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GegenRechts: Proteste gegen Schariazin in Aachen

Aachen. Über das Internet rufen derzeit drei Antifa-Gruppen aus Aachen und eine aus Köln zu Protesten gegen die Lesung von Thilo Sarrazin in Aachen auf. Am 25. Mai wolle „der selbsternannte ‚Tabubrecher’ […] auf Einladung der Mayerschen Buchhandlung Aachen seine kulturalistischen, sozialchauvinistischen und rassistischen ‚Thesen’ auf einer Buchvorstellung zu ‚Deutschland schafft sich ab’ verbreiten,“ heißt es dazu in einem Text. Dagegen werde man demonstrieren.

Schon vor Wochen hatten sich SAV und linksjugend [’solid] gegen die Lesung ausgesprochen und gefordert, diese abzusagen. Die Lokalpresse berichtete daraufhin seinerzeit, der Seniorchef der Mayerschen, Helmut Falter, habe diesbezüglich erklärt, er „finde Sarrazins Buch hochinteressant und diskussionsfähig.“ Die Lesung mit 320 Plätzen sei ausverkauft. Laut Falter biete die Mayersche viele 100 Veranstaltungen im Jahr an. „Da kann nicht immer alles für alle richtig sein.“

Die antifaschistischen Gruppen wollen nun an jenem Abend ab 19 Uhr in der Nähe der Großbuchhandlung gegen „jeden Rassismus sowie Chauvinismus“ demonstrieren. Sarrazins Auftritt soll um 20 Uhr beginnen. Schon am 20. Mai wollen die Gruppen um 20 Uhr im Infoladen Aachen (Stephanstraße 24) einen Vortrag zu Rassismus, Sozialchauvinismus und Standortnationalismus anbieten. Man wolle nicht nur demonstrieren, sondern sich zuvor auch inhaltlich mit Sarrazins Inhalten auseinandersetzen.

Nach dem Scheitern von SPD-Ausschlussverfahren und einer angeblichen Rücknahme von umstrittenen Ansichten hatte Sarrazin erst kürzlich weiter gegen die SPD gestichelt. Der Ex-Bundesbanker kritisierte dabei bei einer Veranstaltung in Waltrop die geplante Migrantenquote innerhalb der SPD. In der Berliner SPD gebe es bereits Vorsitzende mit ausländischen Wurzeln. „Je migrantischer diese Leute eingestellt sind, desto weniger neigen sie dazu, Probleme oder Schwierigkeiten objektiv zu sehen,“ hatte eine Agentur Sarrazin diesbezüglich zitiert.

Innerhalb der – bekennenden – rechtsextremen Szene und NPD-Kreisen wählt man zu solchen Aussagen andere Begriffe, spricht etwa von einer „Verausländerung“ der Gesellschaft oder der „etablierten Parteien“. Der Ex-Bundesbanker, der auch schon einmal von einem Juden- oder Basken-Gen fabulierte, bleibt in seinem Tonfall diesmal indes hinter der NPD zurück – dessen ungeachtet dürfte der wegen seiner Auftritte und seiner unsicher klingenden Stimme manchmal unfreiwillig dümmlich wirkende Sarrazin weiterhin ein gewiefter Geschäftsmann und Medientaktiker bleiben.

Wohl dosiert funktioniert die PR für sein Buch über Monate hinweg. Und populistisch nutzt Sarrazin alles: hätte die SPD ihn ausgeschlossen, hätte er sich als verfolgte Unschuld dargestellt und den so entstehenden, weiteren Medienrummel zwecks Eigen-PR genutzt; nun indes präsentiert er sich als Sieger und stichelt nach einer kurzen Schonfrist einfach weiter gegen seine Partei, was ihm wiederum viele Möglichkeiten zwecks Eigenwerbung schafft. Und weil von diesem Erfolg auch Dritte profitieren wollen, lädt man den gewieften Geschäftsmann zu Talkshows und Lesungen ein.

Sarrazin, der Migranten nicht zutraut manche Probleme zu lösen oder fabuliert, dass Juden ein bestimmtes Gen in sich trügen, ist damit zwar nahe an dem Bundesvorsitzenden der NPD, Udo Voigt. Talkmaster, Chefredakteure oder Herausgeber – in deren Häuser selbst Juden oder Migranten beschäftigt sind – würden sich jedoch in 95 Prozent aller Fälle nicht mit dem Schmuddelkind Voigt auf einem Podium setzen. Sarrazin, der gewiefte Medienstar, ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbanker, ist da weniger schlecht für den eigenen Ruf und das eigene Business.

Innerhalb der rechtsextremen Szene, der man im Medienbetrieb meist züchtig kein oder nur ein geringes Forum bieten möchte, mag man Sarrazin – und das auch wegen dessen „Türöffner“-Potential für die eigenen, noch radikaler formulierten Inhalte… [© Klarmann]