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Jahresrückblick [4]: 2010 im Zeitraffer…

Region. „Wir sind die Türken von morgen“ sangen Anfang der 1980er Jahre Punkbands wie OHL und Fehlfarben: Wir sind die Juden von heute finden im Oktober Hartz-IV-Bezieher. In Alsdorf ist Regionalkonferenz „Aktiv gegen Rechts“ – nach den Sprengstofffunden bei Neonazis findet sie unter Polizeischutz statt und der Autor dieser Zeilen inspiriert angeblich ein Mädchen, eine journalistische Laufbahn einschlagen zu wollen. Keine Atempause, Zukunft wird gemacht! Der Aachener Friedenspreis erteilt einem Diktator das Wort. In Grefrath mischen sich Neonazis unter einen Schweigemarsch für den vermissten Mirco. Flügelkämpfe spitzen sich derweil zu: die KAL erklärt NPD-NRW den totalen und radikalen Krieg und stutzt dem Hotel Kunkelbert die Kurzenlügenbeine. Angesichts der wachsenden Nazi-Gewalt und -Aktivitäten wird im Großraum Aachen eine Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus eingerichtet. „Pro NRW“ hat in Mönchengladbach nun auch Problemfans.

Die Flügel- und Machtkämpfe zwischen regionalen Neonazis und dem NPD-Landesverband gehen in die nächsten Runden. Neonazis aus der Region leben in Köln ihren Antisemitismus aus und kloppen sich danach mit der Polente, kurz darauf folgt eine Neonazi-Saalgaudi in Ehrenfeld. In Düren wird ein Antifaschist wegen Körperverletzung und Nötigung verurteilt – er soll u.a. den „Kameradschaftsführer“ der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) ins Gesicht geschlagen haben. In der Schariazin-Debatte muss auch daran erinnert werden, wie das mit den christlich-jüdischen Wurzeln im Nachfolgerstaat zum Holocaust-Regime gemeint ist. Das Verwaltungsgericht Aachen verweist Demo-geile AntifaschistInnen in ihre Schranken und die REPs in Alsdorf geilen sich wie Spritzgebäck an Kristina Schröder (CDU) auf, während die NPD angeblich eine Schule am Niederrhein gründet. In Erftstadt hat mindestens einer die Absicht, aus der Agnes-Miegel-Straße logischerweise direkt das Original machen zu wollen: ein Adolf-Hitler-Weg wäre doch auch ganz nett, oder? Haller schwänzt den Kreistag.

Nein, im Aachener Südraum, wo es seit Jahresanfang, wie gepöbelt, gar kein Neonazi-Problem geben darf, gibt es auch im November kein solches. Haller gibt derweil ziemlich viel Klartext zu Adolf Pieps und der Finanzierung seiner Aufmärsche zu Protokoll. Mittig geerdete Extremismus-Diskussionen keimen in Geilenkirchen und Erftstadt – als hätte Kristina Schröder es selbst eingefädelt. Der Autor dieser Zeilen wagt eine Prognosse, dass ein Prozess gegen Neonazis dauern wird – ein Urteil wird unterdessen für den 3. Jänner erwartet. Am Volkstrauertag mischen Neonazis sich unter Gedenkveranstaltungen in Vossenack, Viersen und Stolberg – in Aachen sorgen Linke zeitgleich für einen Eklat, und weil der Autor dieser Zeilen das so ausformuliert, wirft ihm ein Kommentator irgendwo vor, total verbürgerlicht zu sein und sich extrem an die Mitte anzubiedern.

