Rechts/Mitte: Bereit zum Andocken an den Volkszorn gegen die Sex-Bestie [update]

Heinsberg. Nachdem bekannt wurde, dass im Heinsberger Ortsteil Randerath ein vor kurzem aus der Haft entlassener Sexualstraftäter wohnt, berichten unter anderem Boulevard-Medien über die „Sex-Bestie“. Zwischen 30 und 100 Anwohner demonstrieren seit Tagen im Ort gegen den „Kinderschänder“ [1]. Sie skandieren dabei „Raus, raus, Kinderschänder raus!“ Flugblätter mit dem Konterfei des Mannes wurden verteilt, an Laternenmasten und in Schaukästen ausgehangen. Zumindest in Teilen der Bevölkerung scheint dabei eine Art „Pogromstimmung“ gegen den Sexualstraftäter zu herrschen, hieß es gegenüber „Klarmanns Welt“ aus gut unterrichteten Kreisen.

Teilweise sei die Stimmung unter Anwohner und Vertretern eines „Aktionsbündnisses gegen Karl D.“ aggressiv, überdies soll es bei einer Demonstration den Versuch gegeben haben, das Haus der Verwandten zu stürmen, in dem der Sexualstraftäter derzeit lebt, hieß es. Die Polizei habe dies indes verhindert. Zumindest Teile der an den Protesten beteiligten Personen wurden als „Prolls“ beschrieben, hieß es gegenüber „Klarmanns Welt“. Die „Frankfurter Rundschau“ schrieb von einem „Volkszorn“ [2] in Randerath. „Spiegel-Online“ schreibt [3] von einem „Aufstand“ und zitiert einen Augenzeugen: „Das ist eine richtige Hetze auf den Mann. Hier herrscht schon fast Pogromstimmung. […] Wenn hier einer anfängt einen Stein zu werfen, machen alle mit.“

„Spiegel-Online“ gegenüber sagte ein Polizeisprecher zudem: „Wir schützen die Bevölkerung vor ihm – aber auch [den Sexualstraftäter] vor ungerechtfertigten Übergriffen der Bevölkerung.“ Der Presse [4] gegenüber sagte Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken zudem, dass der Sexualstraftäter scharf bewacht wird. Indes sah sich Frenken auch hier genötigt, darauf hinzuweisen, dass man „[a]ber auch zum Schutz der Familie, die dort lebt, [vor Ort ist,] weil die Stimmung ja angespannt ist.“ Diese Stimmung lässt sich auch unter den Artikeln im Onlineangebot der Lokalpresse beobachten. Findet sich in vielen Leserkommentaren oft die – verständliche – Wut auf den Täter und die – noch verständlichere – Angst, dass den eigenen Kindern etwas widerfahren könne, scheinen auch politisch rechtsgerichtete längst den Fall zur Stimmungsmache zu missbrauchen.

So äußert sich etwa ein User antidemokratisch über die Demokratie: „[…] Schon in der Vergangenheit haben hunderte [sic!] von Kindern die fragwürdigen Resozialisierungsversuche [von Sexualstraftätern; mik] mit Ihrem Leben bezahlt – ein solches Rechtssystem finde ich viel barbarischer, als ein solches ach so armes Monster wegzuschliesen.“ Mag derlei als Leserkommentar durchgehen, findet ebenso ein Redaktionsleiter in seinem Kommentar in dem Wochenblatt „HS Woche“ zur „Sex-Bestie […] die wir in unserer Mitte erdulden müssen“: Karl D. sei frei, „[w]eil das Gesetz es so will… [… A]uch wenn Psychologen, Weltverbesserer und liberale Träumer mich dafür tadeln werden, ich bleibe dabei: Sexualstraftäter sind nicht therapierbar.“

Rechtspopulisten, Neurechte und NPD hätten es sicher ähnlich formuliert. Und unterdessen scheint die Stimmung so hoch gekocht, dass Landrat Stephan Pusch (CDU) sich gemüßigt sah, an die Besonnenheit der Bevölkerung zu appellieren [5]. NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) hat vor einer „Hetzjagd“ auf den aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter in Heinsberg gewarnt. [6] Auch Ortsvorsteher Heinz Franken (CDU) hat in einem Brief an die Bürger gemahnt [7], Ruhe zu bewahren: „Wir müssen aber auch geltendes Recht akzeptieren und können uns selber nicht ins Unrecht setzen, indem wir wie im Mittelalter unter Gewaltandrohung Menschen aus dem Dorf jagen.“

