Rechts: Wenn Rechtsextremismus langsam normal wird

Region. „Autonom – Militant – Nationaler Widerstand“, schallt es am 12. April 2008 durch Stolberg. Rund 800 Neonazis, darunter etwa die Hälfte „Autonome Nationalisten“ (AN), sind aufmarschiert, um einem von einen Migranten erstochen Heranwachsenden zu „gedenken“, den die rechte Szene entgegen der Realität und der Bitten der Eltern zum „Kameraden“ und „Märtyrer“ verklärt. Zu Beginn des Aufmarsches kommt es zu heftigen Rangeleien zwischen den AN, die sich ähnlich wie Linksautonome zu einem „Schwarzen Block“ formiert haben, und behelmten Polizisten. Aus dem „Block“ heraus fliegen Feuerwerkskörper auf Polizisten und Journalisten, 31 Rechtsextremisten werden in Gewahrsam genommen. Wegen der Bluttat marschierten zudem am 5. April 170 und am 26. April 450 Rechtsextremisten und Neonazis gemeinsam mit NPD-Politikern – u.a. Parteichef Udo Voigt – auf. Migranten wurde entgegen geschrieen: „Wir kriegen Euch alle!“ Und: „Türken haben Namen und Adressen, kein Vergeben, kein Vergessen!“

Neonazis und rechte Aktivitäten sind im Kreis Aachen heute für Jugendliche oft schon zur Normalität geworden. Diese Erkenntnis geht auf eine empirische Untersuchung im Rahmen des Projektes „Miteinander im Kreis Aachen – gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ zurück. Befragt wurden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 11 bis 26 Jahren in Herzogenrath, Monschau, Roetgen, Simmerath und Stolberg. Dies geschah von September bis November 2007. Für die Befragten gehören demnach Begegnungen mit rechtsextremen Altersgenossen zum Alltag. Das Gros der Jugendlichen kennt zudem rechtsextreme Aktivitäten aus eigener Erfahrung. Auf Dorffesten und Beatbällen seien Neonazis etwa als größere Gruppe präsent, würden Außenstehende – egal ob Migranten oder Deutsche – bedrohen, einschüchtern oder gar attackieren.

Der Landesverfassungsschutz wies schon Mitte 2005 darauf hin, dass eine der aktivsten Neonaziszenen innerhalb von ganz NRW in der Region Aachen und Düren existiert. Unterdessen sind die Aktivitäten der rechten Szene weiter angestiegen. Auffallend ist, dass sich ähnlich wie im gesamten Bundesgebiet auch in der Region neben Jungen auch Mädchen der Braunszene anschließen. Rechtsextremismus ist aber kein Jugendphänomen. Da junge Rechtsextremisten jedoch durch ihren Aktivismus auffallen, werden sie stärker wahrgenommen. In der Gesamtregion verzeichnete die Polizei von 2006 auf 2007 einen Anstieg bei rechten Straf- und Gewalttaten um fast 30 Prozent, Tendenz: weiter ansteigend! Die Polizei geht davon aus, dass es in der Region Aachen, Heinsberg und Düren derzeit 150 bis 170 in NPD, DVU und „Kameradschaften“ organisierte Rechtsextremisten gibt. Nicht mitgezählt sind dabei junge Mitläufer, rechtsextrem oder fremdenfeindlich denkende Menschen ohne Parteizugehörigkeit sowie Mitglieder der rechtsradikalen Parteien „Die Republikaner“ (REP) und „Bürgerbewegung Pro NRW“.

Obschon „Pro NRW“ angekündigt hat, einen Kreisverband Aachen zu gründen, ist dies noch nicht passiert (Stand: Februar 2009). Die REP haben bei den Kommunalwahlen 2004 drei Sitze im Rat der Stadt Alsdorf und zwei im Kreistag Aachen errungen. Die DVU konnte im Stolberger Stadtrat einen Sitz erringen, die NPD zwei. So konnte die NPD die einzige Ratsfraktion der Partei in NRW bilden. Stolberg gilt in der Region als „braune Hochburg“, wobei man den Negativruf wegen der starken Aktivitäten der NPD im Kreis Düren zeitweise einbüßte. Die Dürener Szene wirkt unterdessen stark auf jene in Stadt und Kreis Aachen ein.

Beispiel: Als im April 2008 in Stolberg der 19-Jährige bei einem Streit erstochen wurde, missbrauchten Neonazis und NPD das Opfer für drei „Trauermärsche“ (s.o.). Entgegen der Realität verklärten der NPD-Chef aus Düren, Ingo Haller (Jahrgang 1972), und Neonazis das Opfer zum „Kameraden“ und „Märtyrer“. Der Aachener NPD-Kreischef und Stolberger Ratsherr, Willibert Kunkel (Jahrgang 1950), bestritt indes, dass das Opfer der rechten Szene angehört habe. Nicht Kunkel, wohl aber Haller hat rund um den Todestag bis 2018 Aufmärsche gegen „kriminelle Ausländer“ angemeldet.

