Wirtschaft: Bildet Banken

„Das Treiben an der Börse ist nichts als Gewalt…“ sangen …BUT ALIVE 1993. „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ fragte Bertolt Brecht schon 1931 in seiner Dreigroschenoper. Seit September 2008 ahnt man, was gemeint war: die Krisen-Konjunktur.

1994 ergänzten SLIME, was …BUT ALIVE nur angedeutet hatten: „Goldene Türme wachsen nicht endlos, sie stürzen ein.“ Aber welcher gut entlohnte Player im real existierenden und unterdessen zum Neoliberalismus schöngetexteten Kapitalismus, will schon auf eine Punkband hören? Und so dauerte es 14 Jahre, bevor die Vision Wirklichkeit wurde. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers führte im September 2008 zu Chaostagen an den weltweiten Finanzmärkten. In Politik- und Bankenkreisen sprach man von einer „Krise“, von der „globalen Finanzkrise“ (tagesschau.de) und eher selten von einer Krise des Kapitalismus an sich.

„Wir verlangen von jedem Handwerker, dass er sein Handwerk beherrscht. Aber wir verlangen von den Unternehmen nicht, dass sie ihr Handwerk können. Das ist eine ganz traurige Entwicklung in einer Ökonomie. Frühere Manager wussten, was sie taten, sie kannten die Märkte und die Produkte. Manager heute scheinen die Produkte, die sie verkaufen, nicht mehr zu kennen, und sie scheinen auch der Meinung zu sein, dass es egal ist, was man verkauft. Deswegen werden viele Gewinne nicht mehr mit Produkten erwirtschaftet, sondern mit Spekulationen. […] Und dann erlebt man die Überraschung, dass Unternehmen nicht mehr an der Produktion […] interessiert sind, sondern an den Entwicklungen an den Börsen.“

Gesagt hat das im März 2005 Gilberto Granados, der an der RWTH Aachen Volkswirtschaft und Statistik lehrt. Der ehemalige Journalist stammt aus El Salvador, hat in Mainz Wirtschaftswissenschaften studiert und lebt seit 1972 in Aachen. Als der Autor dieser Zeilen Granados vor vier Jahren interviewte, saß dieser in seinem Büro an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule – und mokierte sich auch darüber, dass mancher seiner Kollege unterdessen auch mittels des Fachwissens mit Aktien spekuliere, statt sich gänzlich der Wissenschaft und Lehre zu widmen.

Granados weiter: „Man müsste aber auch darüber reden, wie hoch die [Banken- und Manager-]Gewinne sein dürfen. Heute redet man darüber, dass zu hohe Löhne die Wirtschaft abwürgen, jedoch nicht über die Höhe der Gewinne. Würde es beispielsweise nicht ausreichen, wenn jemand vier Prozent von einem Millionenbetrag verdienen würde? […] Worüber die Leute aber nicht reden, ist über die Macht der Großbanken. […] Mit ihren Gewinnansprüchen würgen sie den Mittelstand ab. Die Banken sind vertreten in Aufsichtsräten, in Vorständen, sie sind im Aktien-, Hypotheken- und Immobiliengeschäft tätig. Und wenn sie alle Geschäfte dieser Erde tätigen dürfen, dann sind sie Käufer und Verkäufer zugleich. Das ist eine gefährliche Machtanhäufung.“

Margrit Kennedy, eigentlich studierte Architektin, aber über den Umweg der ökologischen Stadtplanung zur kritischen Auseinandersetzung mit dem „Geldsystem“ gekommen, warnte 2006 davor, das Weltwirtschaftssystem sei „verdammt dazu, immer weiter zu wachsen“ – am Ende drohe jedoch der „soziale Kollaps“. Kennedy vertrat zudem die These, dass 97 Prozent der „weltweiten Finanztransaktionen“ nur der Spekulation dienten. Darüber hinaus kritisierte Kennedy 2006 die „zerstörerische Zinsdynamik“ in der Weltwirtschaft. So resultierten rund 45 Prozent des Preises lebensnotwendiger Waren und Mieten aus Zinsgeschäften – etwa durch Firmen- und Bauinvestitionen oder Staatsverschuldung, alles finanziert über Bankkredite, deren Kosten letztlich auf die Verbraucher umgelegt würden. Während nur zehn Prozent der Bevölkerung Deutschlands von Zinsgeschäften profitierten, würden 80 Prozent letztlich darunter wegen steigender Preise leiden, so Kennedy.

„Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ fragte Bertolt Brecht 1931. Die Autoren Biermann/Klönne gaben in ihrem Buch „Kapital-Verbrechen. Zur Kriminalgeschichte des Kapitalismus“ (PapyRossa, 2005) darauf – indirekt, weil sie das gesamte kapitalistische System meinten, aber Banken eben dessen Drahtzieher sind – folgende Antwort. Die Geschichte des Kapitalismus sei „geprägt […] durch Kapitalverbrechen – nicht nur als Missetaten Einzelner, sondern im Sinne immer wieder auftretender ‚organisierter’ Kriminalität, die keine Rücksicht nahm auf das Existenzrecht von Menschen. […] Kapitalakkumulation hat die Aneignung von Mehrwert zur Grundlage, auf Dauer sind Verwertungs- oder Überproduktionskrisen unvermeidlich.“

Auch wenn mit dem letzten Satz die Produktion von und der Handel mit Konsumgütern gemeint war, passt es dazu, was Granados meinte. Nachdem auf dem Markt der Kaffeemaschinen oder Automobile die Gewinne einbrachen, suchte sich die Wirtschaft schon vor vielen Jahren neue Wege der Gewinnmaximierung: Zinsgeschäfte, Spekulationen auf Aktien und Rohstoffen sowie abenteuerlichste Risikoanlagen, schlimmstenfalls alles gemeinsam in unübersichtlichen Fonds vermischt. Kunstliebhaber hätten die Marktextremisten jedoch darauf hinweisen können, dass stetig steigende Kurse ähnlich der in sich geschlossenen, wiewohl permanent aufwärts führenden Treppen in den Gemälden von M.C. Escher eine optische Täuschung sind. Und Physiker wissen, dass ein Perpetuum Mobile zwar denkbar, aber auch im Bereich der Finanzwelt auf Dauer nicht funktionsfähig ist.

