Rechts: Ein Deutschlandlied im Boxring des Nationalen Widerstandes

Stolberg. Ob NPD-Parteichef Udo Voigt sich den Abschluss seiner Wahlkampf-Reise im Rheinland und an den Niederrhein so vorgestellt hat? Seit Donnerstag war er in der Region unterwegs, verteilte mit „Kameraden“ in Mönchengladbach NPD-Werbung, forderte in Heinsberg-Randerath die „Todesstrafe für Kinderschänder“, sprach in Neuss vor rund 20 „Kameraden“ und in Düren am Samstagmorgen in der Fußgängerzone an einem NPD-Infostand unter Pfiffen von rund 20 Nazigegnern. Voigt steht in Düren gegen 10.30 Uhr unter einem Plakat des Bündnisses gegen Rechtsextremismus, Aufschrift: „Den Neonazis keine Stimme!“ Voigt nennt die großflächig vor den Kommunalwahlen plakatierten Motive eines Schülerwettbewerbes „aberwitzige Plakate“.

Auch Stolberg macht es Voigt schwer, doch er lächelt meist tapfer. Die Auftaktkundgebung beginnt gegen 13 Uhr mit überschaubaren rund 50 „Kameraden“. Axel Reitz aus Pulheim spricht zu den „Nationalisten und Nationalen Sozialisten“. Nationalsozialisten? Alsbald überschlägt sich die Stimme des jungen Mannes, der im Nadelstreifenanzug, weißen Hemd und roter Krawatte erschienen ist, und der manchmal klingt wie eine Mischung aus Hitler und Goebbels. Obschon es um Wahlkampf gehen soll, findet Reitz, würden „Kämpfe nicht in den Parlamenten ausgefochten, sondern auf der Straße.“ Eines Tages sei Deutschland dann wieder „national und sozialistisch.“ Zuvor hatte der bis April 2008, u.a. wegen eines Volksverhetzungsdeliktes fast zwei Jahre inhaftierte Reitz sich angeregt mit dem – natürlich – lächelnden Voigt unterhalten.

Anmelder des Aufmarsches unter dem Motto „Wir wollen Arbeit und Lehrstellen!“ ist der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Aachen, Willibert Kunkel. Im Stolberger Stadtrat sitzen neben dem auch äußerlich extrem braun gebrannten Ratsmann noch zwei weitere Rechtsextremisten. Als die Neonazis losmarschieren, müssen sie an Plakaten mit der Aufschrift „Der Dreck muss weg!“ vorbei. Gut lesbar für die Neonazis haben Unbekannte mehrfach „Nazis raus!“ auf die Rathausstraße gesprüht. Voigt und der aus Bochum angereiste NPD-Landeschef Claus Cremer grinsen. Einige der Neonazis skandieren bald darauf Parolen wie „Nie wieder Israel“ und „Nie wieder Krieg – nach unsrem Sieg“. Nazigegner halten mit Trillerpfeifen dagegen.

Auch der Asphalt an der Straßenecke, an der eine weitere NPD-Kundgebung stattfindet, ist mit der „Nazis raus!“-Losung besprüht. Kunkel redet sich in Rage, streift wie ein Tiger im Käfig über die Parole. Und er kündigt den aus Berlin angereisten NPD-Chef nicht nur an. Nein, er ruft in das Mikrophon, man begrüße nun gemeinsam „Parteihhhhchäääfff Uhhhhdoooohhhhh Voigt“. Würde vor einem Boxkampf nun Jubel ausbrechen, reagieren die „Kameraden“ verhalten. Eine Realsatire? Voigt setzt zu einer langatmigen Rede an. Eine Polizistin der Einsatzhundertschaft findet, langsam sei es genug.

Doch der braune Spuk geht weiter. Kunkels Tross stimmt gemeinsam die Nationalhymne an: „Deutschland, Deutschland, über alles!“ Und man wird später noch einmal gemeinsam singen, gut eine Stunde und einen Aufmarsch durch die halbe Innenstadt später wohlgemerkt. Kunkel erinnert bei der Abschlusskundgebung im Stadtteil Atsch daran, dass die Tochter eines Neonazis ihren 18. Geburtstag feiere. Rund die Hälfte der „Kameraden“ stimmen „Zum Geburtstag viel Glück“ an. Voigt selbst geht am Ende des Ständchens auf die junge „Kameradin“ zu und gratuliert ihr persönlich. Er lächelt, sie ziert sich.

Seit April 2008 wurde Stolberg sechsmal zum Aufmarschgebiet der Braunszene. Die Folgen? Weiträumige Absperrmaßnahmen, wirtschaftliche Einbußen und Polizeieinsätzen mit bis zu 1.000 Beamten. Bürgermeister Ferdi Gatzweiler prüft nun rechtliche Schritte bis zum Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Man könne „exemplarisch ausurteilen lassen, ob es noch mit dem Grundgesetz vereinbar“ sei, wenn eine Stadt in so kurzer Zeit mehrfach „von Neonazis lahm gelegt wird,“ findet der Sozialdemokrat.

