Geschichte: Aus Auschwitz wegkommen

Fred Schwarz, ein 15 jähriger, jüdischer Junge in Wien, schlägt sich 1938 nach Amsterdam durch. Aber im Mai 1940 marschiert Hitlers Wehrmacht in Holland ein. Schon im Juli wird der Junge ins Lager Westerbork verschleppt, dann in das Getto Theresienstadt und schließlich nach Auschwitz. In seinem Erinnerungsbuch „Züge auf falschem Gleis“ schildert Schwarz seine Erlebnisse. Teile seiner Erinnerungen flossen in den Dokumentarfilm „Westerbork-Auschwitz“ ein. Nachfolgend eine aktualisierte Reportage mit Interviewpassagen aus 2005.

Aachen. „Wie grausam das war, wenn eine Mutter vor Glück weinen musste, wenn ihr Kind fort war,“ sagt Fred Schwarz. Als er und sein drei Jahre älterer Bruder Fritz sie 1938 aus dem Exil anriefen, habe sie „geweint vor Glück“. Neun Jahre seien sie dann von der Mutter getrennt gewesen, davon habe sie sieben Jahre gar nicht gewusst, ob ihre Söhne überhaupt noch lebten, erzählt der 86-Jährige vor rund 40 Zuhörern in der Volkshochschule (VHS). Fritz sei für ihn aber ein „idealer Reisebegleiter“ gewesen – jedoch war es für die beiden jüdischen Jungen „eine Reise durch die Hölle“: Flucht, Exil, das niederländische Lager Westerbork und schließlich Auschwitz.

Zweieinhalb Stunden vor dem Vortrag: Fred Schwarz sitzt im Ledersofa eines Hotelfoyers. Wenn er spricht, hört man deutlich seine Herkunft. Der Mann, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs in der Nähe vom Amsterdam lebt, spricht immer noch einen wienerischen Dialekt. Anfang der 1990er Jahre schrieb er seine Erinnerungen auf. „Züge auf falschem Gleis“ heißt das Buch, das in einem kleinen Wiener Verlag erschienen ist. Es ist die Geschichte von ihm und Fritz – und eine Liebesgeschichte. Denn im Lager Westerbork lernte Schwarz das Mädchen Carry kennen. Beide verliebten sich ineinander, verloren sich aus den Augen und trafen sich kurz nach dem Krieg in Eindhoven zufällig wieder. Vor rund 65 Jahren heirateten sie.

März 1938. Adolf Hitler holt Österreich, wie er es damals ausdrückte, „heim ins Reich.“ Juden werden nun auch in Hitlers Heimat rechtlos. Im Herbst greifen in Wien Hitlerjungen den Bruder von Fred Schwarz auf und bringen ihn zur Polizei. Vater Schwarz, ein Rechtsanwalt, muss den Behörden unterschreiben, dass Fritz das Land rasch verlässt. Über Köln flüchtet Fritz also nach Amsterdam. Ende 1938 folgt Fred dann seinem älteren Bruder. Während nahezu zeitgleich in der Reichspogromnacht Synagogen brennen, Juden verprügelt und inhaftiert werden, hilft die deutsche Grenzpolizei dem damals 15-Jährigen in Kaldenkirchen, in die Niederlande zu gelangen. Die deutschen Beamten geben ihm sogar Tipps, wie er den niederländischen Grenzern nicht in die Hände fällt. Was sind das für Deutsche?

„Es waren Einzelfälle, die uns geholfen haben. Aber wenn einem einer ein Stückchen Brot gibt, ist das mehr wert, als wenn einer einem einen Tritt gibt. Man hat im Lauf der Jahre eigentlich viel zu wenig Leute gesehen oder gefunden, die einem geholfen haben. Aber, es wurde geholfen. Ich habe das Buch auch nicht geschrieben, um zu erzählen, wie schrecklich es in Auschwitz war. Ich habe verhältnismäßig wenig über Auschwitz geschrieben, weil alle anderen Sachen eigentlich viel wichtiger sind. Was in Auschwitz geschehen ist, das weiß jeder. Aber Jugendlichen oder Erwachsenen zu erzählen, wie alles langsam gekommen ist, wie alles schlechter und schwieriger wurde – das ist wichtig!“

Fast anderthalb Jahre leben Fred Schwarz und sein Bruder in Amsterdam, als 1940 die Deutschen einmarschieren. Sechs Wochen später werden die ersten Juden in das ehemalige Flüchtlingslager Westerbork verschleppt. Am 5. Juli 1940 kommen auch die Schwarz-Brüder dorthin. „Es war eigentlich ganz hübsch,“ meint Fred Schwarz in seiner eigentümlichen Art von Ironie und Sarkasmus über das Durchgangslager. „Es sollte den Leuten in Westerbork nicht schlecht gehen, sie sollten denken, dass es ihnen im Osten auch so gut geht,“ umschreibt er das Perfide. Zwar sind die Unterkünfte schlecht, aber Juden werden nicht geschlagen und es gibt sogar ein selbst organisiertes Revuetheater sowie ein Krankenhaus. Juden sollen dort genesen – damit sie den Weg in die Vernichtungslager überstehen können.

