Frieden: Im asymmetrischen Krieg leidet die Bevölkerung, benötigt indes Hilfe

Aachen. „Kein Mensch mag dort die Taliban, aber uns mag man noch weniger,“ sagt Rheinard Erös. Mit dort ist Afghanistan gemeint, mit uns meint der ehemalige Soldat die westlichen Militärs, die am Hindukusch in einer Mischung aus Stabilisierung und Krieg gegen Terror kämpfen. Dieser „asymmetrische Krieg“ zwischen Hightech-Armee (Nato) und Guerilla (Taliban) fordere immer mehr zivile Opfer. Die Menschen auf dem Land seien zwischen „zwei Mühlsteinen“ gefangen, spitzt der Afghanistan-Experte zu: „Hilft ein Bauer uns, killen ihn die Taliban, hilft er den Taliban, killen wir ihn.“

Flammende Appelle richtet der gebürtige Bayer am Samstag in Aachen an die rund 150 Besucher seines Vortrages. Schon zu Bundeswehr-Zeiten hat der Oberstarzt sich ohne Soldbezüge beurlauben lassen und während der Sowjet-Besatzung Afghanen illegal in Höhlen nahe der Grenze zu Pakistan behandelt. Anfang der 1990er Jahren verließ er die Bundeswehr, seitdem haben er, seine Frau und Kinder mit ihrer „Kinderhilfe Afghanistan“ in Kooperation mit Einheimischen gut dreißig Schulen, Waisenhäuser, Krankenstationen und Hilfsprojekte gegründet, alles finanziert über Spenden. Genau solche Hilfe für die Bevölkerung fordert Erös auch von der Politik, die bisher in den Krieg über 550 Milliarden Dollar pumpte, aber in den zivilen Aufbau nur rund 45 Milliarden Dollar.

Stichwort Taliban. Das sei kein „krimineller Abschaum“, es seien „hoch religiöse Leute, die aber über Leichen gehen, um an ihr Ziel zu kommen.“ Derzeit würden neun Millionen Jungen, oft erst 13 bis 16 Jahre alt, der Armut entfliehen, indem sie Koranschulen der Taliban besuchten. Nicht nur ideologisch „gezüchtet“ würden sie dort, sondern auch verpflegt. Statt militärisch vorzugehen, müsse der Westen die Armut bekämpfen. „Die Taliban-Bewegung ist militärisch nicht zu bekämpfen,“ sagt Erös, aber die Idee Taliban –durch Entwicklungshilfe.

Doch genau dort laufe vieles schief. Westliche Vertreter behandelten Einheimische mit „ungeheuerer Arroganz“, stärkten die „massive Korruption“ und verteidigten Demokratie und Menschenrechte kaum. Der Staat, erklärt Erös, sei eine islamische Republik, laut Verfassung dürfe kein Gesetz und keine Partei dem Islam widersprechen. Überdies würden westliche Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Militärs und Behörden gegenüber Einheimischen – die unter einer viel größeren Lebensgefahr arbeiteten – horrend hohe Löhne erhalten. Und sei es etwa ein Wiederaufbau, wenn seit 2002 7.000 Kilometer Straßen gebaut worden seien, aber 97 Prozent der Afghanen kein Auto hätten? Derlei nutze Ausländern, Reichen und den Militärs, so Erös.

Letztlich spiele das Taliban und Widerstandskämpfern in die Hände. Stichwort Anschläge. Monatlich sei es 2005 zu rund 135 Anschlägen gegen Militär und Einheimische gekommen. 2009 seien es rund 850 Anschläge pro Monat gewesen. Den „asymmetrischen Krieg“ könne die Nato, „das größte Militärbündnis der Menschheitsgeschichte“ nur gewinnen, wenn sie die Bevölkerung auf ihrer Seite habe. Dafür sei jedoch eine grundlegend neue Arbeit am Hindukusch nötig: weniger Militär, viel mehr Hilfe vor Ort unter Einbeziehung der Bevölkerung. Besonders Kinder, sagt Erös, benötigten Bildung und Perspektiven, „sonst saugen die Koranschulen sie weiter auf.“ [©Michael Klarmann; für AN (Politik)]

Mehr im Web: http://www.kinderhilfe-afghanistan.de/


1 Antwort auf “Frieden: Im asymmetrischen Krieg leidet die Bevölkerung, benötigt indes Hilfe”


  1. 1 Martin von der gleichen IP wie Klau S. 15. November 2009 um 15:03 Uhr

    darf ick schnell noch dat hier einwerfen:
    http://www.youtube.com/watch?v=CSxWHpgj2Fo&feature=related

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