Aufmärsche, Auftritte rechter Musiker und Rednerabende mit NPD-Kadern sowie 2005 die Feier des 40. Geburtstages des NPD-Bundesverbandes in Stolberg mit fast 300 Gästen – längst existiert eine braune „Erlebniswelt“ vor Ort. Junge „Kameraden“ und Mitläufer zieht dies an. Sie schließen sich auch „Kameradschaften“ an, etwa der eng mit der NPD verwobenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL). Andere Neonazi-Gruppen nennen sich „Nationaler Widerstand Herzogenrath“ (NWH), „Freie Nationalisten Euskirchen“ (FNE), „Nationale Aktivisten Alsdorf“ (NAA) und „Volkssturm Rheinland“ (VSR). Teilweise sind Mitglieder jener Gruppen durch Bedrohungen und Gewalttaten, Sprüh- und Aufkleberaktionen aufgefallen. Ein neues Phänomen sind die „Autonomen Nationalisten“ (AN).

AN kleiden sich wie Linksautonome und übernehmen moderne Dresscodes aus der Jugendkultur und dem Hooligan-Milieu. Vom Äußeren her sind sie kaum als Neonazis zu erkennen. AN waren u.a. 2007 an einem Angriff von rund 15 vermummten und mit Knüppeln bewaffneten Neonazis auf Besucher eines Antifa-Konzertes in Stolberg mit drei verletzten Mädchen und dem Angriff von 30 bis 40 Neonazis auf eine Antifa-Demonstration am 27. März 2008 am Elisenbrunnen in Aachen beteiligt. Unter letztgenannten Angreifern bzw. unter den in Tatortnähe von der Polizei gestellten Verdächtigen waren auch hochrangige NPD- und KAL-Funktionäre aus Düren, etwa der Jugendbeauftragte des NPD-Kreisverbandes Düren (wohnhaft in Herzogenrath), zwei Beisitzer des Vorstandes besagten Kreisverbandes sowie René Laube (Jahrgang 1980), einschlägig vorbestrafter „Kameradschaftsführer“ der KAL und zugleich stellvertretender Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Düren.

Auch daran erkennt man, wie stark Vertreter der Dürener Szene in der Gesamtregion präsent sind. Während etwa der seit 1999 in der Stolberger Kommunalpolitik aktive Kunkel bis Juli 2008 noch Beisitzer im NRW-Landesvorstand der NPD war, verlor der relativ erfahrene NPD-Kader sein Amt im Landesvorstand – der extrem aktivistisch und radikaler auftretende, aber ohne größere kommunalpolitische Erfahrung agierende Haller indes wurde Beisitzer im Landesvorstand und stellvertretender NRW-Organisationsleiter. Haller kooperiert zudem mit rechtsextremen, bisweilen offen antisemitisch auftretenden Russlanddeutschen aus der Region, die unter dem Namen „Russlanddeutsche Konservativen“ bzw. „Schutzgemeinschaft ‚Deutsche Heimat’ der Deutschen aus Russland“ auftreten. Zum Teil werden diese auch bundesweit aktiven Vereine von Personen geleitet, die auch dem „Arbeitskreis Russlanddeutscher in der NPD“ angehören. Der Vorsitzende der „Schutzgemeinschaft“ ist Johann Thießen. Er lebt in Hürtgenwald, ist NPD-Mitglied und soll laut Antifa Düren im August 2007 die „Elterninitiative Düren e.V.“ mit gegründet und zu Beginn auch das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden bekleidet haben.

Rechtsextreme Parteien und Neonazi-Gruppen wie die „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) – die entgegen ihres an den heutigen Kreis Aachen erinnernden Namen derzeit stärker in Düren aktiv ist – haben seit dem Jahre 2005 nicht nur eine Vielzahl von oft konspirativ vorbereiteten Veranstaltungen abgehalten. Auch an Schulen und im Internet versuchen sie neue Mitglieder zu werben. Man verspricht Interessenten und Mitläufern fast familiär anmutende „Kameradschaft“; man nennt sich schlicht „Nationalisten“, „nonkonforme Patrioten“ oder „Nationale Sozialisten“ und will für ein angeblich besseres Deutschland kämpfen, das jedoch der Nazizeit nahe käme. Überall in der Region stößt man auf teilweise sehr modern und unverfänglich gestaltete Aufkleber aus der rechten Szene oder Grafitti, mit denen Neonazis für eigene Homepages („Weltnetzseiten“) werben oder Migranten, Nazigegner und Juden verunglimpfen. Auf der KAL-Homepage war Anfang 2007 u.a. ein Text erschienen, in dem die Neonazis der Antifa zwecks Anreise zu einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ Buchenwald „einen alten Viehwagon“ empfohlen hatten. Die KAL würde sich bereit erklären, auch „das Wachpersonal zu stellen,“ hieß es weiter.