Ob die Mitte das ähnlich sieht? Zumindest erhält ´s Michi mit zwei weiteren Menschen den erstmals verliehenen Bürgerpreis für Zivilcourage der StädteRegion Aachen – der „Klenkes“ wird später schreiben, „nicht nur einmal wurde [Klarmann] von Skinheads und Neonazis bedroht.“ Der Autor dieser Zeilen wird sich dafür bei allen echten Skins in seinem Freundes- und Bekanntenkreis noch zu entschuldigen haben. Immer weiter in die Nicht-Naziskin-Ecke rutscht ein Historiker ab und die rechtsextremen Russlanddeutschen finden zwischen zwei Dürener Fahnenträgern die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck wieder ganz dufte. Expansionsgelüste von „Pro NRW“ folgen im Rhein-Erft-Kreis und am Niederrhein, wo die NPD auch wieder an Land gewinnen mag – und von wo die NPD auch die Endlösung des Begriffs „Judenfrage“ plant. In der Soers zeigen sich Oecher Haudegen angriffslistig. „Klarmanns Welt“ kann wie von Geisterhand vor allen anderen Blogs, Medien und Portalen die Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Linken publizieren, einem Sympathisanten der Neonaziszene wird recht deutlich gemacht, dass ein PKW eine Waffe ist und Axel Reitz bekennt sich mal wieder zum Sozialstaat BRD – ob der ihn auch mag?

Wenn man immer nur gewohnt ist, auszuteilen – dann fällt „Pro NRW“ das Einstecken in Bergheim schwer. Die „Jungen Nationaldemokraten“ bilden sich derweil im Dezember ein, Eltern, Sozialpädagogen und Polizei in Grefrath belehrt zu haben. Erste Blockade-Ankündigungen wegen Stolberg paaren sich zumindest terminlich mit ersten Nazi-Klebeaktionen. In Alsdorf bleiben die REP zum lachen im Keller und in Euskirchen kritisiert die Antifa allerlei Lüx wegen der Enkelz. Der Prozess gegen zwei in U-Haft sitzende Neonazis aus Aachen wegen Sprengstoffbasteleien und rechter Schmierereien wurde terminiert, aber es gibt weiterhin keine rechtsterroristischen Bestrebungen. Ja, lebt denn das neue Krimi-Hotel auf Vogelsang noch?

Die KAL wirbt nun um Anhänger mittels einer Schulhof-CD. Der dezente Hinweis auf eine Meldung im „Blick nach Rechts“ führt zu Anrufen bei dem Autor dieser Zeilen. Angeblich ein Funktionär von „Pro NRW“ merkt via Handy-Mailbox an, weil der Autor dieser Zeilen ihn als „rechtsextre, äh, rechtsradikal“ beleidigt habe, solle er das zurück nehmen, „sonst kriegen Sie Ärger mit der Staatsanwaltschaft, Sie rote Sau!“ Es dürfte eine der unterhaltsamsten Anzeigen wegen Verleumdung, Verunglimpfung oder Beleidigung aus 2010 werden… In Krefeld trägt der Nikolaus Schwarz-Weiß-Rot und ein ehemaliges KAL-Mitglied wird in Leipzig aus der U-Haft entlassen. Ein Aachener Friedenspreisträger aus Köln steht weiter in der Kritik, weil er Israel nicht mag und neonazistische Wintersonnenwendfeiern gibt es auch im Raum Düren und in Mönchengladbach. Der ehemalige SS-Mann Heinrich Boere fühlt sich von den Medien ausgehorcht

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass 2010 ein extrem hektisches Jahr war. Obschon die rechtsextreme Szene in der Region schon länger zu einer der aktivsten Braunszenen in ganz NRW zählte, dürften sich Aktivitäten und Vorfälle abermals gesteigert haben. Sicher wird sich dies in der Statistik der politisch motivierten Kriminalität niederschlagen – derweil bleibt die Diskussion um ein Verbot der KAL so offen wie seit vielen Jahren schon. Ebenso sicher ist aber auch, dass die Polizeihundertschaften aus NRW riesige und gewaltig ausufernde Feten abhalten würden, würde etwa der Pulheimer Neonazi Axel Reitz einen Fehler begehen und mit einer neuen Haftstrafe konfrontiert. So dumm freilich wird Reitz nicht sein…also, auf eine Neues! [© Klarmann]

Siehe auch Jahresrückblick [1]: 2010 im Zeitraffer…; Jahresrückblick [2]: 2010 im Zeitraffer…; Jahresrückblick [3]: 2010 im Zeitraffer…