Rechts: Mär und Märtyrer…

In Stolberg (Kreis Aachen) wollen Neonazis einen Märtyrerkult etablieren. Zuerst wurde ein von einem Migranten erstochener 19-Jähriger zum „Kameraden“ verklärt. Nun soll der Tote nur noch ein „Symbol für alle deutschen Opfer [der] Ausländergewalt“ sein. Solche Mythen sind neben dem Kampf gegen alles „Undeutsche“ ein weiteres Lebenselixier der Braunszene.

„Wer Wind säht, wird Sturm ernten. Heil Stolberg!“ ruft Ingo Haller am 3. April 2009 in der Abenddämmerung den rund 80 „Kameraden“ zu. Es klingt provokativ nach seinem Sieg über die Behörden, die mit allerlei Auflagen versuchten, die Aufmarsch-Pläne des Dürener NPD-Kreischefs zu durchkreuzen. Nach Haller spricht Axel Reitz (Köln) zu den „lieben Kameradinnen und Kameraden“. Bald schon hat der Volksverhetzer sich in Rage geredet und erinnert stilistisch an Goebbels und Hitler. Reitz bellt fast, dass die „Nationalisten“ eines Tages selbst „Fackeln“ seien, die „all das Kranke, das Dekadente […] aus unserem Volkskörper raus […] brennen“ würden. Kurz danach treten die Neonazis in Formation an. Durch die Dunkelheit gellt Hallers Befehl: „Fackeln an!“

Anlässlich des Todestages des 19-Jährigen haben am Samstag, 4. April, rund 530 Neonazis, und am Freitag, 3. April, rund 80 Neonazis in Stolberg demonstriert. Nachdem der Tod des Heranwachsenden schon 2008 zu drei Aufmärschen mit 170, 800 und 450 Teilnehmern in der Kleinstadt geführt hatte, versuchen NPD und Neonazis den Märtyrerkult weiter zu etablieren – ähnlich jenem, der im schwedischen Salem exerziert wird. In dem Vorort von Stockholm „gedenken“ mehrere hundert, bisweilen auch tausend Neonazis aus ganz Europa jährlich mit „Fackelmärschen“ eines Jugendlichen. Er kam im Dezember 2000 bei einer Auseinandersetzung 
mit Migranten ums Leben. Von der
 Braunszene wird er als „Nationalist“ bezeichnet. Indes hat der Vater des Toten betont, sein Sohn sei kein Neonazi gewesen.

Auch das Opfer von Stolberg hat die rechte Szene anfangs entgegen der Realität und der Bitten der Eltern zum „Kameraden“ und „Märtyrer“ verklärt. Während Neonazis den Heranwachsenden bis heute als „Kameraden“ ansehen, rückte die NPD davon wieder ab. „Der Marsch ist […] eine Art Symbol für alle deutschen Opfer, die durch Ausländergewalt umkamen,“ hatte Haller im März 2009 mitgeteilt. Weil die Polizei indes Hallers ursprüngliche Wegstrecke für den 4. April nicht anerkannt hatte, konnte ein breites gesellschaftliches Bündnis im Innenstadtbereich Demonstrationen, Kundgebungen und Veranstaltungen mit bis zu 2.500 Teilnehmern abhalten. Den Neonazimarsch konnte man so zumindest am 4. April im Zentrum verhindern. Jedoch hatte Haller zuvor auch noch den „Fackelmarsch“ in der Innenstadt am Abend des 3. April angemeldet. Haller plant bis ins Jahr 2018 im April je einen „Trauer-“ und „Fackelmarsch“.

„Besonders eindrucksvoll waren die pompösen Trauerfeierlichkeiten für die Gefallenen, die zu einem zentralen Element des faschistischen Rituals geworden waren,“ schreibt Stanley Payne in seinem Buch „Geschichte des Faschismus“. Jene Rituale „vereinten die Lebenden und die Toten in einem Tribut an den Mut und die Überwindung bloßer Sterblichkeit.“ Schon die NSDAP verklärte Tote zu „Helden“. Und in der „Bewegung“ eines gescheiterten Postkartenmalers taugte selbst ein kleinkrimineller Hilfsarbeiter und SA-Sturmführer wie Horst Wessel zum „Märtyrer“, nachdem er 1930 zwischen den Eckpunkten des politisches Kampfes, der schlichten Mietschulden und des Rotlicht-Milieus von Kommunisten umgebracht worden war.

Versuche, verstorbene oder ermordete „Kameraden“ der Neonazi-Szene zu „Märtyrern“ zu stilisieren, schlugen in Deutschland bislang fehl. Dem homosexuellen Michael Kühnen blieb diese Rolle verwehrt. Der 1991 in Dresden erschossene Rainer Sonntag wurde Opfer der eigenen Umtriebe in Zuhälterkreisen und war nur für wenige Jahre ein „Blutzeuge der Bewegung“. Letztlich taugte seit 1987 nur der Ex-Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß dazu, als Integrationsfigur des rechten Lagers zu dienen. Dazu kamen „Heldengedenken“ wie auf dem Soldatenfriedhof Halbe. Sowohl letztgenanntes, als auch die Heß-Märsche fielen einem Quasi-Verbot zum Opfer. Derweil gewinnen die braunen Aufmärsche im Februar zum Jahrestag des Bombardements auf Dresden 1945 an Popularität – mit alljährlich mehreren tausend Teilnehmern aus ganz Europa.

