Wegberg. Die rechtsextreme Welt im Kreis Heinsberg scheint weiter muntere Beiträge einer rasch wachsenden Irrationalität zu liefern. Hatte sich etwa der Erkelenzer NPD-Ratsmann Holger Wilke für ein würdigeres Gedenken an die Opfer des Holocaust stark gemacht und wurde dafür von seiner Partei zurückgepfiffen [1], verschickt nun ein Senior aus Wegberg ein selbst verfasstes Buch offenbar besonders an Händler und Gewerbetreibende. Er weist sie zudem darauf hin, dass „zu Zeiten des Nationalsozialismus“ lediglich ein „rotsozialistische[r] Mop in brauner Uniform“ sein Unwesen trieb. Sein Buch wurde laut Buchhandel.de [2] jedoch im NPD-eigenen Verlag „Deutsche Stimme“ (DS) publiziert, der Autor selbst gibt indes an, sein Buch im Eigenverlag veröffentlicht zu haben. Da auf dem Cover eine „Tyr Edition“ angegeben ist, könnte der DS-Verlag nur als Vertrieb des Buches fungieren.
Laut Verlagstext erschien das Buch „Wer nicht dabei war, weiß nichts. Aus dem Leben eines Zeitzeugen 1928 – 2006“ von Heinz T. Mainz (82) schon im Jahre 2006 – scheint sich aber nicht sonderlich gut verkauft zu haben. Denn via Post soll der Rentner derzeit sein „unerwünschte[s] Buch“ tatsächlich „Exklusiv vom Autor!“ in größerer Anzahl an Menschen verschickt haben, deren Adresse er möglicherweise in Branchen- oder Telefonbüchern fand. Ein den Büchersendungen unerlaubterweise beiliegendes Rundschreiben richtet sich dabei speziell an „Handwerk – Handel und Gewerbe!“ Während andere Autoren indes ihre Bücher über den Buchhandel verbreiten lassen, glaubt Mainz, wegen der „panische[n] Angst der Herrschenden vor der Wahrheit“ hätten die „Herrschenden“ alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Verkauf zu behindern. Erstaunlich, dass ein Mann aus dem Kreis Heinsberg davon ausgeht, ausgerechnet seinen Lebenserinnerungen wohne so viel Macht inne…
Die Buchankündigung des DS-Verlags liest sich zahmer und erinnert an jene Bücher, in denen Menschen üblicherweise bei Druckkostenzuschuss-Verlagen ihre persönlichen Erinnerungen in Minimalauflage publizieren lassen: „Als Zeitzeuge hält der Autor Rückblick auf fast acht Jahrzehnte. Er schildert sein Leben von der Kindheit im Dritten Reich in Mönchengladbach-Rheydt bis in die nahe Gegenwart. Seinen Fronteinsatz mit 17 Jahren, die Flucht aus der Gefangenschaft, die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre in den Ruinen seiner Vaterstadt Rheydt und den Wiederaufbau gibt der Autor eindrucksvoll wieder. Er erzählt von seiner Sturm- und Drangzeit im Nachkriegsdeutschland, über Schwarzmarktgeschäfte im niederrheinisch-holländischen Grenzgebiet, schnelle Motorräder, schöne Frauen, beschreibt seinen beruflichen Werdegang vom Handwerksburschen bis zum Bauunternehmer […].“
Doch Mainz ist nur halb so handzahm, wie die Verlagsinfo Glauben machen will. In dem den Büchersendungen beiliegenden Rundbrief zückt er alle Register des Rechtsextremismus, der konservativen Revolution, des extremsten Antikommunismus und der sich solide ausgedachten Verschwörungstheorie. Sein Buch sei den „herrschenden ‚Gutmenschen’ in Berlin […] wegen der darin enthaltenen Wahrheiten ein Dorn im Auge. Deswegen sind die Buchhandlungen angewiesen [sic!], dieses Buch/Autobiographie […] nicht auszulegen bzw. zu verkaufen.“ Das alles erinnere an „das – Dritte Reich- und de[n] ehemaligen Unrechtsstaat – DDR“. Bundeskanzlerin Merkel stamme bekanntlich aus der DDR, wo sie – dies weiß der Autor – „bereits als antiwestliche pro- kommunistische-rotsozialistische FDJ Agitatorin in stasinahen Kreisen ihr Observationsunwesen, gegen westlich orientierte Personen trieb!“
Ob Mainz derlei ebenso in seinem Buch verbreitet, ist (dem Autor dieser Zeilen derzeit noch) unklar. In seiner „wahrheitsgemäßen Autobiografie“ will er jedoch – „wenn auch sehr vorsichtig zum eigenen Schutz“ – auf die „regierungsseitigen Verbrechen am deutschen Volk“ hinweisen. Unterdrückung freier Gedanken, so der Mann, dessen Eigenverlag nach einer in Neonazi-Kreisen beliebten Rune benannt ist und dessen Buch über den Verlag der in Teilen offen neonazistisch auftretenden NPD vertrieben wird, habe es in Deutschland auch schon gegeben – nämlich „zu Zeiten des Nationalsozialismus, als der rotsozialistische Mop [sic! (3)] in brauner Uniform, in unmittelbarer Verwandtschaft zu den Kommunisten, schon das Sagen hatte. Es wiederholt sich alles in der Geschichte,“ schreibt Mainz weiter und will damit offenbar andeuten (s.o.), dass Merkel und Demokratie den Nationalsozialisten näher sind, als die wirklichen Neonazis ihrem historischen Vorbild.
Mainz ruft zudem in seinem Schreiben dazu auf, mit „vereinten Kräften die notwendige Aufklärung unseres unterdrückten Volkes zu betreiben.“ Für den Anfang sollten die Empfänger ihm jedoch bitte 12,50 Euro überweisen. „Um die Weitergabe an jüngere Menschen, denen bisher nur Müll und geistiger Durchfall von den ‚Gutmenschen’ hinsichtlich des – DEUTSCHEN SEINS – infiltriert wurde, erlaube ich mir zu bitten.“ [© Klarmann]
[1] Der ewige Judenhass; NPD-Einzelkämpfer fordert würdigeres Gedenken an die jüdischen Opfer der Nazis
[2] Detailansicht
[3] Gemeint sein dürfte der Mob, also eine Masse von Menschen, die sich nicht eben nett benimmt. Mop[p] hingegen ist die Bezeichnung für ein Putzgerät, das zur Fußbodenreinigung genutzt wird.
Das Buch stammt tatsächlich aus dem DS-Verlag – wie an der ISBN zu erkennen ist.
Vielleicht ist ja auch die im Garten jetzt schon eine ganze Weile gehisste Reichskriegsflagge von besagter Person.
Tatsächlich soll jenes Bild mit besagtem Autoren in enger Verbindung stehen:
http://klarmann.blogsport.de/2009/06/03/rechts-das-reich-besteht-noch-immer-fort-in-wegberg/