Rechts: Rudolf Heß – vom Kindskopf mit dem Primanerstreich zum Märtyrer der Neo-NS-Bewegten

Berlin/Wunsiedel/Aachen. Heute vor 22 Jahren verstarb der ehemalige Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Seitdem verehrt ihn die Neonazi-Szene wie einen Märtyrer und startet Aktionen zu dessen Gedenken etwa in diesem Jahr so genannte „Heßmobs“ [1]. Dieselben Menschen, die einen gewissen Hang zum Nationalsozialismus haben, den Wiederaufbau der NSDAP betreiben und Hitler gar nicht mal so schlimm finden, wollen aus Heß jedoch wegen seines ominösen England-Fluges einen „Friedensflieger“ machen. Doch im Nationalsozialismus selbst galt Heß wegen jener Aktion als Verrückter; jener Flug und das Unterbreiten von Friedensverhandlungen – aus dem Grund, den Zweifrontenkrieg zu beenden, um in den besetzten Ostgebieten weiter „Untermenschen“ ermorden zu können? – nannte Joseph Goebbels einen „Primanerstreich“.

Erst kürzlich verurteilte das Amtsgericht Düren Neonazis wegen Heß-Aktionen [2]. Entgegen der Verbreitungen der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), dass bei den Prozessen weder Richter noch Staatsanwaltschaft willens oder gar in der Lage seien, ihre Heß-Glorifizierung als „Friedensflieger“ zu verstehen oder gar zu widerlegen, gaben beide dem Angeklagten am 12. August mit auf dem Weg: wer mit Heß den zweiten Mann des Naziregimes verherrliche oder diesen hochrangigen Vertreter des Terror-, Krieg- und Unrechtsregimes gar als „Friedens“-Stifter umlügen wolle, störe den öffentlichen Frieden Deutschlands, verherrliche das NS-Terrorregime, wolle dasselbe bzw. Heß gar als „friedliebend darstellen“ und verhöhne so nachträglich die Opfer desselben.


So lustisch kann die NPD-NRW via „Twitter“ am Todestag von Heß sein – und bei Aufmärschen skandiert so mancher Nönazi: „Nie wieder Krieg, nach unsrem Sieg!“

Glaubt man jedoch den Tagebüchern des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels, wird der aktuelle Heß-Mythos innerhalb der Neonazi-Szene noch verworrener und könnte fast schon zum Fall für einen Pathologen werden. In besagten Tagebüchern (Band 4: 1940 – 1942, Serie Pieper, September 1992) finden sich zu Heß und dessen England-Flug viele Einschätzungen. Sie beginnen mit einem Eintrag von Goebbels am 13. Mai 1941 und Enden Mitte/Ende Mai 1941. Anders als die NS-Publikationen, Kampfschriften und Reden des Propagandaministers, gelten die Tagebücher weitestgehend als authentisches Stimmungsbild zu den Ansichten innerhalb der NS-Führung seinerzeit. „Klarmanns Welt“ zitiert daher aus den Textpassagen; Kürzungen sind angezeigt:

[…] Heß ist entgegen des Führers Befehl mit dem Flugzeug gestartet und seit Samstag überfällig. […] Seine Adjutanten, die allein davon wußten, sind auf Anordnung des Führers verhaftet worden. Im Communiqué vom Führer werden Wahnvorstellungen als Grund angegeben mit illusionistischen Friedensfühlern. […] Welch ein Anblick für die Welt: ein geistig zerrütteter zweiter Mann nach dem Führer. Grauenhaft und undenkbar. Jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen. […] Heß hat mit dem Gedanken des Friedens gespielt. Er war wohl zu abgeschlossen dem Tageskampf gegenüber und ist nun weich geworden. Wir werden an dieser Sache schwer zu beißen haben. […]

Gauleiter, Reichleiter usw. […] Keiner will diesen Wahnsinn überhaupt glauben. Es klingt auch so absurd, daß man ihn für eine Mystifikation halten könnte. […] Eine Tragikomödie. Man könnte gleichzeitig lachen und weinen. […] Ich lese die Briefe, die Heß an den Führer hinterlassen hat: ein wirres Durcheinander, primanerhafter Dilettantismus, er wolle nach England, ihm seine aussichtslose Lage klarmachen, durch Lord Hamilton in Schottland die Regierung Churchill stürzen und dann Frieden machen, bei dem London das Gesicht wahren könnte. […] Es ist zu blödsinnig. So ein Narr war der nächste Mann nach dem Führer. Es ist kaum auszudenken. Seine Briefe strotzen von einem unausgegorenen Okkultismus. […]

Sowas regiert Deutschland. Das Ganze ist aus der Atmosphäre seines Gesundlebens und seiner Grasfresserei erklärbar. Eine durchaus pathologische Angelegenheit. […] Von Heß ist es eine verrückte Disziplinlosigkeit. Beim Führer ist er erledigt. Der ist ganz erschüttert. […] Man fragt mit Recht, wie ein Narr der zweite Mann nach dem Führer sein konnte. Ein Herostrat und danebengelungener Messias. Er hat offenbar die Nerven verloren. Das alles ist so skurril und absurd, daß man es kaum glauben kann. [… Der] Führer […] ist maßlos erbittert. Das hätte er nie erwartet. Man kann sich auf alles vorbereiten, nur nicht auf die Wahnidee eines Narren. […] Ein Kindskopf! Ich lege den Fall vor der Ministerkonferenz dar. Maßloses Erstaunen. […]

Ich leide furchtbar unter der Blamage des Falles Heß. Man fühlt sich direkt geohrfeigt und möchte sich am liebsten nicht mehr auf der Straße zeigen. Das tut nun der erste Mann nach dem Führer in der Partei. Es ist wie ein wüster Traum. Daran wird die Partei noch lange zu knabbern haben. […] Primanerstreich […] Seine kindische Naivität bringt uns einen Schaden ein, der garnicht abzumessen ist. […] Es ist fruchtbar, unvorstellbar furchtbar. […] Ich gebe einen scharfen Erlaß gegen Okkultismus, Hellseherei etc. heraus. Dieser ganze obskure Schwindel wird nun endgültig ausgerottet. Die Wundermänner, Heß’ Lieblinge, werden hinter Schloß und Riegel gesetzt. […] Heß […] geht, glaube ich, einem fruchtbaren Schicksal entgegen: bald vergessen zu sein! […] Wir erzählen viel. Vor allem über den Fall Heß, den niemand glauben und verstehen will. Er ist auch so absurd, daß alle meinen, seine Darlegung sei eine plumpe Lügenerfindung von uns. […]

Heß selbst hatte sich später nicht vom Terrorregime der Nationalsozialisten losgesagt. In seinem Schlusswort am Ende des Prozesses gegen die NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg sagte er: „Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne [Hitler; mik] zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein. […] Ich bin glücklich, zu wissen, dass ich meine Pflicht getan habe meinem Volke gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts. […] Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte, auch wenn ich wüsste, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt.“ [© Klarmann; kursive Passagen © Pieper]

[1] JA, WIRD DENN DER ALTE HESS NUN GEMOBBT…?
[2] MÄRTYRER FÜR DIE NPD…; AMTSGERICHT VERURTEILT NPD-KANDIDAT