Archiv für Oktober 2009

Rechts: SS-Nachwuchs feiert Mini-Reitziade in Aachen [update]

Aachen/Eschweiler. Zum dritten Mal seit November 2008 sind am Samstag (31.10.) Neonazis in Aachen aufmarschiert – und zum zweiten Mal haben sie sich nach Heiligabend blamiert. An dem groß angekündigten Aufmarsch unter dem Motto „Gegen linke Gewalt – für das Verbot der Antifa!“ [1] nahmen nur rund 80 Neonazis teil, darunter Personen, die selbst schon wegen Gewalt gegen Antifaschisten oder alternativ aussehende Menschen aufgefallen sind oder vor Gericht verurteilt wurden. Rund 70 der Neonazis marschierten später in Eschweiler auf, um dort direkt gegen eine Regionalkonferenz von Nazigegnern zu hetzen.

Unbestätigten Informationen zufolge war die Polizei mit fast 1.000 Beamten im Einsatz, die Behörde selbst spricht von „einem großen Aufgebot“, mit dem sie für die Sicherheit der Bürger sowie für die Gewährleistung des Demonstrationsrechts sorgte. Rund 250 Menschen sollen in Aachen laut Polizei und Lokalpresse [2] mit einem Demonstrationszug gegen den braunen Spuk demonstriert haben – wobei Beobachter vermuten, dass insgesamt mehrere hundert Menschen, auch spontan vom Straßenrand aus im Verlauf des Samstags gegen den Aufmarsch protestiert haben. Zudem waren Schilder aufgehängt worden mit der Aufschrift „Wir sind Aachen. Nazis sind es nicht!“ Via Twitter schreibt indes eine Neonazi-Gruppe in NS-klassisch Parallelwelten-Rhetorik, man sei „ohne nennenswerten afawiderstand“ durch Aachen gezogen.

An der Regionalkonferenz in Eschweiler nahmen rund 100 Menschen teil, darunter der Oberbürgermeister von Aachen, Marcel Philipp (CDU), der Bürgermeister von Stolberg, Ferdi Gatzweiler (SPD), der Bürgermeister von Eschweiler und Schirmherr der Konferenz, Rudi Bertram (SPD) sowie weitere Lokalpolitiker aus der Region. In einer gemeinsamen Erklärung [3] bekräftigten die Teilnehmer der Konferenz, dass die Vernetzung der Arbeit gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass voranschreite. Gatzweiler, Bertram und Philipp betonten in kurzen Redebeiträgen zu Beginn der Konferenz, dass alle demokratischen Kräfte gemeinsam im Kampf gegen Rechtsextremismus zusammenstehen müssten [4].

Die Neonazis zogen in Aachen gegen Mittag vom Bahnhof aus zum Theater, hielten dort unter lautstarkem Gegenprotest eine Kundgebung ab und zogen wieder zurück zum Hauptbahnhof. Anmelder des Aufmarsches war der einschlägig vorbestrafte und zeitweise schon inhaftierte Pulheimer Hitler-Fan Axel Reitz. Teilnehmer waren u.a. der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Aachen und Stolberger Ratsmann, Willibert Kunkel, der Neonazi Sascha Krolzig aus Hamm und die NPD-Chefin aus Düsseldorf, Nicole Schonhofen. Unter anderem nahmen Mitglieder der Neonazi-Gruppen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), „Freie Nationalisten Euskirchen“ (FNE), „Freie Kräfte Köln“ (resp. „Kameradschaft Köln“), „Aktionsgruppe Windeck“ und „Aktionsbüro Mittelrhein“ (ABM) sowie der niederländischen Neonazi-Partei NVU teil.

Als Redner fungierten in Aachen laut Beobachter Reitz, ein „Kamerad“ aus Flandern, der „Pro NRW“-Aussteiger und NS-Einsteiger René Emmerich (Köln), der Düsseldorfer Neonazi-Kader Sven Skoda sowie der einschlägig vorbestrafte KAL-„Kameradschaftsführer“ René Laube. Kritisiert wurde in den Reden vor den selbst strafrechtlich schon wegen verschiedener Gewaltdelikte und Bedrohungen auffällig gewordenen „Kameraden“, dass auch Gewalt von Antifaschisten gegen Neonazis verübt würde und Antifaschisten „Kriminelle“ seien. Laube kritisierte Beobachtern zufolge in einer teils dilettantischen Rede, dass es in den letzten Monaten zwanzig Überfälle auf „Kameraden“ gegeben habe, die Medien darüber indes nicht berichteten.

