Rechts: (Kein) Mitleid mit den Erzeugern von Stolberger Todesopfer

Stolberg. Nach dem Beitrag in der Sendung „Report Mainz“ über den politischen Missbrauch eines Todesopfers in Stolberg durch Neonazi- und NPD-Kreise, hetzen und pöbeln Neonazis im Internet weiter gegen die Familie des Opfers und verbreiten weiter Lügen über sie. Den Eltern, die sich in der Sendung erstmals gegenüber Medienvertretern äußerten [1], wird zudem in verschwörungstheoretischer Weise unterstellt, die – angeblich – politisch rechten Ansichten ihres Kindes zu verleugnen, um in der „politisch korrekten“ Gesellschaft selbst nicht angefeindet zu werden.

Die Eltern des 19-jährigen Berufsschülers, der im April 2008 in Stolberg Opfer einer Bluttat wurde, hatten in dem Beitrag [1] die NPD und Neonazikreise aufgefordert, die trauernde Familie endlich in Ruhe zu lassen und das Andenken an den verstorbenen Sohn nicht weiter zu beschmutzen. Neonazis hatten das von einem Migranten erstochene Opfer anfangs zum „Kameraden“ verklärt und bis heute fünf „Trauermärsche“ in Stolberg organisiert. Die Mutter sagte gegenüber „Report Mainz“, nach den schlimmen Erlebnissen wisse sie oft nicht, ob sie manchmal mehr Wut gegenüber dem Täter oder gegenüber den Neonazis und der NPD empfinde, die über ihren Sohn Lügen verbreitet hätten.

In Foren und auf Neonazi-Portalen werden die Eltern dafür nun wieder beschimpft. So schreibt eine Neonazi als Kommentar: „Seine Erzeuger kann man sich leider nicht aussuchen. Diese mustergültigen Gehirnwäscheopfer sind so verstrahlt, daß sie noch nicht mal merken, wie sehr sie das Andenken ihres Sohnes beschmutzen – und sie sind auch noch stolz drauf. Was für ein Pack – zum Kotzen!“ Das „autonom-nationalistische“ Netzwerk „Aktionsgruppe Rheinland“ (AGR), dass das Todesopfer bis heute zum „Kameraden“ verklärt, gaukelt sogar vor, bei dem Interview des Fernsehteams mit am Tisch der Familie gesessen zu haben.

Die AGR schreibt: „[D]ie Worte von Kevins Mutter sind auch sehr schön zusammengeschnitten worden. Bedauerlicherweise meint sie mit ‚all den Lügen, die verbreitet werden’ nicht in erster Linie national gesinnte Deutsche, wie es durch den Schnitt vermittelt werden soll, sondern vor allem die Medien, welche die Tat wieder herunterspielen wollen, wie man anderen Aussagen von ihr entnehmen kann.“ Bezeichnender AGR-Schlusssatz zum passenden Text auf deren Homepage: „Unser aller Mitleid [sic!] für die Familie von Kevin!“

„Report Mainz“ hatte aus einem Szene-Video die Rede des heutigen NPD-Landratskandidaten, Axel Reitz, zitiert. Dieser sagte am 26. April 2008 in Stolberg: „Das Blut von Kevin, das stellvertretend für unser Volk geflossen ist, ist der beste Kitt, der uns zusammenschweißen wird, der uns all die Unterdrückung, all die Schikane, all den Terror des Systems überstehen lässt und uns wieder aufrichten lässt ein neues Deutschland…“

Das Zitat unterstreicht teilweise, dass das Opfer und die Bluttat nicht nur politisch benutzt werden, um aggressiven Fremdenhass auszuleben, sondern beides ebenso ein integratives PR-Element für den „Nationalen Widerstand“ darstellt. „Besonders eindrucksvoll waren die pompösen Trauerfeierlichkeiten für die Gefallenen, die zu einem zentralen Element des faschistischen Rituals geworden waren,“ schrieb etwa Stanley Payne in seinem Buch „Geschichte des Faschismus“.

Auch Reitz hat sich sehr rasch mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet. Offenbar sieht der Neonazi sich gemüßigt, „Kameraden“ weiterhin auf die künstlich von regionalen Neonazi-Kreisen und NPD-Kadern, teilweise aus reinen Profilierungsgründen initiierte Märtyrer-Geschichte einzuschwören: „Die Erfahrung lehrte uns, dass auch Angehörige unserer Zusammenhänge gegen diese sentimentale Mitleidstour [der Eltern] nicht gefeit sind und sich deshalb zu Äußerungen hinreißen lassen, die Unverständnis über die zum Andenken an Kevin […] veranstalteten Gedenkversammlungen zum Ausdruck bringen.

