtsanwalt denken (s.o.), weiß aber nun, dass alles gut wird!

Read Me 5.5. – Zeitreise bei einem SPD-Ortsverband in sehr ländlichem Gebiet. Das rustikale Innenleben der Kneipe erinnert an 1970. Die SPD-Flagge und einige SPD-Luftballons wirken so, als seien sie schon bei den Protesten gegen die Gründung der Bundeswehr 1955 dabei gewesen. Tischdecken, Kneipenbänke und Theke könnten aus dem Fundus eines Heimatfilms stammen. Mich wundert nur, dass man im Automaten auf „Lucky Strike“ trifft. „HB“, „Roth-Händle“ (nur echt mit einem 10-Pfennig-Stück!) und „Ernte 23“ sind nicht vorrätig…

Read Me 5.6. – Bildungstag bei einer Kreisbehörde. Nach der Begrüßung durch den Landrat, den Referaten eines Verfassungsschützers und eines Kommissar Vorbeugung, darf auch ich etwas sagen. Doch statt mit den Worten „Auch von mir einen schönen guten Tag“ einzuleiten, sage ich: „Auch von mir noch mal ein Herzliches Willkommen…“ Als Gastreferent sage ich das, was nur Hausherrn zusteht…und schäme mich deswegen bis heute.

Klar, Mann? [auch bloggend: klarmann.blogsport.de]

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