Rechts: Haller und Reitz profilieren sich via Stolberg weiter …

Stolberg/Niederzier/Pulheim. Ungeachtet der Appelle der Eltern eines Todesopfers, die trauernde Familie in Ruhe zu lassen [1], rufen Neonazis seit gestern via Internet abermals zu „Trauermärschen“ in Stolberg auf. Den tragischen Tod des 19-jährigen Berufsschülers haben Neonazis seit dem Todestag 2008 zu insgesamt fünf Aufmärschen [2] in Stolberg genutzt. Wie in der Vergangenheit gehören der Dürener NPD-Kreischef, Ingo Haller (Niederzier), und der Neonazi und Volksverhetzer, Axel Reitz (Pulheim bei Köln), zu den Organisatoren des braunen Spuks.

Weil der 18-Jährige Täter – der das Opfer im Streit erstochen hatte – ein Migrant war, nutzten Neonazis die „Trauermärsche“ bisher immer, um aggressiv gegen Migranten zu hetzen. So verglich Haller etwa in seiner Rede am 4. April 2009 vor rund 530 „Kameraden“ den „Nationalen Widerstand“ mit einem Bauer, der sein Land bestellt. Gelegentlich müsse er dann auch „Unkrautvernichter“ einsetzen, um „unerwünschte Gäste“ – gemeint waren Hallers Analogie folgend Migranten – zu bekämpfen. Überdies sollen die Stolberger Aufmärsche – der größte fand mit 800 Neonazis am 12. April 2008 statt – dazu dienen, den Zusammenhalt innerhalb der Neonazi- und NPD-Szene zu festigen.

Reitz hatte genau das nämlich am 26. April 2008 in Stolberg vor rund 450 „Kameraden“ so umschrieben: „Das Blut von Kevin, das stellvertretend für unser Volk geflossen ist, ist der beste Kitt, der uns zusammenschweißen wird, der uns all die Unterdrückung, all die Schikane, all den Terror des Systems überstehen lässt und uns wieder aufrichten lässt ein neues Deutschland…“ Nachdem das TV-Magazin „Report Mainz“ anhand des Zitates deutlich gemacht hatte, dass Neonazis den Fall nur benutzen und die Eltern deren Treiben als Psychoterror ansehen, hatte Reitz sich zu einer Stellungnahme aufgerufen gefühlt:

„In typischer Gutmenschenmanier des Systems wird auf Einzelschicksale wie das der bedauerlichen Eltern von Kevin […] verwiesen […]. Die Erfahrung lehrte uns, daß auch Angehörige unserer Zusammenhänge gegen diese sentimentale Mitleidstour nicht gefeit sind und sich deshalb zu Äußerungen hinreißen lassen […]. Ganz offen wurde in nationalen Kreisen schon der Ansicht gehuldigt, wir hätten dem Wunsch der Eltern nachzukommen, die Gedenkaktivitäten einzustellen. […] Sicherlich können Kevins Eltern uns leid tun […]. Dies sollte uns aber keinesfalls zu der irrigen Ansicht verleiten, daß das Gedenken […] in irgend einer Art und Weise diskutabel wäre! Deshalb sollte ein jeder von uns dafür Sorge tragen, daß entsprechende ‚Diskussionen’ unterbleiben [oder] umgehend als das entlarvt werden, was sie sind: Nämlich Vehikel zum Transport von gutmenschlicher Propaganda […].“

In diesem Jahr sollen laut Haller am 2. April (Karfreitag) ein abendlicher Fackelmarsch und am 3. April (Ostersamstag) ein großer Neonazi-Aufmarsch stattfinden. Haller betonte, er werde abermals bei der Organisation durch Reitz und Neonazi-Gruppen aus der Region unterstützt. Im Vorfeld der Landtagswahl 2010 legt der umtriebige NPD-Kader in einer Stellungnahme Wert darauf, dass der Aufmarsch keine NPD-Veranstaltung sei. Parteifahnen seien daher „untersagt“. Als Treffpunkt für den großen Aufmarsch am Samstag wird der Haltepunkt „Schneidmühle“ der Regionalbahn genannt – ab 12 Uhr.