Es mussten also der September 2008 und die „globale Finanzkrise“ (tagesschau.de) folgen. Dass Banken – anders ausgedrückt: Konzerne – dabei eine nicht zu unterschätzende Größe sind, wurde auch daran sichtbar, dass weltweit Staaten „Rettungspakete“ für die ins Trudeln oder pleite gegangenen, armen Konzerne schnürten. Begründet wurde dies damit, dass die Gefahr weiterer Pleiten zu groß sei und das Gesamtchaos die real existierende Weltwirtschaft bedrohe. In Deutschland wurden die Banken mit Milliardenbeträgen wieder hochgepäppelt. Die Zeitung „Die Welt“ schrieb dazu im Oktober 2008 von einem „beispiellosen Rettungspaket“ der Bundesregierung für „die deutsche Finanzbranche“ im „Wert von 470 Milliarden Euro“.

Eine abstrakte Summe? Nein, sondern Geld respektive Schulden im Quasi-Besitz der Allgemeinheit. 80 bis 100 Milliarden Euro dienten dabei laut „Handelsblatt“ als „Kapitalspritzen an Not leidende Finanzinstitute“, das restliche Geld seien „Kreditbürgschaften“ für Banken, die ins Strudeln geraten (waren). Streng genommen meint dies zwar, dass der Staat den Banken und Konzernen – bei denen er selbst übrigens auch verschuldet ist – „nur“ mit Bürgschaften und Krediten (!) unter die Arme greift. Doch ginge einer der Konzerne in den Konkurs, blieben Staat und Allgemeinheit auf den Schulden sitzen. Umgerechnet bürgt dabei jeder in Deutschland lebende Bürger, vom Baby bis zum Rentner, mit rund 500 Euro für die Banken, unter deren Macht und Geldgier er selbst gegebenfalls gelitten hat oder noch leiden wird.

Rund ein Jahr nach Beginn der „Krise“ machten Medienberichten die Runde – insbesondere aus London, 2008 noch „Zentrum der Krise“ (taz) –, dass es den Bänkern, die ihren Job nicht verloren hatten, wieder besser ging. Feierlaune kam auf, Champagner statt Sekt. Im Oktober 2009 folgten Berichte, dass die Banken in den USA trotz Krise hohe Gewinne verbuchen könnten. Bänkern in New York stünden seit dem „Rekordjahr 2007“ wieder „Rekordgehälter“ (SpOn), also Bonuszahlungen, bevor. Das „Manager-Magazin“ schrieb in seiner Web-Ausgabe: „Die Finanzkrise ist noch nicht ausgestanden, doch die Angestellten an der Wall Street können bereits in diesem Jahr mit Rekordgehältern rechnen.“

Davon, dass Milliardenbeträge „verbrannt“ seien, las und hörte man immer weniger. Streng genommen hatte auch niemand Geld „verbrannt“ – es war nur auf anderen Konten gelandet oder von anderen Menschen anderweitig ausgegeben, angelegt oder verspekuliert worden. Windige Makler und Bänker hatten es etwa Anlegern abgeschwatzt. Diese hatten sich dem Traum hingegeben, mittels dem sauer Ersparten oder Geldern aus ihren privaten Altersvorsorgen auch auf dem Rücken des Honigkuchenpferds der Global Player mitzureiten. Freilich ritten und reiten es schon andere – und das extrem sattelfest… [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine]


5 Antworten auf “Wirtschaft: Bildet Banken”


  1. 1 DEMOkrat 14. Oktober 2009 um 20:59 Uhr

    Aber es gibt doch gar keine Krise. Keine Bankenkrise, keine Finanzkrise, und ganz bestimmt keine Systemkrise!
    Glaubst du nicht, guckst du hier:

    http://extra3.blog.ndr.de/2009/10/14/schlegl-auf-der-after-work-party-von-bankers-brokers/

    (Tobi S. bezieht Kloppe von Brutalobankern – Do. 23:15 auch auf NDR)

  2. 2 Rente 15. Oktober 2009 um 13:55 Uhr

    Man kann das noch auf „Canalterror/Multis“ erweitern…

    http://www.youtube.com/watch?v=zszpQ1FyEOY

    wenn „Tommy“ das anno 1984 geahnt hätte, das er damit recht behalten hat.

  3. 3 Peter 15. Oktober 2009 um 16:13 Uhr
  4. 4 EnjoyLiberty 15. Oktober 2009 um 16:31 Uhr

    „Die Juden stehen dahinter!“

    Realsatire.

  5. 5 Klar, Mann? 21. Oktober 2009 um 21:16 Uhr

    Georg Schramm über die wahrhaft Mächtigen in Deutschland

    Neues aus der Anstalt – 20.10.2009


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