Aachen. Anlässlich der Verleihung des Aachener Friedenspreises am heutigen Abend veröffentlicht „Klarmanns Welt“ die leicht redigierten Manuskripte zu den Redebeiträgen während der Preisverleihung – mit Bezug zu dem nationalen Preisträger, Austen Peter Brandt und „Phoenix e.V.“. Nachfolgend Auszüge aus der Laudatio von Karin Kortmann, Parlamentarische Staatssekretärin a.D.:
[…] Zum 23. Mal wird heute der Aachener Friedenspreis verliehen! Wer hätte über zwei Jahrzehnten gedacht, das sich aus einer Vision, einer Idee, eine Institution etabliert, die weit über den deutschen Raum hinaus Bekanntheitswert erlangt hat und heute zu den wichtigsten Preisen gehört, die zivilgesellschaftliche Organisationen zu vergeben haben. Gestatten Sie mir deshalb zu Beginn, den damaligen Initiatoren und den heutigen Aktiven und allen, die in den vielen Jahren nicht den Mut verloren haben, Friedensbotschafter und Friedensbotschafterinnen auszuwählen und zu ehren, denen heute als erstes zu danken.
Sie haben viele weiße Tauben fliegen lassen und Zeichen der Verbundenheit mit Opfern von Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Terror gesetzt, sie haben auf Einzelpersönlichkeiten, Aktionen und Bündnisse aufmerksam gemacht, die Zeichen des Friedens setzen. Für viele Preisträger war das nicht nur eine Anerkennung ihrer Arbeit, sondern auch Rückendeckung und menschliche und politische Begleitung über Grenzen hinweg. Durch die öffentliche Wahrnehmung hat ihnen der Aachener Friedenspreis auch einen nicht zu unterschätzenden Schutzrahmen gegeben. […] Die heute zu würdigen und zu ehrenden Preisträger entsprechen diesem Geist und den politischen Implikationen.
Sie stehen für das neue Miteinander. Für die grenzüberschreitenden globalen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Sie beide stehen für die Achtung der Menschenwürde und die legitime Einklagung der Menschenrechte. Und auch dafür, dass es manchmal einfacher sein kann, als Amtsträger , als Priester Stellung zu beziehen und sich zum Anwalt der Stimmlosen, der Rechtlosen zu mache. Mystik und Politik miteinander zu verbinden. Den politischen Auftrag des alten und neuen Testaments auszuführen. Die Option für die Armen verbindet beide! Ich freue mich anlässlich der 23. Preisverleihung heute Marco Arana aus Peru und Austen Peter Brandt aus Deutschland würdigen zu dürfen.
[…] schauen wir auf die beeindruckende Arbeit unseres nationalen Preisträgers, auf das große Engagement von Phoenix e.V. und seinem Mitgründer Austen Peter Brandt. Heute in 15 Tagen jährt sich zum 75. Mal der Jahrestag, an dem der Reichsparteitag in Nürnberg das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ und das „Reichsbürgergesetz“ verabschiedete. Die Nürnberger Gesetze waren die ideologische Grundlage für die weitere Rassengesetzgebung des nationalsozialistischen Staates. Diese Rassenideologie führte zu einer der grausamsten Kapitel deutscher Geschichte: zu Ausgrenzung, Verfolgung, Verhaftung, Deportation und des Ermordens von Millionen Menschen.
„Nie wieder“ waren und sind die klaren Bekenntnisse in unserer jungen Demokratie. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes verankerten die Unverletzlichkeit jedes Menschen bereits 1949 in den ersten Artikeln unserer Verfassung: „Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 2: Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen, oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Anfang der 90er Jahre kam es aber wieder verstärkt zu Übergriffe auf Menschen anderer Hautfarbe, auf Ausländer, auf türkische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gewaltausschreitungen in den neuen Bundesländern, Flüchtlingsheime die angezündet wurden, Hetzjagden nach Volksfesten, Anschlag auf die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf. Immer wieder entstanden Bündnisse gegen Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit, wenn rechtsradikale Gruppierungen gegen Menschen anderer Herkunft aufliefen und Gewalt anwendeten. „Mach meinen Kumpel nicht an“, oder „Gesicht zeigen“ haben bundesweit aufgeklärt und Präventionsprogramme gefordert.
In dieser Zeit entstand auch Phoenix e.V., 1993 von Austen Peter Brandt gegründet, verfolgt diese Initiative einen anderen Weg. Sie sagt, dass im Zentrum aller Veränderungen der einzelne Mensch mit seiner Geschichte und seinen Prägungen steht. Es geht also nicht um eine theoretische Behandlung des Rassismus, sondern ihn mit aktuellen Lernprozessen in Verbindung zu bringen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass Rassismus die Menschen zerreißt und Unterdrückung und Leiden zur Folge hat.
