Gedenken/GegenRechts: Wider die kalte Wolfsgesellschaft

Aachen. Am 9. November gedachten rund 120 Menschen anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht 1938 der Opfer des Naziterrors [1]. Kurt Heiler hielt dabei für den Kreisverband Aachen des VVN-Bund der Antifaschisten am Synagogenplatz eine Rede. „Klarmanns Welt“ dokumentiert nachfolgend das Redemanuskript Heilers (leicht redigiert, Kürzungen angezeigt):

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, im Jahre 2009 stehen unsere Veranstaltungen zur Erinnerung an die Pogrome gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland medial im Schatten der Erinnerung an den Fall der Mauer vor 20 Jahren. […] Eine von vielen kritischen Stimmen zum Prozess des Beitritts der ehemaligen DDR zur BRD war die von Jan Philip Reemtsma. Er sagte 1990: „Deutschland, einen Staat dieses Namens, hat es gegeben von 1871 bis 1945, ein Menschenalter lang. In dieser Zeit hat der Staat Deutschland zweimal einen Krieg um die Weltmacht geführt, ist schuldig geworden am Tod von Abermillionen von Menschen, die in diesen Kriegen oder bei zivilen Massenmorden getötet wurden. Die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Europas gelang Deutschland fast vollständig. Gibt es einen einsehbaren Grund, Deutschland – ganz gleich in welchen Grenzen – wieder herzustellen?“

Dieser und ähnlicher Kritik am so genannten Wiedervereinigungsprozess wurde oft unterstellt, sie gönne den Menschen der ehemaligen DDR nicht die Reisefreiheit, nicht die freie Meinungsäußerung. Wir kämpfen selbst um jeden Zentimeter demokratischer Freiheiten, wir freuen uns für jeden, der ein Mehr an diesen Freiheiten erstreitet. Das war also nicht der Punkt der Kritik. Der Punkt war, ob und inwieweit das Deutschland ab 1990 an die dunklen und blutigen Traditionen seiner Vorgänger anknüpfte. […] Innenpolitisch steht die Ermordung von über 130 Menschen mit abweichender Hautfarbe, anderer Nationalität oder Religion durch neonazistische Täter seit 1990 in der Bilanz der 20 Jahre.

Die Abschaffung des Asylrechts und die Art, wie dieses Recht über rauchende Flüchtlingsheime und verbrannte Kinder abgeschafft wurde, haben einen Bruch in der zivilen Verfasstheit unserer Gesellschaft herbeigeführt. Die guten und richtigen Tabus der Zivilgesellschaft, die im Grundgesetz in den Rechten auf körperliche Unversehrtheit und dem Schutz vor Diskriminierung aller hier lebenden Menschen seit 1949 festgeschrieben sind, wurden in der Praxis zu oft außer Vollzug gesetzt. Und zwar keineswegs nur vom rechten Rand der Gesellschaft. Tägliche Abschiebungen und die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer sind Sinnbilder einer kalten, egoistischen Gesellschaft.

Seit 1990 werden die politischen Einstellungen durch Befragungen in alten und neuen Bundesländern miteinander verglichen. Die Antisemitismusforschung – hier die Studiengruppe des Politikwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer – hat 2009 folgendes Fazit gezogen: „Grundsätzlich stellen wir fest, dass die 40-jährige Teilung tatsächlich zu deutlichen Unterschieden zwischen Ost und Westdeutschland geführt hat: Ostdeutsche Befragte lassen unabhängig von der jeweiligen Messung durchgängig ein geringeres Ausmaß an antisemitischen Einstellungen erkennen als die im Westen der Republik“. Gemeint waren 35 Prozent der westdeutschen und 16 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung, die sich Anfang der 90er gegen Juden aussprachen. Das wirft kein gutes Licht auf den Zustand der Meinungsbildung in der alten BRD. Mittlerweile haben sich die Werte in Ost und West angenähert und auf niedrigerem Niveau eingependelt, dafür aber ist der sekundäre Antisemitismus gestiegen, also der Antisemitismus, der den Juden Auschwitz nicht verzeihen will oder in Handlungen der israelischen Regierung angebliche Gründe für Antisemitismus zu finden glaubt. […]

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, was heißt unser Motto „Aus der Geschichte lernen“ heute? Da beschließt die neue Bundesregierung, die Aufgabenfelder des Fonds für Opfer rechtsextremer Gewalt sowie des „Bündnisses für Demokratie und Toleranz“ auf – Zitat – „jede Form extremistischer Gewalt“ auszuweiten. Gemeint sind Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus. Dies legt den Schluss nahe, als bestünde zwischen links und rechts nicht der geringste Unterschied. In unserer Region wurden 2008 383 rechte Straftaten registriert, also mehr als jeden Tag eine. 80 Prozent aller politisch motivierten Straftaten gehen auf das Konto der Rechten. Der Rest von 20 Prozent entsteht, wenn junge Menschen sich die Worte der Politiker über die Zivilcourage und das demokratische Rückgrat zu Herzen nehmen. Ist also der „Extremismus“ ein Problem in der Region? Nein, das Problem hat Namen und Adressen.

Als die Neonazis Steine in die Fenster der Wohnungen von Antifaschistinnen warfen, organisierten wir im März 2008 eine friedliche Demonstration der Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt. Bewaffnete Neonazis überfielen diese friedliche Demonstration. Die Polizei war nicht in der Lage, unser Demonstrationsrecht zu schützen. Angeklagt wurde der Leiter der friedlichen antifaschistischen Demo, die Neonazis stehen bis heute nicht vor Gericht. Jedenfalls besteht das Problem in Aachen nicht im „Extremismus“, sondern in den Neonazibanden, die ungestört von staatlicher Verfolgung ihr Unwesen treiben und dabei immer dreister auftreten. […] Wir haben ein Problem mit der Justiz in Aachen, ein Problem mit der Polizei in Aachen, ein Problem mit der Staatsanwaltschaft in Aachen und wir haben Probleme mit neonazistischer Gewalt.

