Rechts: Neonazi-Hetze im virtuellen Raum

Das weltweite Netz wächst – auch seine braunen Seiten. Neonazis verbreiten ihre Hetze heute weltweit via Internet und haben längst auch das Web 2.0 für sich entdeckt. Blogs und Communitys dienen ihnen zur Vernetzung.

Aachen. Die Bluttat ereignet sich gegen 23 Uhr. Als die Ermittler ihre Arbeit aufnehmen, machen unter Neonazis schon erste Meldungen die Runde. „Nationalist von vier Türken ermordet“ meldet ein wichtiges Neonazi-Infoportal gegen 2 Uhr. Man ruft zu einer „Mahnwache in Stolberg“ am Nachmittag auf. Kurz darauf streut ein NPD-Führer über Rundmails, ein „Kamerad“ sei „abgestochen“ worden. Unzählige Neonazi-Seiten und -Foren verbreiten die „Nachricht“ binnen Stunden. Neonazis posten Einträge in den Kommentarspalten von Onlinemedien. Rund 15 Stunden nach der Tat marschieren 170 ultra-agressive Neonazis in Stolberg auf, acht Tage später reisen rund 800 aus ganz Deutschland an.

Größtenteils emotionalisiert und mobilisiert wurden die Neonazis und NPD-Leute im Frühjahr 2008 überwiegend über das Internet. Während sie schon in der Nacht ihre Propagandalügen verbreiteten, dauerte es rund 10 Stunden, bevor die Polizei offiziell per Presseinformation mitteilte: „Junger Mann bei Messersteicherei in Stolberg getötet.“ Die Mär, dass einem „Kameraden“ in der „Stolberger Blutnacht“ kaltblütig von Migranten aufgelauert wurde und er von diesen erstochen worden sei, geisterte jedoch via Web noch über Monate durch die Braunszene, obschon das Opfer der tragischen Bluttat gar kein Mitglied der Neonazi-Szene war.

Rechtsextremisten sind heute mit ihren Hassparolen immer stärker im Internet aktiv und versuchen dort Jugendliche für ihre Propaganda zu gewinnen. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den die gemeinsame Stelle der Bundesländer für den Jugendschutz, jugendschutz.net, unlängst in Berlin vorlegte. Sie registrierte im vergangenen Jahr 1.872 deutschsprachige Websites aus der Neonazi-Szene – das waren 237 mehr als im Jahr 2007 und 839 mehr als noch 2005. Die Arbeitsstelle beobachtet zudem, dass sich Neonazis immer stärker über eigene Webcommunitys vernetzen. Nach Angaben von jugendschutz.net verdreifachten sich solche deutschsprachigen, braunen Foren innerhalb eines Jahres nahezu auf mehr als 90. Auch die Zahl der registrierten NPD-Angebote stieg im Web um knapp 30 Prozent auf 242.

Neonazis und Rechtsradikale wollen indes ihre Propaganda nicht nur den eigenen Anhängern präsentieren. Schon vor fünf Jahren rief etwa ein Teilnehmer eines von Neonazis genutzten Diskussionsforums dazu auf, aus dem „Ghetto herauszutreten und andere Politikforen zu infiltrieren“. jugendschutz.net hat auch das beobachtet und aktuell abertausende rechtsextreme Beiträge in sozialen Netzwerken wie Facebook und auf Videoplattformen wie YouTube erfasst. Rechtsextremen Aktivitäten verlagern sich zunehmend auch in das Web 2.0, dem so genannten Mitmachinternet.

Nicht immer treten Neonazi-Gruppen im Internet so klar erkennbar auf wie die eng mit der NPD verwobene „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL). Sie bejubelte virtuell auf ihrer „Weltnetzseite“ am 20. April 2010 neben dessen Bild einen der größten Massenmörder und Kriegsverbrecher: „Unser Führer hat Geburtstag! […] Herzlichen Glückwunsch, Adolf Hitler!“ Und schon im Januar 2009 hatte die „Anti-Antifa Herzogenrath“ (AAFAH) Steckbriefe von Nazigegnern online gestellt. Zeitgleich publizierte Daten über einen Neonazi-Aussteiger wurden von der AAFAH garniert mit dem Hinweis, der Jugendliche sei „zum Abschuß freigegeben!“

Personen aus jenem Umfeld mobilisieren derzeit mittels einer Homepage in unverfänglichem Layout zu einem Aufmarsch gegen einen Moschee-Neubau in Aachen. Allzu fremdenfeindliche Hetze findet sich auf der Aktionsseite nicht. Aber weil die Neonazis und Hitler-Verehrer von der Stadt Aachen in einem Text als „brauner Pöbel“ angegangen wurden, kritisieren die Anhänger der antidemokratischen, menschenfeindlichen Politik ihrerseits nun den „Hass-Aufruf“ ihrer Gegner. Diese seien „inländerfeindliche Demokraten“, so die Neonazis.

Vor Jahren hätten sie das oft nur in Hinterzimmern von Kneipen oder per Szenezeitschriften ihrer kleinen Anhängerschaft gegenüber mitteilen können. Im virtuellen Raum erreichen sie mit der Propaganda theoretisch jeden Surfer. [© Michael Klarmann; für AN/AZ (Netzseiten)]