Zum Bewerben wurde wieder eine eigene Website ins Internet eingestellt, zudem wurden sowohl ein Video, Flugblätter, Aufkleber und Plakate produziert – erstmals soll auch ein „Solidaritäts-Shirt“ bedruckt und angeboten werden. Haller schreibt zudem, dass vergangenes Jahr die „Teilnehmerzahl des großen Trauermarsches erheblich gesteigert werden konnte“. Offenbar meint er damit die 530 Teilnehmer vom 4. April 2009 gegenüber jenen des NPD-Aufmarsches am 26. April 2008 (450) und blendet den von Christian Worch am 12. April 2008 (800) organisierten Marsch aus. Dennoch wolle man in diesem Jahr die Teilnehmerzahl gegenüber 2009 steigern, so Haller.

Aus diesem Grund würden auch „auf größeren Versammlungen in ganz Deutschland […] erste Flugblätter mit dem offiziellen Veranstaltungsaufruf verbreitet“. Darüber hinaus rufe man via Web bundesweit „alle Gruppen und Aktivisten [auf], selbst kreativ aktiv zu werden und die Veranstaltung im Vorfeld in das Bewußtsein der Bevölkerung zu tragen. […] Natürlich distanzieren wir uns ausdrücklich von der Begehung etwaiger ungesetzlicher Handlungen! Wir weisen darauf hin, dass das Besprühen, Bekleben, Bemalen usw. von öffentlichen oder einem nicht selbst gehörenden, also fremden Flächen eine Sachbeschädigung darstellt.“

Haller selbst scheint sich einen „gesittet[en]“ Aufmarsch zu wünschen. Obschon ihm noch keine polizeilichen Auflagen für die Aufmärsche vorliegen sollen, untersagt er in den seit gestern einsehbaren „[e]igene[n] Auflagen“ u.a. das Tragen von „Bomberjacken und Springerstiefel[n]“, „szenetypische Aufschriften“ auf Kleidungsstücken, „Vermummung“ nach Art der „Autonomen Nationalisten“ (AN) sowie „alle englischen und nicht-themenbezogenen Parolen“. Begründung: „Wir repräsentieren immer noch ein Volk, samt Kultur und Identität, keine neuzeitlichen Subkulturen etc.“

Und worum geht es wirklich? Auch dazu bieten die schon publizierten Auflagen einen Hinweis: „Benehmt euch entsprechend eurer Weltanschauung, und bedenkt dass wir an diesem Tage ein politisches Ziel verkörpern und verbreiten wollen.“ Laut Flugblatt wolle man nämlich die „antideutsche Normalität ANGREIFEN!“ Und durch die Publizität „den sinnlosen Tod eines jungen Volksgenossen weit über die Grenzen der Region in das Bewusstsein der Menschen bringen.“ Kevin sei ein Opfer der Einwanderungspolitik und eines „gefährliche[n] Gemisch[s] von Volksgruppen aus aller Herren Länder“.

Jedoch, heißt es im Flugblatt weiter: Der „Mord an Kevin“ sei „erst gesühnt, wenn wir die Zustände […] geändert haben.“ Gemeint ist damit, dass (kriminelle) Ausländer Deutschland verlassen sollen, und – siehe Haller 2009 – wenn sie dies nicht freiwillig zu tun gedenken, müsse der „Nationale Widerstand“ eben „Unkrautvernichter“ benutzen… [© Klarmann]

[1] Wut auf Täter und Wut auf NPD…; (Kein) Mitleid mit den Erzeugern von Stolberger Todesopfer
[2] Siehe dazu den ausführlichen Hintergrundbericht Mär und Märtyrer…


13 Antworten auf “Rechts: Haller und Reitz profilieren sich via Stolberg weiter …”


  1. 1 nail 05. Januar 2010 um 16:46 Uhr

    Mit welcher Ernsthaftigkeit I. Haller an seine eigenen Auflagen geht, wird z.B. daran deutlich, dass er zur Auflage macht das „..Rauchen ist ebenso ab Beginn der Veranstaltung untersagt, und erst wieder nach Auflösung gestattet, auch bei den Zwischenkundgebungen bitten wir um Disziplin“.