„Aus der Geschichte lernen“ heißt heute, auch einen kritischen Blick auf die Eliten und die Mitte der Gesellschaft zu werfen. – Wie aber denken Teile der bundesdeutschen Elite im Jahre 2009? Da gibt ein Vorstand der Bundesbank einer Kulturzeitschrift ein Interview, in dem der Befragte, der sich selbst für Teil der Elite hält, die Bevölkerung in produktive Leistungsträger und unproduktive Kostgänger aufteilt. Er sagt: „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion, außer für den Obst und Gemüsehandel, und es wird sich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht.“ Er sagt, er müsse niemanden anerkennen, der „für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue Kopftuchmädchen produziert.“ Und er sagt auch: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, die Sammlung der Zitate ist nur unvollständig. Hätte ein Politiker in Frankreich, England oder den USA so über migrantische Bevölkerungsgruppen gesprochen wie der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, er wäre sofort aus dem Amt entfernt worden. Was aber passiert in Deutschland? Hier kürt man diesen Herrn zum Helden der deutschen Meinungsfreiheit, zum mutigen Kämpfer gegen die politisch korrekten Gutmenschen. Außer der Zustellung einer Schubkarre zustimmender Briefe hat Herr Sarrazin nichts zu befürchten. Er wird wohl auch seine Fußbodenheizung behalten und braucht weiterhin keine Pullover, um die Heizosten zu senken.

Sarrazin gehört zu den Politikern, die selbst verantwortlich für die von ihnen kritisierten Zustände sind. Als Finanzsenator von Berlin hätte er manches ändern können. Erst werden die Menschen so zugerichtet, dass sie am Boden sind und dann wird noch Häme über sie geschüttet, weil sie dort gelandet sind, wo die Sarrazins sie hin regiert haben. Dabei funktionieren die Aussagen von Sarrazin ohne Bezug zur Wirklichkeit. Sie entsprechen einem Ressentiment. Stimmen müssen diese Aussagen nicht. Es gibt ein Detail in diesem Interview, das bislang nur wenig beachtet wurde. Sarrazin beklagt den Verlust der aus Berlin vertriebenen Jüdinnen und Juden und erinnert im selben Atemzug an einen prominenten ehemaligen Berliner: „Hermann Josef Abs, Vorstand der Deutschen Bank, wohnte bis 1945 im Berliner Westend. Unauffällig hatte er seine Familie im Herbst 1944 nach Remagen geschafft, wo er 1940 ein Landgut gekauft hatte; er selbst war nach Hamburg entschwunden.“

Erinnern wir uns: Gerade dieser Hermann Josef Abs war führender Aufsichtsrat der I.G. Farben. Abs arisierte im Namen der Deutschen Bank jüdisches Vermögen und leitete seit 1938 die Auslandsabteilung der Deutschen Bank. Hat aus der Geschichte gelernt, wer im selben Zusammenhang die Vernichtung der Juden und den Fortgang eines Finanziers der Nazis aus der Stadt Berlin betrauert? Und warum wurde gerade dieses perfide Detail der Rede so oft übersehen?

Heute, am 9. November 2009, erinnern wir daran, dass die Stichwortgeber der Neonazis nicht nur in deren eigenen Reihen sitzen. Die NPD hat Thilo Sarrazin schon längst das Amt des Ausländerbeauftragten angeboten. Gerade die Aufteilung der Menschen in produktive und unproduktive Teile, der gehässige Spott über die Unterschicht, der nicht nach den politischen Bedingungen für deren Armut und Perspektivlosigkeit fragt, zeugt von einer sozialdarwinistischen Geisteshaltung. Ein Demagoge wie Sarrazin fördert nicht nur die ihm genehmen „Eliten“, er fördert besonders die Prinzipien der Wolfsgesellschaft. Der Beifall zeigt, dass Rassismus und Sozialdarwinismus nicht auf die Ränder der Gesellschaft beschränkt sind.

„Aus der Geschichte lernen“ heißt für uns, für die Werte Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu kämpfen. Es heißt somit, Geisteshaltungen zu bekämpfen, die Menschen bloß nach ihrem ökonomischen Nutzen, nach ihrer Leistungsfähigkeit bewerten – und dabei voller Häme über jene richten, die nicht den eigenen elitären Vorstellungen entsprechen. Der Zynismus eines Sarrazin macht das Land kalt und grausam. In einer solchen Zukunft wollen wir nicht leben. Sorgen wir dafür, dass die Sarrazins ein Teil der Vergangenheit sind und bleiben. „Aus der Geschichte lernen“ heißt, zu verstehen, was der Nationalsozialismus war, was seine besonderen Merkmale waren – und nie zu vergessen, wer seine Voraussetzungen schaffte.

[1] STICHWORTGEBER DER NEONAZIS SITZEN NICHT NUR IN DEREN REIHEN


1 Antwort auf “Gedenken/GegenRechts: Wider die kalte Wolfsgesellschaft”


  1. 1 Peter 17. November 2009 um 17:57 Uhr

    […]

    nach etlichen verwarnungen folgt eine woche nachdenken-zeit. danach zwei wochen bewährung. mik

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