GegenRechts: Daten[/Antifa]

Die Freude über den Coup merkte man der „Datenantifa“ an, als sie Mitte 2008 mitteilte, das „Blood & Honour“-Forum gehackt zu haben. „der zentralrat der internationalen elite eingreiftruppe“ habe „sämtliche datenbanken dieses international genutzen forums bei einer hausdurchsuchung auf dem server sichergestellt.“ Gut 32.000 Nutzerdaten nebst Beiträgen, PMs und Fotos des zuvor nicht öffentlich zugänglichen Neonazi-Forums wurden als lauffähige Offline-Datenbank verbreitet – zur Auswertung durch Antifaschisten, Behörden und Medien.

„Blood & Honour“ (Blut & Ehre, Losung der Hitlerjugend) ist ein internationales Neonazi-Netzwerk. Die deutsche B&H-„Sektion“ wurde 2000 verboten. In einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ (FR), auf den sich kurz darauf Nachrichtenagenturen bezogen, wurde der Hack und die Auswertung der Daten als Beweis gewertet, dass B&H in Deutschland weiter aktiv war. Rund 500 Nutzer des Web-Forums seien aus Deutschland gewesen, untermauerte die FR ihre – falsche! – These. Zwar war und ist das B&H-Forum an die weltweit aktive Bewegung angeschlossen und Nutzer dürften sich ebenso B&H zugehörig fühlen.

Indes nutzte das Gros der deutschen Nutzer lediglich das Forum als Kommunikationsmittel. In dem Forum wurden, so wie es die FR fälschlicherweise verkündete, zumindest im deutschen Bereich weder Interna noch Strategien des konspirativ arbeitenden B&H-Netzwerks diskutiert oder ausgearbeitet. Auch wurde das Forum nicht zerschlagen, wie Medien berichtet hatten, denn B&H-Homepages und das Forum waren noch Tage weiter online, bevor die Admins alles kurz vom Netz nahmen und besser gesicherte, teils neue Datenbanken wieder hoch luden. So lästerten die Neonazis kurz nach dem Hack auch wieder im B&H-Forum über die „Datenantifa“: „Ueber die Jahre hat sich im ‚alten Forum’ ja so Einiges an Speicherplatz angesammelt… In gewisser Weise duerfen wir den Zecken ja fast dankbar sein, dass wir nun einen Grund hatten, den ganzen Datenmuell endlich loszuwerden.“

Heute steht das B&H-Forum wieder dafür, wofür es gedacht ist: Austausch, Vernetzung und Ideologisierung unter „Kameradinnen“ und „Kameraden“ weltweit. Nutzer müssen sich unter Nicknames in dem nicht öffentlich einsehbaren Forum anmelden und werden von den Admins erst nach Prüfung frei geschaltet. Auch wenn deutsche Nutzer sich weiterhin nicht zu B&H bekennen, ideologisch stehen sie dem kriminellen, rassistischen Netzwerk in nichts nach. Und ihren Humor zelebrieren die Neonazis auf ihre Weise, etwa in einer Sammlung von „Judenwitzen“: „Was ist ein Jude mit einer Gasmaske -> Spielverderber“ Oder: „ Ein Jude und Ein Türke fallen von einem Hochhaus, wer schlägt zuerst am Boden auf? Der Türke, weil scheiße fliegt schneller als Asche.“

In öffentlich einsehbaren Foren, in sozialen Netzwerken, via Twitter oder über die unterdessen zum unüberschaubaren Wust angewachsene Menge an Blogs und „Weltnetzseiten“ verbreiten Neonazis einen solchen Klartext meist weder aus strategischen, noch strafrechtlichen Gründen. Dennoch nutzen sie besonders das für Jugendliche und Heranwachsende zur Alltagskultur gehörende Internet für ihre Propaganda und zum Anwerben. Selbst im Bereich der Online-Baller- und Rollenspiele machen sich Neonazis breit.

So zitierte „jetzt.de“ einen Jugendlichen aus der Spielerszene: „Es gibt faschistische Clans und Communities, die geben sich dann die entsprechenden Namen oder machen diskriminierende, rassistische und antisemitische Äußerungen in den Chats.“ Er selbst gehörte der „Antifa-Gaming“ [antifa-gaming.de] an, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Neonazis virtuell zu „bekämpfen“. Man wolle erwirken, dass Neonazis von Gameservern ausgesperrt würden, widerspreche ihnen in Spieleforen und -chats oder – falls sie nicht vom Admin gesperrt werden –, trete deren Clans in Ballerspielen entgegen, um sie „komplett fertig [zu] machen.“

Weniger martialisch gehen andere Antifaschisten oder Behörden gegen Neonazi-Propaganda im Web vor. Sowohl bei den sozialen Netzwerken (VZs), kommerziellen Foren- und Bloganbietern oder Video-Portalen gibt es Möglichkeiten, anstößige Inhalte zu melden und deren Löschung zu beantragen. Toni Peters vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin rät dazu: „Um gegen solche extrem rechten Online-Parallelwelten vorzugehen, sind aus praktischen Gründen die Administratoren der Communities die ersten Ansprechpartner. Die Beschwerdestellen sollten genutzt werden, um die Betreiber darauf aufmerksam zu machen, was auf ihren Seiten geschieht.“ Weil aber „Twitter“ und „You Tube“ ihren Sitz in den USA haben, können in Deutschland eindeutig strafrechtlich relevante Inhalte trotz Hinweisen gegenüber den Betreibern wegen der liberaleren Gesetze in den USA weiter online bleiben. Dann hilft manchmal nur der Umweg über die Meldestelle [jugendschutz.net/hotline/index.html] für Verstöße gegen Jugendschutzbestimmungen des Portals „jugendschutz.net“.

