Rechts/GegenRechts: Zwei Jahre nach Neonazi-Überfall auf Demonstration noch kein Prozess gegen Angreifer

Aachen. Kurz nach dem Tumult neben dem Glaskubus herrscht das Chaos auch im Kaufhof. Nachdem Neonazis die Demonstration ihrer Gegner angegriffen haben, flüchtet eine Tätergruppe über die Adalbertstraße. Andere Neonazis fliehen durch den Kaufhof, gefolgt von Antifaschisten und der Polizei. Ein rechter Hooligan, HipHop-Musiker und Graffiti-Künstler hilft den teils auswärtigen Neonazi-Schlägern dabei, das Geschäft unbehelligt wieder verlassen zu können. Ein Polizeigroßaufgebot wird einige Neonazis bald darauf trotzdem in einer Gaststätte nahe dem Kaiserplatz festnehmen.

Es ist der 27. März 2008, gegen 18.45 Uhr. Am Eingang des Kaufhofs sammeln Verkäufer umgestoßene Kosmetikartikel ein. Vor der Tür liegt der Sohn der damaligen stellvertretenden Landrätin des Kreises Aachen, Aggi Majewsky, von Pfefferspray niedergestreckt am Boden – er und seine Familie hatten an den Demo gegen Rechts teilgenommen. Zwischen gaffenden Passanten eilen Polizisten der Einsatzhundertschaft umher. Im Kaufhof stellen die Beamten zwei Neonazis – darunter den „Kameradschaftsführer“ der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und stellvertretenden NPD-Kreischef aus Düren. Die Beamten nehmen die Personalien auf, da sie aber nicht ahnen, wen sie vor sich haben, lassen sie die beiden Neonazis abziehen.

Zehn Minuten zuvor hatten fast 40 Neonazis den Protestzug ihrer Gegner angegriffen. Konspirativ hatten sie die Aktion geplant, wollten ursprünglich nur die Demonstration stören und provozieren, hatten selbst Minuten vor dem Angriff noch diskutiert, was sie tun wollen, als die 150 bis 200 Personen schon auf der Peterstraße sind. Letztlich formieren sich die Neonazis – fast alle vermummt, einige mit Schlaghandschuhen ausgestattet – zu einem Block, marschieren Parolen grölend und aggressiv gestikulierend frontal auf ihre Gegner zu. Dann fliegen die Fäuste, Knüppel und Pfeffersprays kommen zum Einsatz, für die Polizei ist die Lage völlig unübersichtlich.

Drei Wochen später wird einer der Neonazis in einem nicht öffentlich einsehbaren rechten Internetforum schreiben: „als wir die antifa demo in aachen überfallen haben“, dass sei „ein spass“ gewesen. Die Täter kamen nach Recherchen der „Nachrichten“ aus Aachen (u.a. Eilendorf, Haaren, Walheim, Richterich), aus Herzogenrath, Stolberg, Düren, aus Dortmund und vom Niederrhein. Die jüngsten Angreifer waren damals erst 15 und 16 Jahre alt. Monate später wird die Staatanwaltschaft gegen vierzehn der mutmaßlichen Angreifer, darunter zwei seinerzeit führende NPD-Funktionäre aus Düren und der Sohn eines Polizeibeamten aus Herzogenrath, Anklage erheben. Einige Personen, gegen die das Verfahren sich richtet, sind später weiter durch Gewalttaten und Angriffe auf Antifaschisten und Punks aufgefallen; ein Verdächtiger steht zudem im Verdacht, Mitte 2008 am Rursee einen Polizisten, der Privat ein Volksfest besuchte, brutal niedergeschlagen zu haben.

Für Freitag (26.3., 18 Uhr, ab Kaiserplatz Richtung Rathaus) rufen Antifaschisten zu einer neuen Demonstration in Aachen auf. Anlässlich des zweiten Jahrestages erinnern sie daran, dass zwar der Versammlungsleiter und ein weiterer Antifaschist vor Gericht standen. Sie sollten sich in dem Chaos anstatt gegen angreifende Neonazis gegen Zivilbeamte der Polizei gewehrt haben. Das Amtgericht stellte das Verfahren gegen die Nazigegner im April 2009 ein – doch die Neonazis stehen bis heute nicht vor Gericht. Sie, die Opfer eines Angriffs, hätten sich indes vor Gericht verantworten müssen „wie gewöhnliche Kriminelle“, kritisiert Kurt Heiler, einer der damals Angeklagten und Anmelder der Demonstration im März 2008. Mangelnde oder zögerliche Strafverfolgungen spielten den Neonazis in die Hände, findet Heiler. Das habe sie nun immer dreister auftreten lassen.

Georg Winkel, Sprecher des Amtsgerichtes, bestätigt auf Anfrage, dass sich das Verfahren vor dem Jugendschöffengericht bisher verzögert hat. Als Grund nennt Winkel eine schwere Erkrankung des zuständigen Richters. Unterdessen habe ein neuer Richter die Abteilung übernommen und bemühe sich, die krankheitsbedingt aufgeschobenen Verfahren mit seinem laufenden Terminplan abzustimmen und neu zu terminieren. [© Michael Klarmann; für AN (Kurzfassung, ausführlicher Bericht in der Printausgabe)]


1 Antwort auf “Rechts/GegenRechts: Zwei Jahre nach Neonazi-Überfall auf Demonstration noch kein Prozess gegen Angreifer”


  1. 1 Braver Bürger! 17. März 2010 um 18:31 Uhr

    Ja,das mit dem Angriff war eine schlimme Sache!

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