Franken ergänzt an einer Stelle zudem: „Wir wollen auch keinen radikalen Gruppierungen eine Plattform bieten, auf der sie ihre Parolen verbreiten können.“ Der Christdemokrat dürfte wissen, warum er genau das in seinem Schreiben anmerkt. „Klarmanns Welt“ auch… [© Klarmann]

[1] Vgl. Nachrichten-Bericht; KStA-Bericht
[2] Direktlink
[3] Direktlink
[4] Vgl. Express-Bericht
[5] Vgl. Nachrichten-Bericht
[6] Vgl. Nachrichten-Bericht
[7] Vgl. Nachrichten-Bericht


16 Antworten auf “Rechts/Mitte: Bereit zum Andocken an den Volkszorn gegen die Sex-Bestie [update]”


  1. 1 Klaus 06. März 2009 um 19:10 Uhr

    Ja, so ist sie, die selbsternannte „politische Mitte“. Pogromhetze gehört in solchen Kreisen eben auch zum Repetoire.

  2. 2 Hempels 07. März 2009 um 8:07 Uhr

    @ Klaus:
    Ich würde gerne wissen, ob Du das als Familienvater aus der Nachbarschaft genau so sehen würdest.

  3. 3 Michael 07. März 2009 um 9:07 Uhr

    @Hempels

    Die Sorgen der Menschen vor Ort sind berechtigt und nachvollziehbar. Ich persönlich halte es für einen Skandal, dass der zuständige Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Sicherungsverwahrung nicht gefolgt ist und damit auch die Einschätzung des forensischen Psychiaters ignoriert hat. Meiner Meinung nach ist Sicherungsverwahrung DAS Mittel der Wahl bei schon einmal rückfällig gewordenen Sexualstraftätern.

    Allerdings:
    aufgebauschte Stimmung und unreflektiertes Handeln führen zu nichts. Teile der bürgerlichen Gesellschaft waren schon immer gut darin, Mißstände völlig verkürzt zu betrachten, auf eine Person(engruppe) abzuwälzen, das Thema damit für erledigt zu erklären und die Zustände unangetastet zu lassen, durch die diverse Probleme erst verursacht werden. Gabs ja schon in Zeiten öffentlicher Hinrichtungen: der selbstproduzierte Abfall wurde mittels zum Happening gemachten Prozessen beseitigt. damit war das Thema erledigt.
    Ohne die sicher zahlreichen besorgten Eltern angreifen zu wollen: unter den „Aktiven“ vor Ort befinden sich ganz sicher auch ziemlich eklige Lüstlinge mit merkwürdigen Phantasien, denen ein Sexualstraftäter gerade recht kommt, sich öffentlich mal so richtig zu brüskieren.
    Das Ganze ist ein Klima, das einen optimalen Nährboden für ganz andere Dinge darstellt. Klar wovon ich spreche, oder?
    Und gerade die sich bei solchen Themen aufspielenden Bräunlinge finde ich besonders „witzig“, sind es doch gerade diese Kreise, in denen Frauen zum Objekt der Triebbefriedigung degradiert werden. Ich frage mich ernsthaft, wo hier von der Geisteshaltung her der große Unterschied zu einem Sexualstraftäter besteht. Missachtung des Subjekts finden wir auf beiden Seiten. Ich will gar nicht wissen, wie viele der Braunen und auch der „anständigen Bürger“ sich beim Bordellbesuch gern so richtig als „Herrenmenschen“ fühlen. Gab doch da mal so einen Fall eines recht hochrangigen NPD-Funktionärs.
    Die Grenzen zum Missbrauch sind da fliessend…

  4. 4 Klar, Mann? 07. März 2009 um 9:23 Uhr

    @Hempels/Michael: Ich fand gestern am frühen Abend diese Passage hier in einem Neonazi-Forum – und ich teile diese Meinung weitestgehend, die aber eine Einzelmeinung in der Braunszene sein dürfte; dennoch mal das Langzitat (Originalschreibe, aber mit neuem Zeilenumbruch):