2005 hatte ein anonymer Teilnehmer eines von Neonazis genutzten Diskussionsforums dazu aufgerufen, aus dem „Ghetto [der eigenen Foren] herauszutreten und andere Politikforen zu infiltrieren“ – etwa, um „die linke Mischpoke auf[zu]wirbel[n]“. Ähnlich gehen längst auch Antifaschisten vor, stören in Neonazi-Foren die Kommunikation und Diskussion. Manchmal geben sie sich sogar als Neonazis aus und streuen dann gezielt in kurzen Beiträgen Gerüchte und Verleumdungen, was wohl die Neonazis selbst in langwierige Diskussionen verwickeln soll.

Einen ähnlichen, wiewohl etwas anderen Fall erlebte eines der wichtigsten Neonazi-Foren weltweit im August 2008. Ein Nutzer hatte sich im „Thiazi“-Forum unter dem Nickname „neger“ angemeldet. „Hallo, ich (dunkelhäutig) bin neu hier und verstehe nicht, wieso ihr teilweise gegen Leute wie mich hetzt. Anscheinend basiert das meiste wohl auf Vorurteilen? Naja, vielleicht kann ich hier ja […] mitwirken. Bis dann, neger“. Einer der Neonazis mutmaßte schon nach wenigen Minuten: „Ich weiss zwar nicht ob du uns nur verarschen willst […]. Solltest du nur rumtrollen wollen, dann wünsche ich dir eine gute heimreise.“ Teils ironisch, teils fachkundig und immer ausgesprochen höflich gegenüber den Neonazis diskutierte der vermeintliche „Untermensch“ dann rund zwanzig Stunden mit diesen – er führte sie vor und löste überdies kontroverse Diskussionen, Streitereien und gegenseitige Beleidigungen unter den Neonazis aus, bis der Admin dann den Threat sperren musste.

Für die „Datenantifa“ – mit dem Namen schmücken sich wohl verschiedene Hacker und Gruppen – dürfte derlei allenfalls eine Entspannungsübung darstellen. Seit Jahren hackt sie Foren, überschreibt Neonazi- und NPD-Sites oder löscht deren Inhalte. An Heiligabend (!) 2007 wollte sie gar „über 60 Naziseiten gehacked“ und später die Daten ausgewertet haben. Betroffen waren besonders Homepages von nordrhein-westfälischen Neonazi-Gruppen und Bands sowie NS-Webforen. Der Heiligabend-Hack dürfte fast ein Kinderspiel gewesen sein – die „Datenantifa“ hatte nicht wirklich all sechzig Websites einzeln angegriffen, sondern „nur“ den Server, auf dem diese lagerten.

Einer der größten Coups neben dem Hack des B&H-Forums 2008 dürfte der „Datenantifa“ jedoch schon 2005 gelungen sein – was „Spiegel TV“ eindrucksvoll belegen konnte [http://www.youtube.com/watch?v=vBTHn5QkQtg]. Während das TV-Magazin investigativ über die NPD in Sachsen recherchierte, kamen die Reporter in Kontakt zu Antifa-Hackern, die Einblick in den teils nicht öffentlichen Webverbund „Heimatschutznetzwerk Sachsen“ (HSN) hatten. Aufgedeckt wurde demnach, dass es Kontakte zwischen der verbotenen Gruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und der NPD-Landtagsfraktion gab.

Im Zuge der Recherchen warnte ein „Kamerad“ demnach zudem über die internen HSN-Kommunikationsstrukturen vor „Spiegel TV“. Vor dessen Kamera hatte zwar das NPD-Mitglied bestritten, etwas mit dem HSN zu tun zu haben. Doch im abgeschotteten HSN-Kommunikationsnetz lasen „Datenantifa“ und Reporter kurz darauf: „Bei mir tanzten die auch an und fragten […], ob ich denn der Betreiber des heimatschutz.org sei […].“ Kurz darauf überschrieb die „Datenantifa“ die Webseiten besagten Netzwerks mit „[game! over]“ und schmückte sie mit einem RAF-artigen Stern nebst Maschinenpistole. [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine]


1 Antwort auf “GegenRechts: Daten[/Antifa]”


  1. 1 EnjoyLiberty 18. Dezember 2009 um 15:11 Uhr

    „ Ein Jude und Ein Türke fallen von einem Hochhaus, wer schlägt zuerst am Boden auf? Der Türke, weil scheiße fliegt schneller als Asche.“

    Weil scheiße fliegt schneller als Asche? Die wohl auch nix Deutsch waaaas?

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