Was in den Köpfen junger Neonazis in Sachen Leugnung des Holocausts und Geschichtsrevisionismus vorgeht, illustriert eine Passage eines Aktionsberichtes der KAL aus 2009 über die Teilnahme an dem größten deutschen Neonaziaufmarsch, der jährlich im Februar rund um den Tag der Bombenangriffe auf Dresden als „Trauermarsch“ zelebriert wird: „Es [galt] den Opfern eines Holocausts zu gedenken, der in Dresden einen der Höhepunkte erlitt. Nach den kommunistischen Völkermorden, dürfte der Bombenterror in Dresden, einer der gröβten Kriegsverbrechen neuzeitlicher Geschichte sein. Kein Lehramt darf heute über Mordorgien an der deutschen Bevölkerung unterrichten. Kein ‚deutsches’ Schulbuch zeigt seit Kriegsende einen objektiven Bericht über den Hergang des II. WK.” Der „autonom- nationalistische“ NWH schrieb auf seiner Homepage über die Meldung, dass immer mehr rechtsextreme Straftaten registriert würden, dies sei eine „propagandistische Lüge“ sowie eine „Fälschung von Tatsachen […], um uns in die Tradition von, in ihren Augen, verbrecherischen Organisationen zu stellen und uns so zu Diskreditieren. Das Einzige was jedoch ‚traditionell’ enden wird, ist der Kampf gegen eben Jene!“ Neonazi-Gruppen wie KAL und NWH sehen sich in der Tradition der SA.

In der Nordeifel, aber auch Aachen (Richterich/Laurensberg, Eilendorf und Walheim/Kornelimünster) gibt es Jugendliche oder (Schul-)Cliquen, die eine Affinität zur rechten Szene und Rechtsrock haben. Oft gibt es neben jenen „Mischszenen“ auch eigene Neonazi-Freundeskreise, die Teil der organisierten Strukturen und Mitglieder von „Kameradschaften“, AN oder NPD sind. So kam es etwa in den benachbarten Aachener Ortsteilen Richterich und Laurensberg in den Jahren 2007/2008 innerhalb sehr gemischter Cliquen zu dem Verwenden rechter Symbole, ausländerfeindlicher Parolen u.ä. Höhepunkt jener Umtriebe war 2008 das gemeinsame Auftreten solcher Cliquen, in denen sowohl Neonazis, Mitläufer und „normale“ Jugendliche aktiv waren, auf Karnevalsfeiern und bei Besuchen des Straßenkarnevals in Aachen. Dabei wollten Neonazis und „normale“ Jugendlichen gemeinsam „Zecken jagen“ bzw. „Zecken klatschen“. Teilweise zeigten diese Jugendlichen später gemeinsam mit Neonazis auch den Hitler-Gruß inmitten der feiernden Erwachsenen im Festzelt in Richterich.

Jene „Mischcliquen“ nutzten 2008 auch die EM-Feiern auf Aachens „Kneipenmeile“ Pontstraße, um sich nationalistisch und ausländerfeindlich bis offen nationalsozialistisch darzustellen und gemeinsam mit älteren Hooligans Randale anzuzetteln. Teile jener Jugendlichen und jungen Erwachsenen stamm(t)en aus dem Fanumfeld von Alemannia Aachen und der früheren „Nachwuchs“-Gruppe der „Aachen Ultras“ (ACU). Innerhalb oder am Rande der unpolitisch auftretenden ACU waren zeitweise Neonazis und Mitläufer aktiv. Von Anfang bis Mitte 2007 war die „Nachwuchs“-Gruppe der ACU rund 50 Personen stark, allesamt unter 18 Jahre alt. Die Gruppe wurde Mitte 2007 dann wegen Unkontrollierbarkeit von den Alt-„Ultras“ aufgelöst. Mindestens 15, wahrscheinlich aber mehr jener „Nachwuchs“-Mitglieder sind heute in der Neonazi-Szene anzutreffen – d.h. Neonazis haben in dieser „Mischszene“ und dem auf „Fußball statt Politik“ konzentrierten Fan-Zusammenschluss rekrutiert, bevor die ACU die Notbremse zogen. [© Michael Klarmann; für VHS]


1 Antwort auf “Rechts: Wenn Rechtsextremismus langsam normal wird”


  1. 1 Wayne 24. März 2009 um 11:25 Uhr

    Die Jugendgruppe „nAChwUchs“ der Aachen Ultras wurde nicht aufgelöst.

    zum benannten zeitpunkt doch. unterdessen wurde eine neue „nachwuchs-gruppe“ gegründet, die wohl von den umtrieben seinerzeit verschohnt bleibt bisher… mik

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