Wirtschaft: Sexis(t)mus(s)

Manchmal hat selbst ein ungepflegter „Männerwitz“ etwas Prophetisches. Und der ging in den 1980er Jahren so. Nein, man(n) habe gar nichts gegen die Frauenbewegung. Pause. Abwarten. Und dann: Es sei nämlich ganz okay, wenn Frauen sich beim Sex auch bewegen – und das mache den Mann eben happy. In Zeiten, in denen unter sexueller Revolution und Frauenemanzipation manchmal nur noch verstanden wird, dass TV-Zeitschriften sich am besten verkaufen, wenn selbstbewusst auftretende weibliche Stars mit tief ausgeschnittenen Dekolletés das Cover „schmücken“, hat sich jener „Männerwitz“ bewahrheiten – diese Frauenbewegung ist doch ganz nett, woll?

„Sex sells!“ – nicht nur ein Blick in die Medienwelt zeigt, dass diese Losung aktueller denn je ist. Verängstigt durch ein Übermaß an perfekter Körperlichkeit in den Medien, in der Popmusik, im Kino und in der Werbung fühlen sich Teenagerinnen manchmal unwohl in ihrer Haut, sparen auf eine Schönheits-OP oder Brustvergrößerung, fiebern in Einzelfällen angeblich dem ersten Gangbang mit den Gangsterrap-Buben aus dem Kiez entgegen oder wollen mittels Voyeurismus-Gangbangs mit Heidi Klum und ihrem TV-Millionenpublikum berühmt werden. Zeitgleich jedoch erhalten Frauen in gleichen Tätigkeitsfeldern fast immer noch weniger Lohn und Gehalt als Männer oder leben in prekären Verhältnissen, weil sie nur schlechtere Jobs oder gar keine Arbeit finden – woran auch die erste Bundeskanzlerin nicht wirklich etwas geändert hat.

Die angeblich selbstbewusste Frau oder das angeblich selbstbewusste Mädel weiß offenbar heute ganz genau, was Emanzipation sein soll – und was gezeigt werden muss in sozialen Netzwerken oder Singlebörsen im Web, um sich einen Mann zu „angeln“. Mangels Professionalität überschreitet manches davon allerdings die Schwelle der Realsatire. Da wird sich auf dem Wohnzimmerteppich, im Bett oder auf dem Sofa geräkelt, manchmal leicht bekleidet, versuchen junge Mädels kaum vorhandenen Rundungen durch Verrenkungen zu betonen oder im Bikini zu posieren. Nicht selten werden die Objektive der Digitalkameras nicht auf, sondern perspektivisch nahezu in den Ausschnitt gerichtet. Definieren sich solche Frauen und Mädchen nur über Po und Busen? Zählt es zur sexuellen Befreiung sowie der nach jahrelangen, heftigen Diskussionen und Kämpfen von Horror-Emanzen wie Alice Schwarzer zeitweise erstrittenen Recht auf Selbstbestimmung einer Frau, dass Mädchen und Frauen sich heutzutage so zeigen „dürfen“? Und fanden wirklich alle Mädels das „Titten raus!“-Motto auf der Love Parade toll? Spätestens mit dem Dreh des ersten Pornofilms am Rande derselben dürften sich indes die Definitionsgrenzen dazu verschoben haben…

Britney Spears hatte einmal ein deutsches Coverpüppchen, Jeanette Biedermann. Diese trat 2002 in Aachen auf. Auffällig war, dass sie ein zu rund 80 Prozent weibliches Publikum anzog, abzüglich der sie begleitenden Mütter dürften insgesamt 65 bis 70 Prozent des Publikums aus Teenagerinnen bestanden haben, die kurz vor oder in der Pubertät waren. Doch je länger das Konzert dauerte, desto kürzer wurden die Röcke und Hotpants der sich ständig hinter der Bühne umkleidenden Sängerin, bis hin zu einem Outfit, dem etwas Frühpornografisches anhaftete. Heute darf man das also öffentlich zeigen, sogar auf einem angesehenen städtischen Platz, gelegen zwischen historischem Rathaus, dem heiligen Dom zu Aachen, dem Sitz des Bischofs und der katholischen Domsingschule.

Nur verstockte Konservative, elendige Spaßverderber oder verklemmte Prüderasten würden daran Anstoß nehmen – oder sich die Frage ausdenken: Wem wollte die Biedermann mit ihrem Outfit eigentlich den Kopf verdrehen, bei 65 bis 70 Prozent Mädels im Publikum? In manchen Vierteln kann man heute schon Grundschülerinnen sehen, die im Sommer zum Unterricht mittels Top, Minirock und kniehohen Lederstiefeln der Mama nacheifern (wollen). Wächst hier eine neue Generation heran von Mädchen, die sich nur noch über ihr Äußeres definieren und bald schon leicht bekleidet in einer Talentshow auftreten, damit „Vati [sich] den Weg in die Münzkabine“ sparen kann (Harald Schmidt)?