Austen Peter Brandt weiß wovon er spricht. Er wurde 1952 in London geboren. Seine nigerianischen Familienwurzeln sind nicht zu übersehen. Seit seinem zweiten Lebensjahr lebte er in Essen und ist heute verheirateter Vater von drei Kindern. Er arbeitet als evangelischer Pfarrer in Duisburg-Walsum. Austen Peter Brandt hat sich bereits lange vor der Gründung von Phoenix zum Trainer für Anti-Rassismus-Trainings für Weiße und Bewusstseins-Trainings für Schwarze in Großbritannien ausbilden lassen. Inspiriert wurde er von der Britin Sybil Phoenix, die seine Lehrmeisterin wurde. Hier machte er Erfahrungen, dass die Trainings die Schnittstelle zwischen dem persönlichen und dem gesellschaftlichen Rassismus sind. Das war in Deutschland nicht bekannt, oder wie Austen Peter Brandt sagt, diese Ebene wurde in der Bundesrepublik Deutschland verdrängt.
Für Phoenix prägt der Rassismus auch heute noch die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß und ist einer der unaufgearbeiteten Faktoren in unserer gesellschaftlichen Realität. In den Trainings werden Urteile und Vorurteile ebenso angesprochen, wie Herrschaftsansprüche und die Deutung verborgener Bilder. Diesem biographischen ganzheitlichen Ansatz entspricht, dass auch die verschiedenen kulturellen und politischen Hintergründe der weißen Deutschen und der schwarzen Deutschen einfließen. Die Teilnehmenden kommen aus verschiedenen Kontexten, mit unterschiedlichen Erfahrungen. Das was sie verbindet ist die Erfahrung des Rassismus im Deutschland von heute.
Die Mitglieder von Phoenix beteiligen sich an Protesten und Aktionen beispielsweise gegen „Pro NRW“, sie beraten und begleiten Opfer rassistischer Gewalt und engagieren sich auf politischer Ebene dafür, den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu streichen und diese Definitionen auch aus den deutschen Schulbüchern zu streichen.
Austen Peter Brandt und Phoenix engagieren sich dafür den Begriff Rassismus weiter zu fassen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte unterstützt die Bedeutung eines erweiterten Rassismusbegriffs. Damit würde der Blick eröffnet, dass sich Rassismus nicht nur im rechtsextremen Lager und durch Gewalt manifestiert. Rassismus gibt es auch in der Mitte der Gesellschaft. Rassismus zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen pauschal bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Häufig gehen damit Abwertungen einher. Auch Formen direkter, struktureller und indirekter Diskriminierung in Bildung, Beruf und auf dem Wohnungsmarkt könnten dann in Deutschland die nötige Aufmerksamkeit erhalten.
Phoenix legt den Finger in die deutsche Wunde. 65 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sind wir immer noch um Aufarbeitung und Selbstfindung bemüht. Es fällt uns im Gegensatz zu Menschen in anderen Ländern schwer zu sagen, dass wir auch stolz auf die Errungenschaften in Deutschland sind. Zu sehr ist unsere Geschichte mit Krieg, Verherrlichung und Ausgrenzung belastet. Die Scham hat viele Sprachunfähig gemacht und den Blick für die neuen Formen des Rassismus getrübt.
Den Mitglieder von Phoenix und stellvertretend für alle sei Ihnen Austen Peter Brandt herzlich gedankt, dass Sie den Mut und die Kraft hatten, bereits 1993 diese neuen Trainingsansätze nach Deutschland zu holen. Mit ihrer Arbeit fordern Sie uns alle auf, genauer hinzuschauen, genauer hinzuhören, genauer nachzufragen und unser Handeln zu reflektieren. […] Lieber Austen Peter Brand, liebe „Brückenmenschen“ von Phoenix, ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zur Verleihung des Aachener Friedenspreises 2010!
Und ich tue es mit den Worten von Martin Luther King, denn sie sagen selbst, dass das am besten die Zielrichtung ihres Engagements beschreibt: „Das ist das große Problem der Menschheit: Wir haben ein großes Haus geerbt, ein großes Haus der Welt, in dem wir zusammen leben müssen. Schwarze, Weiße, Morgenländer und Abendländer, Juden und Nichtjuden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus. Eine Familie, die in Ideen, Kultur und Interessen zu Unrecht getrennt ist. Weil wir niemals wieder getrennt leben können, werden wir lernen müssen, in Frieden miteinander auszukommen.“
Für Martin Luther King war es ein Traum, für Phoenix e.V., ist es das tagtägliche Leben und Überleben. Herzlichen Dank für Ihre so wichtige Arbeit! [Textquelle/Manuskript: Aachener Friedenspreis]