Unbekannte hatten vor einer Woche dessen Haus und Wahlplakate mit Parolen gegen ihn besprüht. Teilweise waren die Sprüche mit dem Kürzel KAL unterzeichnet – es ist jenes der eng mit der NPD verwobenen „Kameradschaft Aachener Land“. Auf einem Plakat hinterließen die Neonazis, anspielend auf Gatzweilers Statur, die Losung „Fette Sau notschlachten!“ [© Klarmann]

Eine Fotogalerie mit Bildern von dem Aufmarsch ist nun HIER ABRUFBAR (es gelten dieselben Copyright- und Browser-Bedingungen wie unter dem Reiter Fotogalerien einsehbar). Die Serie enthält nur Bilder von Gegenprotesten, die im direkten Umfeld der NPD-Aktionen stattfanden. Aus Termingründen war es nicht möglich, die große Gegendemonstration abzulichten…

Siehe weitere Berichte/Fotos: PEINLICHES ENDE EINER VOIGT-WAHLKAMPFREISE; DEMONSTRATIVE AKTIONEN VERLIEFEN STÖRUNGSFREI – FINGER IM PO, KUNKELCO


4 Antworten auf “Rechts: Ein Deutschlandlied im Boxring des Nationalen Widerstandes”


  1. 1 N.W. 09. August 2009 um 17:35 Uhr

    “ Nein, er ruft in das Mikrophon, man begrüße nun gemeinsam „Parteihhhhchäääfff Uhhhhdoooohhhhh Voigt“. “

    … das kann nun mal auch nicht jeder! :D

  2. 2 Klar, Mann? 10. August 2009 um 13:44 Uhr

    Abschließend noch Stichworte aus dem Notizblock anekdotisch hier wiedergegeben (NPD-Geplärre Stolberg):

    ––> Wo der Ex-REP heute auf „nicht Parteimitglied“, aber NPD-Filmer und -Mitläufer macht: http://klarmann.blogsport.de/2009/08/03/rechts-noenazis-schmieren-gegen-buergermeister-und-stolberg-stellt-sich-gegen-noenazis/#comment-26302 (Zu dem einmal im Hintergrund sprechenden Nazi: es heißt nicht, „mach mal Klarmann“, sondern „filme mal [bitte] den Klarmann“.)

    ––> Zu Beginn der Kundgebung um 13 Uhr läuft via Lautsprecherwagen nach derzeitigem Stand der Recherchen das Lied „Sie kriegen nie genug“ der Band „Die lustigen Zillertaler“, dem inoffiziellen Nachfolgeprojekt der „Zillertaler Türkenjäger“, deren Songs – anders als vom Nachfolger – verboten sind. Danach folgt von „Faktor Widerstand“ (Annett & Michael) mit „Wenn der Wind sich dreht“ und der Textzeile: „In unserem Land wird etwas bewegt durch unsere Hand“. Immerhin sind 50 Neonazis alias 100 Hände gekommen.

    ––> Kunkels Soundcheck entbehrt nicht eine gewissen Komik. Er findet auch, „wo die etablierten Parteien versagen, handeln wir“… „Wir“ meint: 50.

    ––> Stephan Flug sagt auch viel (lang), aber wenig (inhaltliches). Selbst die „Kameraden“ klatschen wenig an den Stellen, die Flug kunstvoll dafür freigehalten hat. Immerhin sagt er: „Liebe Stolberger, deutsche Wähler.“ Mit „Stolberger“ muss er die Frau mit ihrem Kleinkind auf dem Dachgarten meinen…

    ––> Reitz nennt ein Todesopfer in seiner Rede weiter „Kamerad Kevin“.

    ––> Kunkel beschimpft bei Zwischenkundgebung Gegendemonstranten, u.a. mit dem glorreichsten Pöbelnönazideutsch: „Finger im Po, Mexiko!“

    ––> Bei der Abschlusskundgebung dankt Kunkel allen „Kameraden“ für ihr kommen. „Ohne Euch wäre die nationale Opposition nichts!“ Es sind 50 „Euch“… Reitz sei „uns [in den letzten Jahren] richtig ans Herz gewachsen“. Kunkel jubelt: „Ihr seid Spitze!“ Und: „Denkt daran, in einigen Monaten ist wieder Weihnachten!“ (Dies zu interpretieren ist frei gestellt – doch als Protestwähler würde ich ihn diesmal deswegen nicht wählen ;-) .)

    ––> Kollegen fragen, ob Kunkel ein Alkoholproblem habe. Ich antworte: der ist immer so… Damit habe ich streng genommen die Frage nicht, aber auch doch beantwortet.

    Mik

  3. 3 Klar, Mann? 12. August 2009 um 7:38 Uhr

    Unfassbar, dass die derlei sogar ins „Weltnetz“ einstellen:

  4. 4 kalle 13. August 2009 um 19:18 Uhr

    omg. soviel akustischer und optischer müll auf einmal. klarmann, das kannst du doch nich ohne vorwarnung hier reinsetzen!?

    traf mich an dem tag auch völlig unvorbereitet… mik

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