    Er selber nimmt sich da wohl aus,siehe das Mobivideo seiner MIschpoke (Bitte selber suchen) wo er genüsslich während einer Rede rauchend daneben steht.
    Aber alles neu macht 2010 Herr Haller….hm?

  2. 2 N.W. 05. Januar 2010 um 17:33 Uhr

    … nenene, die können es einfach nicht lassen!
    Aber gut … wenn die meinen die Ruhe eines Toten immer wieder auf’s Neue zu stören und das mit ihrem Gewissen ( … haben die überhaupt sowas? … ) vereinbaren zu können, ebenfalls dass die Eltern von Kevin darunter leiden …

    Naja, da sieht man mal, wie egoistisch man sein kann nur um aus tragischen Vorfällen Profit zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen!

    Armes Deutschland!!!

  3. 3 Evangelischer Christ 05. Januar 2010 um 23:32 Uhr

    Der 2. April 2009 ist Karfreitag.

    Karfreitag ist einer der höchsten christlichen Feiertage, in der evangelischen Kirche sogar der höchste Feiertag überhaupt.

    Wenn also Christinnen und Christen einem Nazifackelmarsch an diesem Tag nicht widerstehen, verleugnen sie – wie damals Petrus – erneut Jesus Christus.

    soweit ich das sehe, gilt an karfreitag – ähnlich wie weihnachten und totensonntag – ein gewisses demonstrationsverbot?? mik

  4. 4 Evangelischer Christ 06. Januar 2010 um 0:11 Uhr

    Quelle zu meinem letzten Kommentar:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Karfreitag

    „… In den evangelischen Kirchen …

    Durch die Konzentration der evangelischen Predigt auf die Bedeutung des Erlösungswerkes Christi (Solus Christus) und die Theologie des Kreuzes entwickelte sich der Karfreitag in der Zeit der Lutherischen Orthodoxie zum wichtigsten Feiertag in den evangelischen Landeskirchen – eine Bedeutung, die er bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beibehielt. …“

    Laut meiner Erinnerung habe ich in der Schule im Religionsunterricht gelernt, dass der Karfreitag in der evangelischen Kirche der höchste Feiertag ist.

  5. 5 Odl 06. Januar 2010 um 2:16 Uhr

    @N.W
    Was für einen Profit meinst Du?Wir bekommen kein Geld dafür!

    im blog-beitrag steht genau begründet, was mit „profitieren“ gemeint ist; aber danke, dass sie uns ihren wahnhaften judenhass in wenigen worten skizzierten: für sie hat profit(ieren) also immer mit geld zu tun und ist damit „jüdisch“… mik

  6. 6 Wehrhafte Demokratie 06. Januar 2010 um 2:26 Uhr

    Irgendwie klingt das „Benehmt euch entsprechend eurer Weltanschauung“ bei einer Bande die sich in Tradition von Leuten steht die Vernichtungskriege in Russland, Massenmorde an Sinti, Roma und Juden, größere Mengen an sonstigen Kriegsverbrechen und Gewalt gegenüber allen die nicht ins briefmarkengroße Weltbild passen, nach einer Drohung.
    Hoffen wir mal, dass Stolberg nicht bei der Abreise zu verbrannter Erde gemacht wird, weil es da ja noch einen Führerbefehl gibt.

  7. 7 Klar, Mann? 06. Januar 2010 um 11:03 Uhr

    Text wurde an drei Stellen (ein Halbsatz, zwei Angaben zu Feiertagen) sehr gering ergänzt.

