Rechts: Neonationalsozialismus extrem modern

Autonomen Nationalisten, Tarnkappen-Neonazis, Nationaler Sozialismus, Antikapitalismus, Judenhass, Rassenkampf…

Dortmund, 1. Mai 2007. Seit Wochen haben die „Freien Kräfte“ und „Autonomen Nationalisten“ (AN) aus dem Ruhrgebiet die Werbetrommel gerührt für den Aufmarsch zum „Tag der Arbeit“. Auf Plakaten, Aufklebern, mit Sprüh- und Flugblattaktionen sowie via Internet ist das Motto verbreitet worden: „Gemeinsam gegen Kapitalismus! Heraus zum 1. Mai!“ Letztlich werden sich zwischen 1.500 und 1.800 Neonazis im Stadtteil Wampel zu einer Kundgebung versammeln. Angeführt wird der Marsch dorthin von den AN, die sich hinter einem rot-weiß gestreiften Transparent zu einem „Block“ formiert haben. Aufschrift in schwarzen Buchstaben: „Ob Dortmund, Erfurt oder Buxtehude – der Feind ist und bleibt der Kapitalismus!“

Auffallend oft schimmert durch, dass der Antikapitalismus der extrem modernen Nazis auch oder erst recht ein altbekanntes Feindbild meint. Zwar tragen die „Kameraden“ auch ein Transparent mit der Aufschrift „Kapitalismus zerschlagen! Für einen sozialistischen Nationalismus!“ Doch auf der Kundgebung treten „Carpe Diem“ auf. Die Kultband spielte zur Freude der meist jungen Neonazis auch ihren Szene-Hit „Europa, Jugend, Revolution“. In dem Lied geht es um „eine Macht“, „der das Geld gehört, seit viel zu langer Zeit“. Diese „Macht“ habe einst „unsere Väter aufeinander los gehetzt“. Doch: „Wir sehen, wer hinter den Kulissen steht“. Von der „versteckten Tyrannei“ werde man sich „frei“ machen.

Auf der Kundgebung fordert der Chef der niederländischen Partei NVU, Constant Kusters, in seiner Rede die „Zionisten“ in Europa auf, „ihre Koffer zu packen“ und „heim zu ziehen nach Israel“, dem „Krebsgeschwür“ im Nahen Osten. „Einmal wird abgerechnet mit diesem Volk“, ruft Kusters – und meint damit wieder die Juden. Die „Kameraden“ danken es ihm mit Zugabe-Rufen. Und während am 1. Mai 2007 in Deutschland mehrere Neonazi- und NPD-Aufmärsche stattfinden, nämlich in Dortmund, in Erfurt und im norddeutschen Vechta – in Buxtehude marschiert niemand auf.

Die Zeitung „Lotta“ wird später zu dem Fronttransparent feststellen: „Gereimt hätte sich wohl eher [nicht ‚der Kapitalismus’, sondern] ‚der Jude’.“ Das Fachportal „redok“ überschreibt eine Meldung zum angeblichen Antikapitalismus der AN mit „Ungereimte Judenhetze“. Und stellt fest: „Wenn aber ein Reim offensichtlich falsch ist, steckt Absicht dahinter: das eigentlich Gewollte soll nicht gesagt, aber gemeint sein und verstanden werden. […] Natürlich war gemeint ‚der Jude’, der zugleich offensichtlich austauschbar für ‚der Kapitalismus’ steht.“

[…] Die „Tarnkappen-Neonazis“ (RTL-Nachtjournal) selbst sehen sich als aktionistische, kämpferische „Speerspitze der Bewegung“ und glauben, sie verkörpern den „modernen NS“. Die AN bekennen sich zum Nationalsozialismus – den sie wegen zu erwartender strafrechtlicher Verfolgung „Nationaler Sozialismus“ nennen – und schmücken sich dennoch auch mit Stickern, Aufnähern und Transparenten, auf denen teils im Comic- und Grafitti-Stil „Fuck Authority“, „Revolution now“, „smash the system“ oder „Freiheit“ zu lesen ist. Widersprüche zwischen dem Selbstverständnis von Autonomie und Freiheit einerseits, dem Kampf für einen Führerstaat jedoch andererseits, werden mit unterschiedlichen Zeitfenstern begründet. In der Zeit des Kampfs gegen das „Scheißsystem“ agiert man, ähnlich wie in linken Kreisen nach Vorbild der „Direkten Aktion“, in autonomen Gruppen, autark agierenden Zellen oder als Einzelkämpfer.