    „[…] Ich finde das ganze ist eine zweischneidige Sache: Der Landrat will sich durch die Warnungen doch nur profilieren. Er beschwört die Menschenmassen obwohl er genau weiss, dass er rechtswidrig handelt. […] Und während die 8 Polizisten den entlassenen Straftäter ( der die Tat nie gestanden hat ) bewachen[,] werden in Deutschland 320.000 Kinder im Jahr missbraucht – die meisten davon über einen längeren Zeitraum.
    Und zwar nicht vom bösen Mann vor dem jetzt der Kreis Heinsberg zittert – sondern von Vätern, Stiefvätern, Onkeln, Opas, Brüdern und Freunden der Familie! ( Aufzählung nicht vollständig ) Gut möglich, das grade ein Kind im Kreis Heinsberg missbraucht wird während einige vor dem Haus des Straftäters stehen, und zwar vom guten Nachbarn in unserer Mitte und nicht von der Bestie[,] vor der alle warnen. Deswegen sind die Aktionen der Bürger und des Nationalen Widerstandes nichts als blanker Aktionismus. […]“

  5. 5 Klar, Mann? 07. März 2009 um 9:42 Uhr

    Nachtrag: Auffallend an den Diskussionen innerhalb des „Nationalen Widerstandes“ zu verschiedenen Straftaten finde ich übrigens das Ungleichgewicht.

    Als vier Kinder/Jugendliche im Kreis Heinsberg einen Rentner wie aus Spaß ermordeten, um sein Auto zu stehlen, schwieg etwa die NPD (und auch viele Bürger waren zwar entsetzt, aber das war es auch schon…) – die Täter waren nach NPD-Verständnis „reinrassige“ Deutsche (bzw. nach Bürgermeinung „welche von uns“).

    Der Fall, als Migranten in München in der U-Bahn einen Rentner fast tot schlugen, wurde indes ausgeschlachtet (auch von bürgerlicher bzw. CDU-Seite), ebenso wie der Fall Kevin P. in Stolberg, den ein Migrant in Folge eines eskalierenden Streites erstochen hatte.

    Gegen einen „Kinderschänder“, der seine Haft abgesessen, aber sich wegen seiner Taten aus der „Volksgemeinschaft“ (NPD) bzw. der „Gesellschaft“ (Bürger, Politik) selbst ausgeschlossen hat, wird jedoch wieder mobilisiert, auch von zwei meiner ganz besonderen Freunde…

    Anmerken möchte ich zu den Bürgerprotesten in Randerath:

    Es gab vor etwa einem halben Jahr – was mit Karl. D. also nix zu tun hat – ortsnah eine Vergewaltigung mit Todesfolge. Die Leiche einer jungen Frau wurde damals wohl nahe Randerath und Uetterath gefunden, darüber wurde auch in der Lokalpresse ausführlich berichtet. Zum Teil dürfte wohl auch das dazu beigetragen haben, dass der bürgerliche Protest gegen Karl D. aktuell recht schnell in offene Aggressionen umschlug…

  6. 6 der j. 07. März 2009 um 13:31 Uhr

    So äußert sich etwa ein User antidemokratisch über die Demokratie

    :D Made my day.

  7. 7 WiderstandDN 07. März 2009 um 15:24 Uhr

    …Wollt ihr es nicht kapier´n kinderschänder kann man nicht therapiern…

    recht(s)schreibschänder offenbar auch nicht… mik

  8. 8 anonym 07. März 2009 um 17:04 Uhr

    Also ich bin aus der Gegend und habe Verwandte und Bekannte dort wohnen. Aber so eine Hetze ist unglaublich.
    Die richterliche Entscheidung mag man anzweifeln (was ich auch tue), aber so eine Hetzjagd auf jemanden, der momentan ein freier Bürger mit einem Recht auf Wiedereinbürgerung ist, finde ich schon schlimm genug. Schlimmer noch finde ich aber, dass seine Angehörigen (darunter soweit ich weiß auch ein Kind) in die Sache mit reingezogen werden weil sie ihren Angehörigen nach der Haft aufgenommen haben. Gut gemeint, aber jetzt im Dorf wahrscheinlich Aussätzige…

    Und was wollen bzw. können die Anwohner, Politiker und Medien mit ihrer Hetze erreichen? Im Maximalfall einen Wegzug der persona-non-grata. Und dann? Zieht er woanders hin, wo ihm entweder das gleiche Schicksal widerfährt oder womöglich eine neue Tat begeht. Das ist dem Mob von Randerath dann vielleicht nicht ganz egal, aber Hauptsache es war nicht das eigene Kind.

    Man kann nur hoffen, dass der Richter bei der noch ausstehenden Verhandlung sich NICHT von diesen Vorgängen beeinflussen lässt, sondern anhand der Fakten urteilt. Wenn es dann zu einem „zufriedenstellenden“ Urteil kommt, umso besser.

