Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Altpapier: Blasphemie in ihrer allerschönsten Rohform

Trotz seines Erscheinungsdatums (Original 1971, dt. um 1972) dürfte das Buch „Der Exorzist“ von William Blatty wohl immer noch einer der besten, im weitesten Sinne Horror-Romane ever sein. Das Buch handelt von einem Mädchen, dass plötzlich von einer mysteriösen Krankheit heimgesucht wird. In ihrem Zimmer beginnt es zu Klopfen, Möbelstücke werden verschoben, Dinge verschwinden und lassen sich später andernorts wieder finden, das Kind beginnt aufs übelste ihm nahe stehende Menschen zu beschimpfen und scheint verschiedene Persönlichkeiten anzunehmen. Ärzte und ein Aufenthalt in einer Fachklinik können ebenso wenig helfen, wie nicht unerhebliche Mengen an Beruhigungsmitteln. Hinzu kommt, dass ein Freund der Familie plötzlich auf unerklärbarer Weise zu Tode kommt. Letztlich ist es ein Jesuitenpater, der vermutet, dass das Kind von einem Dämon besessen ist; nach langem Hadern leitet der Pater einen Exorzismus ein.

Natürlich hat das Buch eine große Schwäche – seinen Titel. Denn freilich weiß der Leser schon dank des Buchrückens sofort, um was es geht – interessant wäre es sicher zu erfahren, wie dieses brillante Werk auf nichts ahnende Leser wirken könnte. Verstärkt wird die Kraft des Textes sicherlich ebenso, wenn man den nicht weniger genialen Film (1973) vor der Lektüre gesehen hat und sich visuell an dessen Szenen „orientieren“ kann. Nichtsdestotrotz bleibt Blattys Roman einer der wegweisenden Romane, sicher seiner Zeit um einiges voraus, besonders wegen seiner Mischung aus packendem Erzählstil, radikaler Umschreibungen, blasphemischer Szenen und der Liebe zum Detail. Und vielleicht ist das Kultbuch so uneinholbar gut geschrieben, dass Stephen King bisher vom Thema Exorzismus weitestgehend die Finger gelassen hat… [© Klarmann]

Altpapier: thats the way i shortstory it, baby…

Wahrscheinlich wäre Charles Bukowski mit seiner Schreibe, selbst als Klassik-Hörer, so etwas wie der Motörhead unter den Literaten. Der Erzählungen-Band „Hot Water Music“ (Original aus dem Jahre 1983 ebenso, deutsche Erstausgabe 1985 [Harteinband] und 1991 [Taschenbuch]) enthält 36 Kurzgeschichten, überwiegend aus jenen Tagen, als Hank schon von seiner Schreiberei leben konnte und somit einen Ticken „etabliert“ geworden war, er aber seinen Tagen mit schlechten Jobs, Vollsuff in üblen Bars, fiesem Sex und noch fieseren Absteigen noch sehr nahe war. Die Geschichten rocken nicht unbedingt so aufrichtig wie in „Aufzeichnungen eines Außenseiters“, „Kaputt in Hollywood“ oder „Fuck Machine“, aber unrichtig sind sie deswegen noch lange nicht… [© Klarmann]

Altpapier: Das Leben und Sterben des Hank Chinaski

Die „Kunst“, die Arbeit an einer Biografie umsichtig zu „terminieren“, besitzen heute offenbar immer weniger. Produkte der Popkultur oder Politiker liefern Quasi-(Auto)Biografien schon mit Mitte 30 ab; doch Neeli Cherkovski schrieb mit „Das Leben des Charles Bukowski“ (1991, dt. 1993) zumindest eine fast umfassende Biografie über den US-amerikanischen Kultautor. Natürlich ist diese Feststellung einer „Ironie der Geschichte“ geschuldet, denn Bukowski verstarb 1994 und bis auf wenige späte Bücher von Hank sowie die posthum von seiner Witwe Linda publizierten Manuskripte umfasst Cherkovskis Werk tatsächlich fast das ganze Leben Bukowskis.

Und dieses war nicht leicht: ein pedantischer Vater, der mit einem Lineal nachmaß, ob Hank den Rasen sauber gemäht hatte – falls nicht, also immer, setzte es Prügel; eine heftige Akne in der Pubertät; der Vollsuff, Schlägereien, miese Jobs und Frauengeschichten…nur die Pferderennbahn und das Schreiben schienen Lichtblicke zu sein. Hanks Leben wurde oftmals als wild romantisiert, für ihn dürfte es oft genug ein Albtraum gewesen sein, über den er als Schriftsteller aber selten klagte, sondern alles eher ironisch „abzuschreiben“ gedachte. Und über all das hat dessen langjähriger Freund Cherkovski wohl eines der besten Bücher geschrieben.