Hierzu veröffentlichte die „autonom“-nationalistische „Aktionsgruppe Rheinland“ (AGR) im August 2007 eine Mischung aus Gründungserklärung und Werbetext: „Für uns heißt der Leitspruch klipp und klar: Revolution statt Reform! Kein Frieden mit den Feinden Deutschlands! Heute, über 60 Jahre nach dem Sturz der letzten rechtmäßigen Regierung und der damit verbundenen Niederschlagung des deutschen Reiches, beginnen sich wieder Jugendliche zusammenzuschließen und gemeinsam für ein Deutschland zu kämpfen, welches an die besseren Zeiten anknüpft und wo endlich wieder Nationalstolz an den Tag gelegt wird. […] Nur ein neues System mit einer wiederauferstehenden Volksgemeinschaft kann Perspektiven schaffen! Darum: Werde aktiv! Unterstütze auch Du den nationalistischen und sozialistischen Freiheitskampf!“ Nach der Errichtung des angestrebten Staates würde man also die „Autonomie“ als Kampf- und Agitationsform beenden und sich in die „Bewegung“ einreihen, ähnlich wie die SA-Leute in Nazideutschland oft in den Staats-, Polizei- oder Militärdienst übergingen. […]

Als am 1. September 2007 die Neonazis durch Dortmund marschierten, bildeten gut die Hälfte der rund 500 Teilnehmer einen „Schwarzen Block“ und marschierten an erster Stelle. Auf dem schwarzen Fronttransparent stand in weißen Buchstaben „Gegen Krieg und Kapitalismus“. Schnell wurde klar, was Neonazis unter einem „Antikriegstag“ verstehen sowie welche Kriege und welcher Kapitalismus ausschließlich kritisiert wurden – und werden. Zu den skandierten Parolen gehörten die Losungen: „USA – internationale Völkermordzentrale“, „Nie wieder Krieg – nach unsrem Sieg“, „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ und „Nie, nie, nie wieder Israel“ sowie „Nie, nie, nie wieder USrael“.

Es waren und sind eben jene Parolen, die die AN bei nahezu allen Aufmärschen skandierten und skandieren. Zugleich wird daran deutlich, dass der antikapitalistische und globalisierungskritische Gestus der AN ein Trugbild ist: nicht der Klassen-, sondern ein Rassenkampf gegen „die Juden“ oder das von ihnen demzufolge inspirierte beziehungsweise gesteuerte „Finanzkapital“ alias „Scheißsystem“ wird angestrebt. Dabei stellen die AN zwar die „Systemfrage“, meinen aber nur den Imperialismus, den die USA, Israel („die Juden“) sowie deren „Vasallenstaaten“ respektive Konzerne, Banken und „Spekulanten“ über die Welt gebracht haben sollen. Der Forderung nach weltweiter Gerechtigkeit, Humanismus und einem interkulturellen Leben setzen die AN einen „Nationalen Sozialismus“ entgegen – also wieder ein Nicht-Klassenkampf nach Vorbild der NSDAP.

Ähnlich wie ihr historisches Vorbild, wildern auch die AN bei der Linken – und haben diese zugleich zum Hauptfeind erkoren! Schon die NSDAP, deren Kader gezielt Gewalttaten gegen Linke ausübten, trug den „Sozialismus“ im Namen. Ein eigenartiger „Sozialismus“: Vor dem Massenmord an Jüdinnen und Juden rissen diese Sozialisten deren Vermögen an sich. Doch weder Banken noch Betriebe der Schwerindustrie von „Reichsbürgern“ wurden enteignet. [… Auch] neue Aktionsformen und Parolen können nicht darüber hinweg täuschen, dass die AN dem Nationalsozialismus nacheifern. So hielt die „autonom“-nationalistische „Aktionsgruppe Ruhr-Mitte“ am 5. Juli 2008 in Gladbeck eine Kundgebung ab unter dem Motto: „Hol dir deine Stadt zurück – Gegen Moscheebau, Ausländerwahlrecht und Multikultur!“ Es dürfte dabei wieder einmal der Rassenkampf Pate gestanden haben – nicht der Klassenkampf. [© Michael Klarmann; für „Volksgemeinschaft statt Kapitalismus?
 Zur sozialen Demagogie der Neonazis“ (der hier stark gekürzte Text umfasst nur noch rund 15 Prozent des Buchbeitrages; angeblich soll er die erste längere Arbeit über die AN sein und erschien als Mischung aus journalistischer Reportage und Analyse der Strategiedebatten u.ä.)]