„Stolberg sollte ähnlich wie Dresden […] zum festen Termin werden,“ schreibt ein Neonazi in einem Szeneforum. Andere Neonazis stellten während des „Salem-Marsches“ 2008 eine Verbindung zu Stolberg her. Laut Neonazi-Veröffentlichungen sagte Anfang Dezember 2008 einer der ihren in Schweden: „Am 4. April diesen Jahres töteten Ausländer in Stolberg bei Aachen einen jungen Nationalisten, der auf dem Heimweg von einer NPD-Veranstaltung war. […] Er musste sterben, weil er sich zu Deutschland und seinem Volk bekannte.“

Im Stolberger Stadtrat sitzen zwei NPD-Männer und ein DVU-Mitglied. Der NPD-Ratsmann Willibert Kunkel hatte Stunden nach der Tat beteuert, der Tote habe mit der rechten Szene nichts zu tun gehabt. Tatsache ist, dass das spätere Todesopfer gemeinsam mit einem befreundeten NPD-Mitglied – es war zuvor auf besagter NPD-Versammlung – unterwegs war. Tatsache ist ebenso, dass der 19-Jährige zuvor schon wegen eines Mädchens Streit mit Personen aus der Gruppe hatte, auf die man in jener Nacht traf. Bei dem Aufeinandertreffen brach jener Streit wieder aus und eskalierte. Am Ende lag der 19-Jährige von mehreren Messerstichen getroffen am Boden und verstarb kurz darauf. Der Täter war ein 18-Jähriger mit libanesischen Wurzeln.

Ungeachtet Kunkels Worte hatte schon zwei bis drei Stunden nach der Bluttat innerhalb der Braunszene eine Telefon- und E-Mail-Kette eingesetzt. Rund acht Stunden später berichteten Szene-Websites, ein „Kamerad“, „NPD-Mitglied“ oder „NPD-Sympathisant“ sei in der „Stolberger Blutnacht“ von einem Migranten ermordet worden. Nachdem Freunde und Eltern des Opfers sich Tage später die „Lügen“ über ihren Freund und Sohn verbaten und mitteilten, dieser sei weder Rassist, noch „Kamerad“ gewesen, wurde in Szeneforen gegen die „debilen“ und „vom System umerzogenen“ Eltern gehetzt. Das Neonazi-Portal „Altermedia“ nannte die Eltern „charakterloses Lumpentum“, weil sie angeblich die politische Gesinnung ihres Kindes verrieten.

Haller hatte eifrig an der Verklärung und Schaffung eines braunen Wallfahrtsortes mitgewirkt. Ende April 2008 sprach er im Interview mit dem Projekt „Volksfront Medien“ noch vom ermordeten „Kameraden“. Das Opfer „war Nationalist“, ergänzte Haller in sich widersprechenden Passagen, denn es „fühlte sich der nationalen Bewegung immer näher.“ Dass der 19-Jährige nicht dem rechten Lager angehörte und viele Migranten zum Freund hatte, wie es Eltern und Freunde sagten, sei „alles Humbug“. Ungeachtet seiner Rede vom „Humbug“ erklärte Haller dennoch, das Opfer habe kurz vor der Tat damit begonnen, „aufzuräumen in seinem privaten Umfeld“ und seine Kontakte zu Migranten abgebrochen. „Ich nehme auch an,“ nahm Haller an, wenn der Tote „noch drei Monate mehr Zeit gehabt hätte, hätte er auf jeden Fall den Schritt gewagt, sich ner Kameradschaft oder sonst was anzuschließen.“

Die Aufmärsche in Stolberg sind zu einem Quasi-„Heldengedenken“ mit bundesweiter Ausstrahlung ausgeartet. In ihrem Rahmen hielten „Kameraden“ bei den Kundgebungen am Tatort militärisch anmutende Flaggenzeremonien ähnlich jener in Nazideutschland ab. Schon 2008 hatte der einschlägig vorbestrafte Anführer der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und stellvertretende Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Düren, René Laube, bei einem „Trauermarsch“ am Tatort Haltung angenommen und militärisch korrekt für den im Kampf gefallenen – angeblichen! – „Kameraden“ salutiert. Während des „Fackelmarsches“ am Abend des 3. April 2009 trug der KAL-Kopf eine riesige schwarze Trauerflagge mit dem Namen des 19-jährigen Opfers wie eine Monstranz vor den „Kameraden“ her.

Vier der fünf bisherigen „Trauermärsche“ fanden zweigeteilt statt: die erste Hälfte schweigend oder zu getragener Musik, die zweite geprägt durch aggressive Fremdenfeindlichkeit. So skandierten die Nachwuchs-Menschenschänder Parolen wie „Kriminelle Ausländer raus! Und der Rest auch!“ Migranten wurde in ihren Häusern und Läden zugerufen: „Wir kriegen Euch alle!“ Und Haller verglich in einer Rede am 4. April 2009 vor den rund 530 „Kameraden“ den „Nationalen Widerstand“ mit einem Bauer, der sein Land bestellt. Gelegentlich müsse er dann auch „Unkrautvernichter“ einsetzen, um „unerwünschte Gäste“ – gemeint waren der Analogie folgend Migranten – zu bekämpfen. Und seine Rede beendete Haller abermals mit: „Heil Stolberg!“ [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine]


3 Antworten auf “Rechts: Mär und Märtyrer…”


  1. 1 Haller Ingo 12. April 2009 um 23:49 Uhr

    nicht 2000 2008 bitte schön

    wer lesen kann ist klar im vorteil. mik

  2. 2 Peter 13. April 2009 um 11:07 Uhr

    Da sieht man mal, wie krank die im Kopp sind!

  3. 3 Klar, Mann? 11. Oktober 2009 um 16:20 Uhr

    Weil Stolberg erwähnt wird – und weil es sehr gut passt:

    http://npd-blog.info/2009/10/11/hass-wird-als-notwehr-verkauft/

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