Zugrunde lagen bei der Recherche Interviews, sorgfältige Kenntnisse des Buk-Gesamtwerkes und nicht zuletzt die gemeinsamen Gespräche, Erlebnisse und Sauforgien. Es dürfte bis heute die beste Biografie über Bukowski sein, die nach dessen Tod 1996 mit einem aktualisierten Kapitel durch den „Maro Verlag“ wieder veröffentlicht wurde. [© Klarmann]

Altpapier: Außerirdische, Vollsuff, Bukowski und Tod…

In seinem letzten Roman „Ausgeträumt“ („Pulp“) widmete sich Charles Bukowski den Detektiv-Stories nach Art eines Philip Marlowe (Chandler). Hanks Privatdetektiv Nick Belane muss indes nicht nur ein Bukowski’sches Alkohol- und Barhocker-Problem lösen, sondern sehr sonderbare Fälle. Lady Death etwa will endlich Celine haben, ein Bestatter eine umwerfend aussehende Außerirdische – die sich später in Belane verlieben wird – loswerden und ein eifersüchtiger Fettwanst glaubt, seine hinreißend junge und gut aussehende Gattin gehe ihm fremd – vielleicht auch mit Celine? Solche Mandanten buchen Belane, der letztlich selbst irgendwie gar keinen der Fälle so richtig löst, sondern mehr durch die Hilfe von Kommissar Zufall und Aktionen jeweils anderer Auftraggeber.

Das Buch (USA, 1994) wurde in Deutschland erst 1995 nach dem Tod Bukowskis veröffentlich. Hank schreibt hier erstmals in einem Roman fiktional, wobei Belanes Suff sicherlich Ausmaße annimmt, die an Bukowskis Jahre bei der Post erinnern. Marlowe-mäßige Coolness des Schnüfflers reichert Hank dabei mit seinem ihm eigenen Sarkasmus und autobiografischen Anleihen an (Pferdewetten). Auch liest man zwischen den Zeilen immer wieder heraus, dass Bukowski todkrank war und wohl auf das Sterben „hinschrieb“ – indes extremst unterhaltsam. Und wenn Belane zwischen Suff und Resignation eine Sex-Hotline anruft, dann geht der Dialog so:

„Nick, Nick, mein lieber Junge, ich bin viel zu heiß, um ne Erkältung zu kriegen!“
„Was?“
„Ich hab gesagt, ich bin viel zu heiß für ne Erkältung.“
„Na, du klingst aber erkältet. Oder rauchst du zuviel?“
„Ich rauche nur eins, Nick!“
„Und was ist das, Kitty?“
„Kannst du’s nicht raten?“
„Nee.“
„Schau mal an dir runter, Nick.“
„Na gut.“
„Was siehst du?“
„Ein Glas Scotch. Das Telefon…“
„Was noch, Nicky?“
„Meine Schuhe…“
„Nick, und was ist das für ein großes Ding, das da vorne von dir absteht?“
„Ach, das. Das ist mein Bauch.“
[© Klarmann]

Altpapier: Warum Rourke mal Bukowski spielen durfte

1987 erschien der Film „Barfly“ – Drehbuchautor war Charles Bukowski, der für den Film einen Teil seiner jungen Jahre als Säufer, Schläger und unbekannter Dichter skizziert hatte. Mickey Rourke spielte in dem Film den alter ego Bukowskis, Henry „Hank“ Chinaski; Faye Dunaway dessen äußerst solide-verrückte Säuferfreundin. In dem Buch „Hollywood“ (1989, dt. Erstausgabe 1990) beschrieb Bukowski damals das Chaos rund um die Produktion des Films. Er konnte zwar schon von seiner Schreiberei leben und war längst nicht mehr der verrückte Hund wie zuvor, verachtete aber die Filmbranche – und ließ sich dennoch auf das Drehbuch ein. Erste Gespräche, Verhandlungen, ein abenteuerlicher Rechtehandel, Starallüren, Pleiten der Produktionsfirmen, Pannen und dann die Premiere – viele Jahre dauerte alles letztlich. Aber Hank wäre nicht Hank, hätte er nicht später den Entschluss gefasst, die dabei erlebten Absurditäten und den Wahnsinn der Filmindustrie in seiner Mischung aus Großkotzigkeit und Humoresken extremst unterhaltsam niederzutippen. Und auf Seite 294 (dt. Erstausgabe) fragt seine Freundin ihn nach der Filmpremiere, was er denn jetzt machen werde, wo alles vorbei sei. Einen Roman schreiben, laut Hanks Antwort, und zwar mit dem Titel „Hollywood.“ Der letzte Satz lautet überraschend wie folgerichtig: „Und das ist er.“ [© Klarmann]

