Mitte: Ein Ende mit Schrecken – nach 66 Jahren lebenslang für SS-Mörder

Aachen. Nach mehrmonatigem Prozess hat das Landgericht Aachen heute, 66 Jahre nach der Erschießung von drei niederländischen Zivilisten, den früheren SS-Mann Heinrich Boere zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Der 88 Jahre alte Boere hatte die Taten gestanden, sich jedoch auf Befehlsnotstand berufen. Ob der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Mann, der heute in einem Altenheim in Eschweiler wohnt, die Haft jemals antreten wird, ist unklar. Seine Verteidiger haben Revision beim Bundesgerichtshof angekündigt, überdies müssten Mediziner den schwer kranken Verurteilten zunächst auf seine Haftfähigkeit hin untersuchen. Weil nach Meinung des Gerichts keine Fluchtgefahr besteht, wurde Boere nicht in Haft genommen.

In Aachen ging damit am Dienstag einer der letzten Prozesse gegen NS-Verbrecher zu Ende. Der frühere SS-Mann wurde vom Landgericht wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Boere habe 1944 drei niederländische Zivilisten „in menschenverachtender, brutaler und feiger Weise“ erschossen, sagte der Vorsitzende Richter Gerd Nohl. Boere folgte der ausführlichen Urteilsbegründung laut Medienberichten [2] regungslos. Richter Nohl äußerte sich skeptisch dazu, ob der Greis seine Strafe wirklich verbüßen muss: „Ob die Strafe jemals vollstreckt werden kann – wir gehen ehrlich gesagt nicht davon aus.“ Bei einer Revision wird wahrscheinlich auch der Europäische Gerichtshof eingeschaltet. Eine Entscheidung kann Jahre dauern.

Boere verübte seine Taten 1944, als die Niederlande von Nazi- Deutschland besetzt waren. Er war damals Mitglied des SS- Mordkommandos „Feldmeijer“. Auf Befehl seiner Vorgesetzten erschoss er drei niederländische Zivilisten in Breda, Voorschoten und Wassenaar. Das Mordkommando wollte sich für Anschläge des niederländischen Widerstands rächen. Boere habe bei den Aktionen offensichtlich den Ton angegeben, sagte Nohl. „Nach Ergebnissen der Beweisaufnahme war er immer vorne mit dabei: Er fragte die Leute nach ihrem Namen und schoss als erster. Er handelte aus Überzeugung.“ Der Angeklagte hatte sich aber auf einen Befehlsnotstand berufen. Hätte er den Befehl verweigert, hätte ihm die Todesstrafe oder die Einlieferung in ein Konzentrationslager gedroht, hatte er ausgesagt.

Das Gericht wertete die Taten jedoch nicht als Kriegsverbrechen. „Es bleiben ganz normale Morde, verübt von einem Mörder.“ Der heute staatenlose Boere habe sich all die Jahre danach nicht versteckt, obwohl in den Niederlanden eine lebenslange Haftstrafe wegen der Morde offen war. „Unbehelligt lebte er seit 1955 in Deutschland,“ stellte Nohl dazu fest. Ganz offiziell hatte der frühere Bergmann sogar eine Entschädigung für eine kurze Haftzeit in den Niederlanden beantragt. Dass die Taten erst so viele Jahre danach bestraft werden, sei auch der Justiz zuzuschreiben. „Fehler sind bei der deutschen Justiz gemacht worden und wohl auch bei der niederländischen Justiz,“ sagte Nohl.

Auch Angehörigen der Opfer wohnten der Urteilsverkündung bei. „Das ist Gerechtigkeit, nach all der Zeit,“ sagte Teun de Groot (77), Sohn des erschossenen Fahrradhändlers Teunis de Groot. Laut taz [3] sagte der 77-Jährige, zum Tatzeitpunkt noch ein Kind, indes ebenso, es sei schade, dass Boere keine Reue gezeigt habe: „Er ist ein Coward, ein Feigling, ja, das ist er.“ Dolf Bicknese (73), Sohn des erschossen Apothekers Fritz Bicknese, hatte zum ersten Mal einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt, um das Urteil zu hören. Für ihn war es wichtig, dass der Schuldspruch von einem deutschen Gericht kam. „Ich bin sehr zufrieden,“ sagte er. Zahlreiche Medienvertreter aus Deutschland und den Niederlanden wohnten der Urteilsverkündung bei.

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten heute abermals Vertreter linker Gruppen. Sie kritisierten – wie schon am ersten Prozesstag –, dass NS- und Kriegsverbrecher jahrzehntelang unbehelligt von der Justiz in Deutschland leben konnten. Immer noch würden manche von ihnen ohne strafrechtliche Verfolgung bleiben. Linke Prozessbeobachter hatten das Verfahren regelmäßig besucht. Auch Neonazis und NPD-Leute hatten die Prozesse besucht. Heute waren drei Neonazis vor Ort. [© Klarmann]

[1] Siehe alle Artikel im Blog dazu unter folgender SUCHANFRAGE (Bitte scrollen und blättern.)
[2] Siehe unter anderem FAZ; Reuters (Video); ZDF (Video); Tagesspiegel
[3] Direktlink


3 Antworten auf “Mitte: Ein Ende mit Schrecken – nach 66 Jahren lebenslang für SS-Mörder”


  1. 1 Klar, Mann? 23. März 2010 um 21:15 Uhr
  2. 2 Klar, Mann? 24. März 2010 um 17:01 Uhr

    Dokumentation von Beiträgen aus Phönix und ARD:

    WDR-Lokalzeit dazu (Video):

    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2010/03/23/lokalzeit_aachen.xml?offset=22&autoPlay=true

    [Nachtrag] Der WDR-Beitrag läuft zudem unter der Rubrik: Findet Klarmann!

  3. 3 Peter 24. März 2010 um 17:05 Uhr

    Endlich kommt mit diesem Urteil, trotz lapidare Ausreden des Beklagten, die Gerechtigkeit zum tragen. Unsere Justiz beweist hiermit ihre Unabhängigkeit in der Urteilsfindung.

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