Links: Kundgebung gegen NS-TäterInnen und deren Verewigung im Straßenbild

Erftstadt. Nachdem die Antifa Erftstadt unlängst symbolisch eine nach einer Schriftstellerin im Nationalsozialismus benannte Straße im Ortsteil Friesheim umbenannt hatte [1], ruft die Gruppe in derselben Sache zu einer Kundgebung auf. Diese soll am 5. Oktober um 16 Uhr am Rathaus in Erftstadt-Liblar stattfinden. „Klarmanns Welt“ dokumentiert den Aufruf in redigierter, stark gekürzter Form:

Vor der Ratssitzung am 5. Oktober wollen wir eine Kundgebung gegen den relativierenden Umgang mit NS-TäterInnen abhalten. Anlass ist die öffentliche Debatte um die Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße im Ortsteil Friesheim. Die Dichterin gilt als literarisches Aushängeschild des Nationalsozialismus und hat sich auch nach Kriegsende nicht vom Nationalsozialismus distanziert. Im Gegenteil: sie publizierte weiterhin in nazistischen Kreisen, wie zum Beispiel in der Zeitung „Nation Europa“. Folgerichtig gilt sie auch für Neonazis noch heute als bedeutende Persönlichkeit.

Dass eine Straße in Erftstadt nach ihr benannt ist, verwundert nicht, denn Agnes Miegel konnte – wie viele andere NationalsozialistInnen auch – in der Bundesrepublik ungebrochen Karriere machen. Zur Verantwortung wurde sie nicht gezogen, als Täterin viele Jahre lang nicht angesehen. Trotz der gegenteiligen Faktenlage sind es vor allem extrem konservative Kräfte, die auch heute noch versuchen, die Ostpreußin Agnes Miegel als „Heimattreue“ und von Hitler „Verführte“ und damit als angeblich unschuldige Mitläuferin im Nationalsozialismus zu stilisieren.

Dabei war Miegel eine literarische Stütze des Nationalsozialismus. Sie vertrat eine Ideologie, die einen autoritären und rassistischen Volksstaat an die Stelle von Demokratie und bürgerlicher Gesellschaft stellen wollte. Der nationalsozialistische Staat sollte als Organismus funktionieren, in dem es kein Gegeneinander von Interessen, keine Klassengegensätze mehr gibt. Eigene Interessen sollten denen des Gemeinwesens untergeordnet werden, das Individuum in der Masse aufgehen.

Lange Zeit nach 1949 fand in Deutschland keine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus statt. Die Taten der Deutschen wurden offensiv verdrängt. Erst in den letzten Jahren kam es zur vermehrten Beschäftigung mit der Person Miegels. Nach öffentlichen Debatten kam es in vielen Städten zu Umbenennungen von Schulen und Straßen. Ein Gutachten für eine nach Miegel benannte Schule, das vom Historiker Prof. Dr. phil. Hans-Jürgen Döscher angefertigt wurde, kommt zu dem Schluss, dass sich Miegel „nachweislich zur Herrschaft Hitlers und zur Ideologie des Nationalsozialismus bekannt hat. Diese Identifikation, von der sie sich nach 1945 öffentlich nicht distanziert hat, steht im Widerspruch zum Bildungsauftrag der Schule“.

Statt den Namen der nach Miegel benannten Straße beizubehalten, streben wir eine Umbenennung in die Salomon-Franken-Straße an. Die Familie Franken war eine jüdische Familie aus Friesheim. Salomon hatte gemeinsam mit seiner Frau Else (geb. Weisbecker) drei Kinder (Jenny, *1922; Simon, *1924; Jakob, *1938). Salomon Franken hatte das Anstreichhandwerk gelernt, arbeitete aber als Vorbeter in der Friesheimer Synagoge. Als 1938 in der Reichspogromnacht auch die Synagogen in den Ortsteilen Lechenich, Gymnich und Friesheim niedergebrannt wurden, wurde Salomon Franken tags darauf, wie alle jüdischen Männer, verhaftet.

Salomon kam am selben Tag auf Grund einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg wieder frei. Spätestens jetzt war der Familie jedoch klar, dass sie keine Zukunft im nationalsozialistischen Staat haben würde, sodass sie begann die Auswanderung der beiden älteren Kinder ins heutige Israel zu organisieren. Die Eltern und der jüngste Sohn Jakob wurden im Juni 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und von dort aus am 6. Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz, indem die Familie auch ermordet wurde.

Mit der Forderung, die Straße nach Salomon Franken zu benennen, möchten wir gegen das Vergessen der NS-Opfer eintreten. Uns geht es darum, den bis jetzt unbekannten und Friesheimer Verfolgten des Nationalsozialismus in das Gedächtnis der Öffentlichkeit zurück zu holen. Wir wollen damit zeigen, dass selbst in kleinen Orten der nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungswille gegenwärtig war und dass jede/r überall in der Verantwortung steht „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ (Theodor W. Adorno)

[1] Nurganzkurz neue Anschrift für Menschen in der Agnes-Miegel-Straße