XxxxX: Wenn den Autor dieser Zeilen die Banalitäten des Bierecks nicht entspannen…

So genannte „Hinterhofgedichte“ liefert Bernd „Harlem“ Fischle in diesem Buch ab, geschrieben seit 1992 in Stuttgart, oft mit Bezug zu einer Kneipe namens „Biereck“. Im Endeffekt mischen sich (Selbst-)Reflexionen mit Versabstraktionen. In den besten Momenten liest es sich dann so: „Realität ist die schöne Illusion, die durch AlkoholMangel entsteht. […] Wenn Träume nicht wahr werden, kann das Leben losgehen.“ Wird es mittelmäßig, klingt es anders: „In der ersten Hälfte meiner Existenz hatte ich kein Glück, vielleicht kommt ja in der Zweiten wenigstens kein Pech dazu.“ Und gehen dem Autor die Banalitäten durch, stürzt der schöne Schein ins harte Sein ab: „Es ist noch kein Meister vom BarHocker gefallen.“ Um es noch banaler auszudrücken: Aua! [© Michael Klarmann, für Ox-Fanzine]

Bernd Harlem Fischle: DIE HELDEN DES RÜCKZUGS (Killroy media; ISBN 978-3-931140-27-4; 13 Euro)

Dokumentation: Alleine gegen die Extremisten – ein Andi aus Düsseldorf

Düsseldorf. Ab sofort können Jugendliche den Comic-Helden Andi und seine Clique bei weiteren Erlebnissen mit dem Extremismus begleiten. Im inzwischen dritten Teil der Comic-Reihe des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes gerät Andis Freund Ben in die militante linksautonome Szene und in eine Spirale der Gewalt. „Damit zeigen wir, wie Linksextremisten demokratische Grundwerte bekämpfen und dafür auch Gewalt einsetzen. Es ist wichtig, dass Jugendliche über die Gefahren aller Extremismusformen Bescheid wissen. Politisch aufgeklärte junge Menschen sind das Fundament und die Zukunft unserer Demokratie,“ sagte Innenminister Ingo Wolf heute bei der Vorstellung von „Andi 3“ in Düsseldorf.

„Jugendliche sollten dazu in der Lage sein, extremistische Propaganda zu entlarven,“ erklärte Wolf. Die jugendgerechte Bildergeschichte wird in dem Heft durch Bildungseinschübe angereichert. Darin werden Begriffe und Themen rund um Demokratie und Extremismus vertieft: „Die Erfahrungen mit unseren ersten beiden Bildungscomics gegen Rechtsextremismus und Islamismus beweisen, dass wir den Nerv der Jugendlichen getroffen haben. Unser erster Andi-Comic gegen Rechtsextremismus hat bereits eine Auflage von mittlerweile 380.000 Exemplaren erreicht,“ freute sich der Innenminister.

Rund 200.000 Exemplare des zweiten Andi-Hefts gegen Islamismus sind bislang gedruckt und unter anderen an den nordrhein-westfälischen Schulen verteilt worden. Inzwischen hat der Comic auch internationale Anerkennung erfahren. Der Verfassungsschutz hat jetzt dazu in Kooperation mit dem Schulministerium eine Handreichung für den Politikunterricht bis Jahrgangsstufe 10 erarbeitet, die von der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen herausgegeben wird. Sie ergänzt „Andi 2“ in den Schulen mit Arbeitsblättern zu den Themen Demokratie, Islam und Islamismus. „Ich bin sicher, dass Handreichung und die Andi-Bildungscomics zu mehr gelebter Demokratie beitragen,“ sagte der Minister.

„Andi 3“ steht ab heute mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren Jugendlichen, Lehrkräften sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Je zwei Exemplare werden an alle weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen mit dem Angebot verschickt, weitere Klassensätze kostenlos nach zu bestellen. Das Heft soll Gegenstand von Unterricht und Demokratieerziehung sein. Alle Andi-Comics können außerdem – neben weiterführenden Informationen – auch im Internet unter www.andi.nrw.de bestellt und dort als .PDF-Datei herunter geladen werden. [Textquelle: redigierte Pressemitteilung des Innenministeriums NRW]