Ganz offen wurde in nationalen Kreisen schon der Ansicht gehuldigt, wir hätten dem Wunsch der Eltern nachzukommen, die Gedenkaktivitäten einzustellen. […] Sicherlich können Kevins Eltern uns leid tun und natürlich kann man ihre Reaktion menschlich nachvollziehen. Dies sollte uns aber keinesfalls zu der irrigen Ansicht verleiten, dass das Gedenken an die Ermordung von Kevin […] in irgend einer Art und Weise diskutabel wäre! Deshalb sollte ein jeder von uns dafür Sorge tragen, dass entsprechende ‚Diskussionen’ unterbleiben […].“

Unter seinem viel genutzten Internet-Namen „NPD KV UNNA / HAMM“ schreibt offenbar der Kreisvorsitzende besagten NPD-Kreisverbandes, Hans Jochen Voß, in einem Kommentar in dem Neonazi-Nachrichtenportal „Altermedia“: „Diese Eltern sind ein schönes Beispiel für unser umerzogenes, unfähiges Volk. Sie trauen sich noch nicht einmal zu trauern um ihren abgestochenen Sohn und die Schuldigen zu benennen.“

Ein Neonazi kommentiert den TV-Beitrag und die Aussagen der Eltern so: „Die Nerven des Systems und deren Hilfsbüttel – den Medien – müssen völlig blank liegen, wenn man Eltern, die ein Kind durch diese Multikultiperversionen verloren haben, für diese Zwecke einspannt und die Eltern sagen lassen, sie hätten nichts gegen Ausländer.“ [2] Ein Neonazi aus der Region kommentiert: „Es ist sprichwörtlich scheißegal was die Eltern davon halten. Sie sind schlechte Eltern wenn sie für Menschen die um ihren Sohn trauern mehr Wut empfinden als für den Mörder ihres Sohnes!“ [© Klarmann]

[1] WUT AUF TÄTER UND WUT AUF NPD…
[2] Bezeichnender Weise kommentiert der Neonazi nicht die rechtsextreme Propaganda zu dem Fall. Man könnte mit leichten Änderungen aber genau das aus seinem Kommentar herauslesen: Die Nerven der NPD und Neonazis müssen völlig blank liegen, wenn man ein Todesopfer für diese Zwecke einspannt und ihm nachträglich in den Mund legt, es habe zu Lebzeiten etwas gegen Ausländer gehabt…


6 Antworten auf “Rechts: (Kein) Mitleid mit den Erzeugern von Stolberger Todesopfer”


  1. 1 Antifaschist 10. Juni 2009 um 22:25 Uhr

    „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Keine Toleranz für Nazis.“

    Der Spruch, der u.a. auf dem Transparent der VVN-BdA steht, ist zwar nicht sehr originell, trifft es aber.

    Kann ich von Verbrechern, die ein Verbrechen für ihre Zwecke ausschlachten, Rücksichten auf irgendjemanden erwarten?

    Nein, natürlich nicht.

    Aber unser Staat toleriert die Nazis ja nicht nur – er fördert sie sogar aktiv, wenn er sie in der Nacht mit Fackeln durch ein Riesenpolizeiaufgebot geschützt durch die Straßen ziehen läßt, wo sie dann „Heil Stolberg!“, „Stolberg erwache!“ usw. von sich geben dürfen.

    Das war sicher nicht im Sinne der Mütter und Väter des Grundgesetzes – laut Artikel 139 Grundgesetz sind die allierten Kontrollratsbeschlüsse weiterhin in Kraft und damit die NSDAP, alle anderen NS-Organisationen sowie alle Nachfolgeorganisationen verboten.

    Nur mit dem Willen, dieses Verbot auch umzusetzen, hapert es ein wenig.

  2. 2 Peter 11. Juni 2009 um 18:31 Uhr

    @Antifaschist;
    Der Artikel 139 Grundgesetz greift bei den Neonazis wohl nicht, zumindest wenn man der Justiz folgt, da dieser voraussetzt, das sich eine paramilitärische nationalsozialistische Organisation gebildet hat.
    Dies dürfte beweistechnisch sehr schwierig sein zu belegen.
    Ich denke, die Beweislage ist sehr schwierig.
    Ich selber konnte der NPD schon trotz des HDJ Verbots, eine Straftat hinsichtlich der Werbung dieser Organisation nachweisen. Dies reicht allerdings rechtlich noch nicht für den Artikel 139.

