Mitte: Christlich-Jüdische Gesellschaft Aachen fix neu sortiert

Aachen/Nideggen. Nachdem er den Aachener Friedenspreis und die evangelische Kirche in die Nähe von Neonazis gerückt hatte [1], wird der nunmehr ehemalige jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen e.V., Nathan Warszawski, sein Amt niederlegen. Dies teilte die Gesellschaft in einer Pressemitteilung mit. Offenbar hatte Warszawski seine polemischen Texte und seine zuweilen sehr kruden Darstellungen, die gelegentlich in rechten und anti-islamischen Portalen nachpubliziert oder verlinkt wurden, immer wieder als „jüdischer Vorsitzender“ der CJZ unterzeichnet. So war der Eindruck erweckt worden, dass Warszawskis Texte offizielle Verlautbarungen der CJZ gewesen waren. „Klarmanns Welt“ dokumentiert die Pressemitteilung der Gesellschaft nachfolgend im leicht redigierten Wortlaut:

1.) Der Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen e.V. distanziert sich energisch und entschieden sowohl von Inhalt als auch Stil der Äußerungen von Dr. Nathan Warszawski u.a. in der AN vom 15. April zur Ausstellung „Die Nakba: Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, die vom 7. bis zum 21. Mai im Haus der Evangelischen Kirche in Aachen zu sehen sein wird. Der Vorstand hält fest, dass die diffamierende Kritik Dr. Warszawskis an der Ausstellung und ihren Veranstaltern zu keinem Zeitpunkt mit dem Vorstand der Gesellschaft abgesprochen war, geschweige denn ein Einvernehmen darüber hergestellt worden ist.

Der Vorstand teilt im Übrigen auch nicht im Ansatz die haltlosen und verächtlich machenden Verdächtigungen gegen die Evangelische Kirche in Aachen. Der Vorstand steht ausdrücklich zu seiner Verpflichtung, sich für das staatliche Existenzrecht Israels als jüdische Heimstätte einzusetzen. Die Legitimität des Staates Israel steht außer Frage. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen e.V. hat stets Wert darauf gelegt, im guten Einvernehmen mit der jüdischen Gemeinde, der katholischen und der evangelischen Kirche ihren Beitrag zu einer Kultur der Erinnerung und der Versöhnung zu leisten.

Dieser Weg ist steiniger und schwieriger als der polemisch-demagogische Weg der verbalen und auch handgreiflichen Hetzer von Rechts und Links – oder von wo auch immer. Der Vorstand wird an diesem Weg unbedingt und unbeirrt festhalten. Er begrüßt, dass Dr. Nathan Warszawski seinen Rückzug aus dem Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen e.V. erklärt hat. Für eine weitere Zusammenarbeit mit ihm sieht auch der Vorstand ausdrücklich keine Grundlage mehr.

2.) Der Vorstand hält allerdings ebenso deutlich fest, dass er – bei aller Würdigung des vernehmbaren Anliegens, dem Leid der Palästinenser in Flucht und Vertreibung Raum und Gehör zu verschaffen, – der Ausstellung seinerseits gleichwohl mit großer Skepsis und Sorge entgegen sieht. Er teilt die explizit antizionistische Ausrichtung und demzufolge grundlegend einseitige Darstellung der Geschichte, die u.a. zur Gründung des Staates Israel 1948 führte, in keiner Weise. Wichtige Kontexte der Ereignisse 1947/48 werden in der Ausstellung zudem beschönigt, ausgeblendet oder verschwiegen.

So fehlt etwa jeder Hinweis auf die Verstrickung maßgeblicher palästinensischer Führer mit dem Naziregime in Deutschland, also letztlich auch auf deren ideelle Unterstützung der Politik der Vernichtung millionenfachen Lebens. Es fehlt jeglicher Hinweis auf den massiven und lebensbedrohlichen Antisemitismus in vielen arabischen Ländern, der insbesondere nach 1948 zu einer gewalttätigen Vertreibung hunderttausender Juden aus ihren angestammten, teilweisen Jahrtausende alten Heimatorten führte. Die Kriegsereignisse des Jahres 1948 sind nach dem Stand der heutigen historischen Forschung entgegen der Kernthese der Ausstellung in keiner Weise als „ethnische Säuberung Palästinas“ zu qualifizieren. Die Mitverantwortlichkeit der palästinensischen und arabischen Führer an Ausbruch, Verlauf und Ausgang des Krieges gegen den Jischuw bzw. den Staat Israel mit allen seinen Auswirkungen wird bewusst verschwiegen.

3.) Der Vorstand der Gesellschaft befürchtet, dass die unvollständige und gewollt einseitige Darstellung der Ausstellung in ihrem appellativen Charakter antiisraelischen und auch antisemitischen Tendenzen Vorschub leisten kann. Er erwartet, dass die Veranstalter sich daher in sehr hohem Maße ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind, wenn sie diese Ausstellung zeigen. Ein qualifiziertes Rahmen- und Begleitprogramm, das angemessen auch anderen Stimmen, Darstellungen und Geschichtsdeutungen Raum und Gehör verschafft, ist zwingend notwendig. Wir bieten dazu dem Veranstalter im Rahmen unserer Möglichkeiten unsere Mitwirkung an.

4.) Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung im Nahen Osten werden nur Realität werden können, wenn beide Seiten nicht nur ihre je eigenen Deutungen der Geschichte immer und immer wieder replizieren, sondern sich kritisch auch mit ihren eigenen Verstrickungen in Schuld, Unrecht und Gewalt auseinandersetzen. Israel als freie und offene Gesellschaft unter ständiger, existentieller Gefährdung durch Terror und Genozidandrohungen vermag diese Diskussion – gleichwohl nicht ohne Verwerfungen und Spannungen – aber in der Tradition der aufgeklärten Demokratien stehend in beeindruckender Weise bis heute auszuhalten.

Die Gesellschaften der benachbarten, vielfach bisher repressiv und despotisch regierten arabischen Staaten – einschließlich der der autonomen palästinensischen Gebiete – haben über Jahrzehnte diese Erfahrung des freien, kritischen Diskurses und der Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortlichkeit nicht machen dürfen und können. Wir hoffen, dass sich durch einen möglichen Wandel hin zu demokratischen, sich an den allgemeinen Menschenrechten orientierenden Gesellschaften in den arabischen Nachbarstaaten Israels neue Impulse hin zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten entwickeln werden.

Wir rufen alle Menschen auf beiden Seiten, Regierende und Regierte zu deutlich mehr Phantasie zum Frieden auf – und beten für den Schalom. [Textquelle: redigierte Pressemitteilung der CJZ; Einleitung © Klarmann]

[1] Christlich-Jüdische Gesellschaft Aachen steht wieder vor Spaltung


1 Antwort auf “Mitte: Christlich-Jüdische Gesellschaft Aachen fix neu sortiert”


  1. 1 anyone 17. April 2011 um 22:32 Uhr

    Warum vermögen die netten Herren und Damen, die einem immer wieder antisemitismus vorwerfen eigentlich nicht, zwischen einer negativen Haltung zur Politik Israels und Antisemitismus zu differenzieren?

    Ich habe nichts gegen Juden und verurteile es generell, Menschen über einen Kamm zu scheren („Die Juden“, „die deutschen“, „die Araber“ oder was auch immer. Wir sind alles Menschen.). Trotzdem halte ich die agressive und imperialistische Ausspenpolitik Israels für verwerflich. Bin ich deswegen ein Antisemit?

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