Aachen. Rechtsextremismus ist „keine Männerdomäne“ mehr. Diese Erkenntnis konnten die rund 50 Besucherinnen und fünf Besucher eines von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) in Aachen organisierten Vortrages gewinnen. Annette Diesler von der kfd betonte, seit Jahren widme sich ihre Organisation dem Gedenken an die durch die Nazis Verfolgten und Ermordeten. „Leider“ sei Rechtsextremismus „wieder ein Thema geworden“, so wolle man im Vorfeld des Pogromnacht-Gedenkens „tiefer schauen“.
Daher referierten zwei Expertinnen der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf, Adelheid Schmitz und Isolde Aigner, in der Citykirche. Ihr Thema am Donnerstagabend: „Walküren, Mädels, Mütter – Frauen und Rechtsradikalismus“. Beide Referentinnen stellten fest, dass wegen des generellen Anwachsens von Fremdenfeindlichkeit, einem sinkenden Vertrauen in die Demokratie und wachsender Vorbehalte gegenüber muslimisch-gläubigen Menschen auch rechtsextreme und rassistische Ansichten bei Frauen angestiegen seien.
Unterschiedlichen Studien zufolge, so Adelheid Schmitz, würden ebenso viele Frauen – zwischen 20 bis 25 Prozent – und Männer rechtsextreme Ansichten gut heißen. Einzelstudien hätten gar ergeben, dass sich 14 Prozent der Frauen, aber nur 9 Prozent der Männer vorstellen könnten, rechtsextreme Parteien zu wählen (Emnid 2007). Und seit rund 15 Jahren würden sich Frauen und Mädchen verstärkt in Parteien wie der NPD und Neonazi-Gruppen aktiv einbringen.
Auch wenn Frauen dabei weniger radikal wirkten, mahnte Schmitz, seien diese im Hintergrund organisatorisch aktiv, provozierten Gewalttaten durch männliche „Kameraden“, die sie dazu anstichelten oder dabei anfeuerten. Überdies „stabilisiert“ der wachsende Frauenanteil den Zusammenhalt der Neonazi-Szene, weil Männer nun Freundinnen, Partnerinnen und Ehefrauen innerhalb der Szene fänden. Und gefestigte Frauen würden sich dann auch im Bereich Soziales und Kinder engagieren.
Wirkten Frauen und Mädchen früher oft von ihrem Äußeren her mit Springerstiefeln und Bomberjacken ähnlich martialisch wie die „Kameraden“, bevorzugten diese heute oft ein „legreres Outfit“. Ebenso seien in der extrem rechten Szene sehr unterschiedliche Frauen aktiv, von der Hausfrau und Mutter, die im Rahmen ihres „politischen Einsatzes“ dem Mann beistehe und diesem wie dem Land deutsche Kinder gebäre, bis hin zur selbstbewusst auftretenden Rechtsanwältinnen, die Neonazis vor Gericht vertreten.
Längst gebe es also ein Nebeneinander von traditionellen und modernen Frauenbildern, sagte Schmitz. Das, was auf Außenstehende indes vielleicht emanzipiert und selbstbewusst wirke, sei letztlich „einem höheren Ziel untergeordnet“ – nämlich dem Stärken der „Volksgemeinschaft“, sei es durch die Geburt von Kindern oder als Aktivistin und „Kämpferin“ innerhalb der Szene meist junger Neonazis. Männer indes würden „weiterhin die Fäden in der Hand halten“, so die Referentinnen. [© Michael Klarmann; für AN]