Fred und Carry, „die gute Fee“, lernen sich 1943 in Westerbork kennen und schmieden sogar Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Am 3. September 1944 wird das Lager aber wegen der anrückenden US-Armee geräumt. In Viehwagons werden Fritz, Fred und Carry nach Theresienstadt transportiert. Wagons hätten sie zuvor „so oft von außen gesehen, aber nie von innen.“ Es ist dunkel, stickig und es gibt kaum Sehschlitze. Ein niederländischer Bahnhelfer ruft ihnen am 4. September 1944 am Grenzbahnhof zu: „Kopf hoch! Die Amerikaner sind schon in Maastricht!“

„Es war typisch für die Umstände in Holland, dass der Mann das rief. Aber er stellte danach die Weiche für den deutschen Zug. So ging das. Wenn man ein Land in das Guinnesbuch der Rekorde einschreiben könnte, dann müsste man Holland dreimal einschreiben. Zum ersten gab es in Holland von allen besetzten Gebieten die meisten Freiwilligen für die Waffen-SS. Zum zweiten, weil in Holland prozentual beiweiten die meisten Juden deportiert und ergo umgekommen sind. Aber zum dritten wurden in Holland 20.000 Juden von der Bevölkerung versteckt. Vielleicht wären es noch 30.000 oder 35.000 gewesen, wenn sie nicht verraten oder durch unglückliche Zufälle entdeckt worden wären.“

Theresienstadt. Statt wie früher 3.000 Einwohner leben im Sommer 1943 rund 75.000 Juden in der ehemaligen Festungsstadt. Als Fritz, Fred und Carry 1944 in dem Ghetto ankommen, ist das Essen besser, als dass, was Juden in anderen Lagern erhalten. „Das Essen war gut, aber zu wenig, denn es wurde auf Briefwaagen abgewogen,“ sagt der 82-Jährige am Abend in der VHS. Ein Mittagessen wiegt insgesamt nur etwa 150 Gramm. Als die Nazis dann Ende September vorgeben, einen Transport für ein neues Arbeitslager in Dresden zusammen zu stellen, werden die Brüder per Zug abtransportiert. Carry bleibt in Theresienstadt. In Dresden jedoch zwingen die Nazis einige der Juden, Ansichtskarten an Verwandte in das Ghetto zu senden. Dresden sei schön, man solle sich auch freiwillig dorthin transportieren lassen, müssen sie schreiben. Später wird klar, der Transport hat nur wegen jener Karten gestoppt. Er endet tatsächlich in Auschwitz. Weitere Züge mit „Freiwilligen“ aus Theresienstadt seien danach direkt in das Vernichtungslager gerollt, sagt Schwarz.

Auch wenn der Senior noch im Hotel erklärt hat, die Menschen wüssten alles über Auschwitz, berichtet er nun doch mit eindringlicher Stimme über die Erniedrigungen und über SS-Männer, die Juden zurufen, „das Quirl da im Rauch“ seien die Verwandten, von denen sie sich gerade verabschiedet hätten. Schwarz erzählt von der Selektion an der Rampe – entweder Vergasung oder Arbeitsdienst. Beide Brüder gelten als arbeitstauglich. Aber, sagt Schwarz, „wir wussten schnell, die einzige Möglichkeit zu Überleben war, aus Auschwitz wegzukommen.“ Ein sie ständig erniedrigender „SS-Schutzengel“, wie er seinen Peiniger heute sarkastisch nennt, kommandiert die Brüder schließlich ab ins Arbeitslager einer Munitionsfabrik im thüringischen Meuselwitz. Nach Bombenangriffen rücken sie dort auch zum Räumen von Blindgängern aus. Und in den Wirren der letzten Kriegstage können Fritz und Fred Schwarz schließlich fliehen. Nach der Kapitulation pflegt eine deutsche Krankenschwester die beiden an Typhus erkrankten Brüder im Krankenhaus in Plauen wieder gesund. Vater und Mutter überleben, weil sie nach Ägypten geflohen waren.

1952 bekam Fred Schwarz das Angebot, für einen internationalen Metallkonzern zu arbeiten. Heute sagt er darüber: „Ich wusste, dass ich dabei viel mit Deutschen zu tun haben werde. Meine Frau und ich haben uns das reiflich überlegt: Wollen wir oder wollen wir nicht mit Deutschen etwas anfangen? Und dann haben wir gesagt: Ja, warum nicht.“ Gedacht hätten sie dabei auch an die wenigen Deutschen, die ihnen geholfen hätten. Bis zu seiner Pensionierung fungierte Schwarz als Seniorprokurist des Großkonzerns, zeitweise mit eigenen Büros in Köln und Düsseldorf. [© Michael Klarmann, für Ox-Fanzine]

Fred Schwarz: Züge auf falschem Gleis. Verlag Der Apfel Wien. 352 Seiten mit Fotos, Zeichnungen und Plänen. Zirka 15 bis 20 Euro, teilweise auch in Antiquariaten.