  9. 9 Tim Rainer 07. März 2009 um 19:08 Uhr

    @mik:
    Auch der Fall Kardelen in Paderborn ist in diesem Zusammenhang doch selbstredend. Der ganze Fall ist passt eigentlich in das Schema einer Instrumentalisierung „nationaler Kreise“. Wäre da nicht die (Quasi)Nationalistät des Opfers, bin mir aber sicher wäre sie ein „reinrassiges Mädchen“ gewesen hätte es sich der „nW“ in Paderborn nicht nehmen lassen mal wieder in der Öffentlichkeit für das „angemessene Strafmaß“ in solchen Fällen einzutreten. Ist unter diesen Umständen aber dann mal ausgenblieben, hat von der Rollenverteilung – türkschstämmiges (was auch immer diese Bezeichnung bedeuten mag?) Mädchen und deutscher männlicher Täter – nicht gepasst.

  10. 10 WiderstandDN 07. März 2009 um 23:48 Uhr

    Argumentationslose legen nur wert auf die rechtschreibung :D

    was haben sie denn so an argumenten, außer jene, von denen sie meinen, dass es welche sind – und die sie nicht in der lange sind, in worte zu fassen? für den „kampf um die straße“ mögen ja simple parolen, putziges gestammel, nettes grinsen oder der einsatz von faust, stiefel und molli genügen, aber der „kampf um die köpfe“ oder gar „um die parlamente“ benötigt doch schon etwas mehr fähigkeiten, als einen busfahrplan lesen und wiedergeben zu können… mik

  11. 11 Peter 08. März 2009 um 0:23 Uhr

    Es ist mehr als eine fragwürdige Rechtsprechung trotz Gutachten auf eine Sicherungsverwahrung im Falle Karl D. zu verzichten. Was uns dies aber vor Augen führt, isr wieder einmal das wir nur eine Rechtssicherheit haben!

    Skandalös hingegen ist die Tatsache, das sich nun unter die Heinsberger Bevölkerung örtliche Neo Nazi Gruppierungen mischen, um eine Stimmungsmache übelster Art zu gestalten und somit den Hass auf den ehemaligen Täter ins grenzenlose zu schüren.
    Hinzu kommt noch, das die Bevölkerung keine Neonazis – bedingt durch die Kleidung – dirkt erkennen kann.
    Der Landrat war hier wohl anscheinend durch seine Warnung der Funken, der den Waldbrand legte.

    Ich frage mich persönlich was den Landrat dazu bewegte…Sorge um den Bürger….bevorstehender Wahlkampf…wer weiss es!
    Mit Sicherheit hätte er auch direkt eine Dauerüberwachung, ohne öffentliche Warnung durchführen lassen können, gerade auch hinsichtlich der Tatsache, das im die rechtsextremistischen tendenzen bekannt sind!

    Jedenfalls steht dem ehemaligen Straftäter ein grundverbrieftes Recht auf ein menschenwürdiges Leben zu.
    Davon kann in der jetzigen Situation keine Rede mehr sein.

  12. 12 Peter 08. März 2009 um 0:24 Uhr

    Bemerkenswert finde ich mal wieder die Phrasen von Hempels!

  13. 13 Demokrat 08. März 2009 um 11:07 Uhr

    @ Tim Rainer

    Meinen Informationen nach, war der Mörder von Kardelen auch ein türkischstämmiger Mann.

    Gruß

    dann müsste der fall für nönazis doch einladen sein – könnten auch sie mal drüber nachdenken ;) mik

  14. 14 hans hammel 08. März 2009 um 11:44 Uhr

    keine party ohne klarmann!!

    fällt ihnen wirklich nichts anderes zum thema ein als „party“? arme s**! mik

  15. 15 Peter 08. März 2009 um 16:30 Uhr

    @ Demokrat ;
    Sie sagen; „auch ein türkischstämmiger Mann“….
    Frage, wer noch?
    Ich kann Tim nur Recht geben. Es ist allerdings bemerkenswert, das die Neonazis keinen Pädophilen aus eigenen Reihen inkl. der NPD angreifen.

  16. 16 Demokrat 08. März 2009 um 19:02 Uhr

    @Peter

    Das war nur darauf bezogen, dass das Opfer auch türkischstämmig war. War vielleicht nicht so ganz genial ausgedrückt.

    Ich habe auch nicht gesagt, dass Tim nicht Recht hat. Das sollte nur eine inhaltliche Korrektur sein ;-)

    Wollen Sie mir wieder was andrehen Mik? ;-)

    Gruß

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