    Mik

  8. 8 Klar, Mann? 07. Januar 2010 um 11:24 Uhr

    Ich denke, aus gegebenen Anlass sollte man an dieser Stelle noch einmal auf die Website der Eltern verweisen:

    http://www.kevin-plum.de/1.html

  9. 9 Rente 07. Januar 2010 um 12:46 Uhr

    Ich wunder mich das Herr Reitz sich hier dazu garnicht äußert? Vermutlich wie so oft die Fakten die Mik hier aufbereitet sind die reine Wahrheit, zumal die Eltern mehrmals gesagt haben das sie in ruhe gelassen werden wollen.

    Ich finde das eine dreistigkeit sondergleichen, die Politische Meinungsmache vor dem Schmerz der Eltern zu stellen. Da sollte es auch Richtlinien geben.

  10. 10 N.W. 07. Januar 2010 um 18:55 Uhr

    @ Odl:
    … erst wollte ich dir nicht antworten, denn du scheinst nicht in der Lage zu sein ein paar einfache Sätze lesen und verstehen(!) zu können.

    Den Profit, denn ihr dadurch machen wollt ist, dass ihr die Aufmerksamkeit auf euch lenken wollt.

    Doch es ist eine bodenlose Frechheit, eine Rücksichtslosigkeit der Familie und den betroffenden Menschen gegenüber und einfach nur eine zu verachtend „Aktion“, die ihr wieder einmal vorhabt.

    Manchmal frage ich mich wirklich, was es für einen Sinn macht, so etwas zu fabrizieren.
    Braucht ihr das, dass Menschen am Boden zerstört sind?!
    Dass die Familie von Kevin daran zu Grunde geht, wenn ihr so weitermacht?!
    Dass ihr seht, wie diese leiden?!
    Das ihr nicht einfühlsam oder wenigstens verständnisvoll seid?
    Seht ihr denn nicht, dass ihr euch damit in ein so was von negatives Licht stellt, dass es eigentlich kaum noch schlimmer geht?

    Wie denkt ihr denn?! Glaubt ihr, dass so etwas bei der Bevölkerung gut ankommt?
    Denkt ihr wirklich, dass die es als positiv empfinden, wenn ihr nicht in der Lage seid die Ruhe eines Toten zu gewähren?

    Wenn ihr ehrlich zu euch sein könntet, dann würdet ihr mir Recht geben. Dann würdet ihr einsehen, dass man so was als MENSCH nicht macht. Rücksicht ist etwas, was den Grundstein des Überlebens sichert, von dem auch IHR profitiert.

    Das einzig Positive, was ich noch dazu sagen möchte ist, dass ich weiß, dass ihr mir eigentlich Recht gebt.

    Ihr wisst, dass das was ich geschrieben habe richtig ist.
    Ihr wisst, dass ihr euch mit eurem „Trauermarsch“ zum Gespött der Stadt und der restlichen Bevölkerung macht.
    Ihr wisst, dass ihr etwas Falsches macht.

    … aber ihr seid (noch?) nicht in der Lage, dies selber festzustellen.
    Aber wer weiß -ich wünsche es niemandem- noch nicht einmal euch … aber wenn so etwas in einer von euren Familien passieren würde, dann würde ich euch mal gerne sehen.

    Denkt mal drüber nach und lügt euch nicht immer selber an!

  11. 11 Klar, Mann? 08. Januar 2010 um 18:19 Uhr
  12. 12 Rente 08. Januar 2010 um 23:31 Uhr

    Perfide, Pervers anders kann man diese Aufmärsche nicht nennen. Ernsthaft da kriegt man ja einen üblen Kotzreitz wenn man das liest.

    Ich denke aber das die Deutsche Gerichtsbarkeit die Aufmärsche diesmal wohl nicht gestatten wird. Wenigstens hoffe ich das es so seien wird.

  13. 13 Peter 09. Januar 2010 um 10:35 Uhr

    Anscheinend hängen sich Neonazis immer wieder an Themen auf, die der Wahrheit widersprechen!

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