„Die Rückkehr des Sexismus – Frauenquälen für die ganze Familie“ titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) Anfang Februar zum Bericht über das neue Buch der Journalistin und Feministin Natasha Walter. Jahre nach ihrem ersten Buch „The New Feminism“, in dem sie von selbstbewussten, starken Frauen und Mädchen berichtete, die sich von niemanden vorschreiben lassen wollten, was sie zu tun, zu tragen oder zu entscheiden haben, fällt Walters Bilanz in „Living Dolls – The Return of Sexism“ anders aus: Zeigen Mädchen in Castingshows wirklich freiwillig fast alles, sind anrüchige Miss-Wahlen oder Wet-T-Shirts-Contests in Diskotheken wirklich eine Gaudi für die Mädchen und sparen sie tatsächlich aus eigenem Antrieb heraus ihr Geld, um sich Silikonkissen in den Busen einbauen zu lassen?

Fragen könnte man auch: Träumen Mädchen in Einzelfällen wirklich von einem Gangbang, oder sind sie nur zur Massenvergewaltigung bereit, weil sie meinen, sie müssten sich gegenüber den Jungs, den Konkurrentinnen oder gar den Darstellerinnen in den im Web massenhaft abrufbaren Pornos behaupten? Schon Bernd Eichingers Verfilmung „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ und die darin von Jennifer Jason Leigh gespielte Tralala könnten jedoch erahnen lassen, dass derlei „Treiben“ auf der Suche nach Anerkennung und im (Alkohol-)Rausch nicht wirklich etwas mit sexueller Freiheit zu tun haben. ProSieben plante übrigens Anfang 2010 eine vermeintliche Doku-Soap namens „50 pro Semester“, in der fünf von Schauspielern dargestellte Studenten vermeintlich darum wetteifern sollten, wer fünfzig Frauen oder Männer in einem Semester ins Bett bekommt…

FAS-Autor Jörg Thomann fand: „Wenn eine Mutter ihrer Tochter vermittelt, Nacktfotos in einem schmierigen Magazin seien erstrebenswert, dann ist die sexuelle Befreiung der Frau irgendwie missverstanden worden. Die junge Frau, die oben ohne für die ‚Bild’-Zeitung posiert, macht im Grunde nichts anderes als Britney Spears, wenn diese in Strapsen auf der Bühne herumturnt, auch wenn die eine damit 500 Euro verdient und die andere Millionen. Als Akt der Emanzipation jedoch oder gar als Ausdruck weiblicher Macht über den Mann lässt sich beides nur mit viel Phantasie deuten. […] Walter hat [bei ihren Recherchen zum Buch] mit Männermagazin-Redakteuren [gesprochen], die ihre halbpornographischen Hefte als harmlos anpreisen, aber auf die Frage, ob sie ihre eigene Tochter gern darin sähen, herumdrucksen.“

Die meisten Nutznießer jener angeblichen, ästhetisch auftretenden Anti-Prüderie-Bewegung scheinen also auch der Doppel- und Scheinmoral anzuhängen. Und während Medienkonzerne heute unter Vortäuschung falscher Tatsachen bewusst ihr Geld auf Kosten anderer, in dem Falle eben oft von Mädchen, erwirtschaften, glänzen wieder andere als vermeintliche Frauenrechtler. Der hessische Ministerpräsident, Roland Koch (CDU), hatte etwa Ende 2007 angeregt, das Tragen von Burkas („Mobiles Gefängnis für Frauen“, Hessischer Rundfunk) an Schulen zu verbieten – wobei es seinerzeit in Hessen laut Landeselternbeirat und den Kreisschulämtern keinen einzigen Fall einer Schülerin gab, die den Unterricht in einer Burka besuchen wollte. Aus Kochs politischer Kaderschmiede kommt übrigens Kristina Köhler (CDU), die Frauen- und Familienministerin, die sich nie selbst als Feministin ansehen würde.

Zugegeben, auch die Burka ist die in Stoff manifestierte Frauenfeindlichkeit. Aber was ist Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“? Eine „Kombination aus Fleischbeschau und Fremdschämen“, fand stern.de. Oder was ist das TV-Format „Sommermädchen 2009“? Für die Süddeutsche Zeitung „Bikini-Spiele im Privatfernsehen“. Und wie könnte man „Die Model-WG“ auch nennen? „Resteverwertung von ‚Germany’s Next Topmodel’“, so die Tageszeitung Die Welt. Und, um die nur kurze Auswahl zu beenden, was fiel den Medien zu „Mission Hollywood“ ein? „Im Berufsleben nennt man das sexuelle Belästigung. Bei RTL heißt das ‚Mission Hollywood’“, so stern.de… [© Michael Klarmann; für Ox-Fanzine]