  3. 3 Hempels 12. Juni 2009 um 2:24 Uhr

    Leute, Ihr müßt aufpassen.
    Der Herr Klarmann treibt sich auf Altermedia rum.
    Nicht, daß er am Ende noch zum Querfrontler wird?

    leute, ihr müsst aufpassen.
    der herr hempels treibt sich auf altermedia rum.
    er setzte dort wie im linken portal „klarmanns welt“ kommentare ab unter (mindestens) einem anderen nick.
    nicht, dass er am ende noch zum querfrontler wird? mik

  4. 4 Franz 13. Juni 2009 um 11:49 Uhr

    „Immer wieder müssen wir dieselben Lügen lesen. Die Medien berichten von einer zufälligen Begegnung, von einem Bekannten aus dem Freundeskreis.

    Es war keine Zufällige Begegnung. Drei von ihnen haben Kevin zwar zuerst zufällig an diesem Abend gesehen, aber es wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Aus reiner Langeweile oder reiner Lust auf Stress wurde erst ein Freund und dann Josef A. angerufen. Als dieser Gruppe dann komplett war machten sie sich auf die Suche. Wo kann man da von Zufällig reden. Sie haben ihn gesucht. Josef A kannte unseren Sohn auch nicht persönlich und einem gemeinsamen Freundskreis gab es auch nicht “

    Von der Seite http://www.kevin-plum.de/21.html, Worte seiner Mutter, in denen sie recht deutlich zeigt welche Lügen sie meint.
    Allgemein eine sehr krasse Seite, die einen doch deutlich mitnimmt, wenn man sie liest.

    Es ist traurig mit anzusehen, wie diese Familie weiter gedemütigt wird, um sie für den „Kampf gegen rechts“ auszubeuten. […]

    ihre plumpe, danach folgende ausländerhetze, habe ich gelöscht. aber ich erlaube mir, auf dieses zitat zu verweisen, welches in der „chronologie“ der HP vor dem von ihnen ausgewählten steht (was sie als sorgfältiger leser der HP sicherlich bemerkt haben); das zitat erklärt auch, welche art von lügen die eltern insbesondere meinen und welche sie bei „report mainz“ konkret ansprachen – und jene gemeinten lügen waren von NPD und neonazis so schnell verbreitet worden, dass sie viele medien, die „tagesthemen“ und selbst der polizeibericht anfangs wiederholten; salopp ausgedrückt kam die „ur-lüge“ nicht von den medien, sondern diese kollportierten anfangs nur jene von der NPD und von neonazis verbreitete lüge/n… (wiewohl zuzugeben ist, dass mancher kollege später – etwa bei der prozessberichterstattung – einiges hätte genauer formulieren sollen und können):

    „[In der Tatnacht] rief ein Freund unseres Sohnes ein Mitglied der NPD an und teilte diesem mit, dass sein Freund von einem Ausländer erstochen wurde. Was er mit diesem Anruf auslöste war ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Er stand selber unter Schock, musste miterleben wie unser Sohn vor seinen Augen erstochen wurde. Für dieses NPD – Mitglied kam dieser Anruf allerdings zum richtigen Zeitpunkt. Sie hatten Wochen vorher eine Demo für diesen Tag angemeldet und nahmen den Tod unseres Sohnes zum Anlass, ihm zum Märtyrer zu stilisieren. Welche Lügen in den Medien zu lesen sein würden, davon hatten wir noch keine Ahnung… […] Montag eine Nachricht, die uns noch mehr den Boden unter den Füßen wegzog. Polizei, Seelsorger und unser Pfarrer waren hier. Man teilte uns mit, dass die NPD und rechte Gruppierungen den Tod unseres Sohnes für ihre propagandischen Zwecke ausnutzten und zwei Tage zuvor eine Demo in Stolberg abgehalten hatten. Die Mitglieder behaupteten, Kevin sei einer von ihnen und man hätte schon eine neue Demo für kommenden Samstag aufgerufen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wir hatten während der ganzen Zeit Radio oder Fernsehen angemacht und von alledem nichts mitbekommen. Was wollte man uns noch alles antun?!“

    quelle: http://www.kevin-plum.de/11.html

    ansonsten verweise ich auf diese diskussion, denn was sie aufwärmen ist kalter kaffee:

    http://klarmann.blogsport.de/2009/04/09/rechts-nazionale-anti-antifa-solidaritaet/#comment-16148 [ff]

    mik

  5. 5 NPD-Ler 13. Juni 2009 um 19:37 Uhr

    Hallo Antifas und andere gegner der NPD !

    und sonst…? würde man gegner nicht mit einem GROSSEN g schreiben? mik

  6. 6 Klar, Mann? 11. Oktober 2009 um 16:20 Uhr

    Weil Stolberg erwähnt wird – und weil es sehr gut passt:

    http://npd-blog.info/2009/10/11/hass-wird-als-notwehr-verkauft/

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