Gedenken: Vom Überleben eines Kindes zwischen Kot, Leichen und Menschenversuchen

Aachen. Im Vorfeld des am Mittwoch begangenen Holocaust-Gedenktages haben schon am Sonntag rund 80 Menschen in der Citykirche St. Nikolaus den Opfern des Holocaust gedacht. Eingeladen zu der Veranstaltung mit dem Titel „Transportnummer VIII/1 387 hat überlebt“ hatte die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd). Besagte „Nummer“ war von 1942 an das jüdische Mädchen Margot Kleinberger gewesen – eines der wenigen überlebenden Kinder von rund 15.000 Kindern, die im KZ Theresienstadt waren.

Margot Kleinberger hat in ihrem autobiografischen Buch „Transportnummer VIII/1 387 hat überlebt“ (Droste-Verlag) ihr Schicksal geschildert. Eindringliche Passagen aus eben jenem Buch wurden während der Gedenkfeier am Sonntag vorgetragen, musikalisch umrahmt durch sentimentale Klezmer-Klänge des Ensembles „Shpil, Klezmer, shpil“ (Mönchengladbach).

„Meine Eltern waren stolz darauf, Deutsche zu sein. Mein Vater diente im Ersten Weltkrieg, meine Mutter versorgte als Krankenschwester die Kranken,“ hatte die Überlebende später über den Beginn der Judenverfolgung durch die Nazis niedergeschrieben. Ihr Vater hatte im Krieg ein Bein verloren und war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Eben jenes und seine konservative Grundhaltung ließ ihn glauben, die Nazis würden sich nie an jemanden vergreifen, der dem Vaterland „gedient“ hatte.

Ein Trugschluss, wie die vorgetragenen Passagen aus dem Buch belegten. Margot war mit ihrer Familie 1942 als elfjähriges Mädchen von Hannover aus nach Theresienstadt deportiert worden. Die Familie litt „furchtbaren Hunger“, lebte in der zum KZ umfunktionierten Festungsstadt unter menschenunwürdigen Bedingungen mit dem Gestank von Kot und Leichenstapeln. Rund 35.000 Juden starben in dem KZ, etwa 97.000 Juden wurden von dem auch als Sammellager dienenden Theresienstadt weiter in den sicheren Tod nach Auschwitz deportiert.

Das Mädchen wurde in dem KZ zeitweise von ihrer Familie getrennt und in der „Infektionsversuchsabteilung“ mit Scharlach, Masern und anderen Krankheiten infiziert. Sie überlebte dennoch die „Folter“ und den „widerlichen Alptraum“. Als sie und ihre Familie 1944 nach Auschwitz deportiert werden sollten, „rettete“ sie ausgerechnet ein SS-Mann im Tross von Adolf Eichmann, einem der Hauptverantwortlichen für die Deportation und Ermordung der Juden.

Jener SS-Mann aus Eichmanns Umfeld hatte im Ersten Weltkrieg mit Margots Vater in derselben Einheit gekämpft. Ihre Familie wurde deswegen auf dessen Geheiß hin nicht in den sicheren Tod nach Auschwitz deportiert, sondern konnte in Theresienstadt bleiben. Am 8. Mai 1945 wurden sie dann von der Roten Armee befreit, nachdem diese schon am 27. Januar 1945 die Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz befreit hatte. Anlässlich jener Befreiung gilt heute der 27. Januar als international begangener Holocaust-Gedenktag. [© Michael Klarmann; für AN]

[Zum Thema:] Anlässlich des Holocaust-Gedenktages findet in Aachen am 27. Januar ein Informations- und Filmabend über das KZ-Lagersystem der Nationalsozialisten statt. Die Veranstaltung im ver.di-Haus (Harscampstraße 20) beginnt um 18 Uhr, zu sehen sein wird der Kurzfilm „Nacht und Nebel“. Er entstand laut VVN-BdA „als Mahnmal gegen das Vergessen“ im Jahre 1955. Regie führte Alain Resnais.

Unter dem Motto „Damals verfolgt – heute vergessen?“ findet zudem am 27. Januar in Herzogenrath eine euregionale Veranstaltung verschiedener Volkshochschulen mit der Präsentation von Schulprojekten, Informationen und Talkrunden statt. Die Veranstaltung findet zwischen 18 und 21 Uhr im Soziokulturellen Zentrum Klösterchen (Dahlemer Straße 28) in Herzogenrath-Merkstein statt. (mik)


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