1 Antwort auf “Rechts: Neonationalsozialismus extrem modern”


  1. 1 Überzeugungstäter 28. Juni 2009 um 15:42 Uhr

    Interessant find ich an dieser Stelle, wie Sie bei der Mai-Demo im Jahre 2007 in Dortmund auf eine Teilnehmerzahl von 1500-1800 kommen? Berichteten Sie damals schließlich von nur rund 800 „Neonazis“ und stempelten die Veranstalterangabe von 1300 Teilnehmern als übertrieben ab. Die Ausrede, dass sie nur die Angabe der Polizei übernommen haben zählt nicht, da Sie laut meinen gut unterrichteten Kreisen selber vor Ort waren. Und das mal eben so 1000 Teilnehmer verschwinden, spricht nicht gerade für Ihre Objektivität, Herr Klarmann!

    schön, dass sie sich irgendwie schon etwas verraten! sie meinten ja letztens noch, ich würde ihnen eine politische nähe unterstellen, mehr könne ich nicht [1]. dass sie sich hier auf ihre „gut unterrichteten kreisen“ berufen, freut mich – denn es zeigt, wohin sie ideologisch gehören. was ich behauptet habe im zuge der aktuellen berichterstattung:

    800 bis 1.300 (von diesen angaben ging seinerzeit zeitnah sowohl die polizei/agenturen bzw. die NPD aus); soweit ich das sehe, habe ich die 1.300 nicht bestritten, also ist ihr wunschdenken vater ihres gedankens oder ihrer eigenen „objektivität“.

    http://klarmann.myblog.de/klarmann/art/149814320

    die problematik der aktuellen berichterstattung wird hierin deutlich, da innerhalb der stadt mehrere gruppen unterwegs waren; problematisch war ferner, dass diese verschiedenen gruppen auf dem kundgebungsplatz nicht immer gemeinsam waren. denn während die letzten teilnehmer mit bussen der stadt noch herangeführt wurden, reisten andere schon wieder ab. und zwei tage nach dem ersten bericht – dessen zahlenangaben damals aus polizei- und NPD-mitteilungen stammten – korrigierte ich schon auf bis zu 1.300 nach oben:

    http://klarmann.myblog.de/klarmann/art/150882272

    später korrigierten die behörden und szenevertreter die zahl auf 1.500, seitdem nutze ich diese:

    http://klarmann.blogsport.de/2008/02/10/rechts-gewalt-als-brauner-kitt/

    im späteren verfassungsschutzbericht NRW wurde die teilnehmerzahl, abgeglichen wegen an-/abreise, verschiedener aufmarschgeschehen und unterschiedlicher szeneberichte auf 1.500 bis 1.800 beziffert. wenn sie also mich kritisieren, müssten sie ihre kritik eigentlich an das inneministerium und die NPD richten.

    seitdem das IM mit diesen zahlen arbeitet, gebe ich diese auch so an. ansonsten können sie gerne ihre „gut unterrichteten kreise“ fragen, ob diese auch selbst vor ort waren und aus dem stehgreif eine zahl nennen konnten. zumindest G. hatte damit wohl probleme, herrschte W. ihn doch sogar an, er sei noch zu blöd einen aufmarsch zu organisieren…

    da mir ihre politische nähe nun bewusster geworden ist, denke ich, sollten wir aufhören über zahlen zu streiten und zum wirklich wesentlichen kommen:

    wie stehen sie zu den reden? zu dem transparent? zu dem song von CD? nur zu, wir wollen ja wissen, ob sie trotz der von ihnen bemühten anonymität ein antisemit sind, der auch wieder für den massenmord zu haben wäre – oder ob sie ganz putzig sein könnten und man sich mit ihnen zum apfelschorle-trinke treffen könnte…

    mik

    [1] http://klarmann.blogsport.de/2009/06/17/rechts-klebt-denn-der-alte-sturmbund-noch/#comment-23195

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