Insbesondere „Klarmanns Welt“, soll Laube gesagt haben, berichte nur über rechte Gewalt und „gegen“ die Neonazis, sollte jedoch dereinst eine „andere Fahne wehen,“ werde durch die „Kameraden“ dafür Sorge getragen, dass auch „die Welt“ des Autors dieser Zeilen eine „andere“ würde. Laube soll sich in seiner Rede auch positiv auf die verbotenen Neonazi-Organisationen FAP und „Wiking Jugend“ (WJ) bezogen haben, weswegen die Polizei dessen Rede anhand von Videoaufnahmen auf strafrechtliche Inhalte hin überprüfen werde. Skoda soll Beobachtern zufolge indes offen das reitzsche Motto des Aufmarsches kritisiert haben. Sinngemäß soll er gesagt haben, dass die „Schergen“ des Systems, die ein Verbot der Antifa durchsetzen würden, später ebenso das von Neonazi-Gruppen durchsetzen könnten.

Reitz – wie gehabt zeitweise mit sich überschlagender, unverständlicher Stimme – und Skoda redeten später auch auf einer Kundgebung vor dem Bahnhof in Eschweiler zu den laut Polizei und Lokalpresse [5] rund 70 „Kameraden“. Gegenproteste blieben in der Indestadt nahezu aus. „Eine Handvoll Nazi-Gegner reagierte hinter den Absperrungen mit Zwischenrufen auf die Hetzreden. Einzugreifen brauchte die Polizei nicht,“ schreibt die Lokalpresse dazu. Verbal angegriffen wurden in den Reden von Reitz und Skoda Beobachtern zufolge unter anderem die Antifa Düren. Via Twitter höhnt unterdessen dieselbe Neonazi-Gruppe, die in Aachen kaum Gegenproteste erkennen wollte, dass in Eschweiler „antifaschistischer Widerstand […] sogar mit fast 10 Subjekten vertreten [war].“

In Aachen nahm die Polizei Eigenangaben zufolge am 31. Oktober sechs Personen in Gewahrsam, davon fünf aus dem linken und eine aus dem rechten Spektrum. Weitere nennenswerte Vorkommnisse ereigneten sich laut Polizei nicht, laut Lokalpresse [6] fand indes unabhängig von dem Aufmarsch und den Gegenprotesten in Aachen gegen 15 Uhr ein seit längerem geplanter Flashmob statt. Polizeipräsident Klaus Oelze sagte, dass eine ausgezeichnete Polizeiarbeit zum Einsatzerfolg führte und dankte der Bevölkerung für ihren Anteil am friedlichen Verlauf der Veranstaltungen.

Die Veranstalter der Regionalkonferenz zur Vernetzung antifaschistischer Aktivitäten nannten ihr Treffen in einer Pressemitteilung [7] ein „deutliches Zeichen gegen Neonazis und ihre Provokationen in unserer Region“. Die gute Arbeitsatmosphäre sei vielfach von Teilnehmern hervorgehoben worden. Dazu habe „ganz besonders die gastfreundliche Aufnahme durch aktive Schüler/innen und des Fördervereins der Eschweiler Gesamtschule“ beigetragen. [© Klarmann]

[1] Hintergründe und Artikel im Blog zu den Aufmarschplänen und der Konferenz siehe aktuell unter folgender SUCHANFRAGE (Ggf. scrollen/blättern.)
[2] Direktlink (1); Direktlink (2) (Beide Texte wurden unterdessen aktualisiert.)
[3] SCHLUSSERKLÄRUNG DER REGIONALKONFERENZ „AKTIV GEGEN RECHTS“
[4] Siehe dazu auch Lokalpresse
[5] Direktlink
[6] Direktlink
[7] Direktlink