Aachen. Ohne zu viel verraten zu wollen: am Ende leuchtet doch noch ein zarter Hoffnungsschimmer hinter den Kulissen auf. Doch bis dahin liefert das neue Stück des chaOSTheaters eine Mischung aus Gewalt, Hass, Dekadenz, der Lust am Bösen – und der mittels Menschenversuch praktizierten Umerziehung von Gewalttätern durch einen Polizeistaat. „Clockwork Orange“ hatte am Freitagabend Premiere – es besticht durch Radikalität und nachdenklich stimmenden, theatralisch-philosophischen Momenten.

Zurück geht das frei inszenierte Stück auf den gleichnamigen, 1962 erschienenen utopischen Roman von Anthony Burgess sowie den Film von Stanley Kubrick. Es geht um eine brutale Bande, dessen Anführer Alex sich mit seinen „Droogies“ bei Raubüberfällen und Schlägereien „amüsiert“. Ein „Penner“ wird kaltblütig zusammengetreten, ein anderes Opfer vergewaltigt. Alex spricht manchmal im Gossenjargon, mixt deutsche, russische und englische Wörter – Gott ist bei ihm nur „der olle Bock“. Nur sein Musikgeschmack widerspricht seinem sonstigen Wesen, denn er liebt „den guten alten Ludwig van B.“ (Beethoven) abgöttisch, besonders dessen „Neunte“ („Freude schöner Götterfunken“, „Alle Menschen werden Brüder“).
Doch in Alex’ Bande gibt es Hass und Neid. Und als die „Droogies“ ihrem Anführer nach einem für das Opfer tödlich endenden Überfall eine Falle stellen, landet er in den Fängen des Überwachungsstaates – der aber will in seinen Gefängnissen Platz haben. Übliche Kriminelle sollen einer Gehirnwäsche unterzogen werden, sie sollen bereit dazu sein, so der an einen KZ-Mediziner erinnernde Arzt, „lieber gekreuzigt zu werden, als zu kreuzigen.“ Weswegen? Die Zellen sollen frei sein für noch gefährlichere Menschen – politische Gefangene, also Regierungskritiker.
„Clockwork Orange“ ist das bislang aufwendigste und provokanteste Projekt des im Ostviertel sozial-politisch engagierten chaOSTheaters. Fast zweieinhalb Stunden spielen die Schauspieler im Saal des Bürgerzentrums St. Fronleichnam (Schleswigstraße 15). Visuell oder musikalisch untermalen zuweilen Filmszenen oder Rockmusik und klassische Chorgesänge das Stück. Manche Schauspieler sind Laien, das Gros indes sehr ambitionierte Autodidakten, in den langen Jahren des chaOSTheater-Projektes solide herangereift. Semiprofessionell also? Auf jeden Fall bietet das kleine Theater mit dem sehr zeitgemäßen Stoff eines: großes Theater!
Deswegen applaudierte das Premierepublikum am Freitag gut fünfzehn Minuten. Und Richard Okon, Leiter des kirchlichen Jugendtreffs Josefshaus, bei dem das Projekt angesiedelt ist, lobte, das chaOSTheater sei zum ernst zu nehmenden „Stadtteiltheater“ herangewachsen. Es habe mit dem Stück alle bisherigen „Dimensionen gesprengt“. Dem dürfte eigentlich nichts mehr hinzuzufügen sein. Nur der Hoffnungsschimmer? Überraschung… [© Michael Klarmann; für AN]
[Zum Thema] Weitere Aufführungen finden statt am 19., 21., 24., 26. März, am 14., 16., 23., 25., 28., 30. April und am 2. Mai. Abendkasse: 8 Euro; Vorverkauf: 6,50 Euro. Karten sind erhältlich in der Buchhandlung Schmetz Junior, der Bücherinsel am St.-Josefs-Platz, in der OT Josefshaus und via Web unter www.chaostheater.de